10.03.1986

„Ich bin die Drachen-Lady“

SPIEGEL-Interview mit Yoko Ono über ihre „Friedenstour“ *
SPIEGEL: Frau Ono, spätestens seit sich die Beatles aufgelöst haben, werden Sie von der Presse nicht gerade freundlich behandelt.
YOKO ONO: Ich führe diesen unglaublichen Dialog mit der Presse jetzt schon seit 15 Jahren. Ich mußte geduldig sein, mußte mich an die Angriffe gewöhnen. Ich war und bin die "Drachen-Lady".
SPIEGEL: Warum?
YOKO ONO: Vielleicht, weil ich eine Frau bin. Vielleicht spielt, ich bin schließlich eine Asiatin, auch immer noch der Rassismus eine Rolle. Aber vor allem glaube ich, daß diese Kampagne politische Gründe hat. John und ich hatten ja auch schon früh Probleme mit der Einwanderungsbehörde und wurden vom FBI überwacht. Die Presse aber hat sich immer nur für unseren Reichtum interessiert und uns wie Ölscheichs behandelt. Als wir zum Beispiel 1972 bei einem Wohltätigkeitskonzert im Madison Square Garden eine Viertelmillion Dollar für geistig behinderte Kinder gespendet hatten, wurde das in den Zeitungen völlig ignoriert.
SPIEGEL: Spüren Sie diese Ablehnung auch in anderen Ländern?
YOKO ONO: Ja, obwohl ich glaube, daß ich in den USA sogar noch einen Heimvorteil habe. Da sehen mich die Menschen, da habe ich Kontakt zu ihnen.
SPIEGEL: Trotz der vielen Bodyguards...
YOKO ONO: Ich habe mich entschlossen, den Menschen nicht mehr zu mißtrauen. Sehen Sie, John wurde physisch ermordet, und jetzt versucht man, ihn ein zweites Mal umzubringen, indem meine Arbeit und meine Ideen derart angegriffen werden. Darum mußte ich einfach auf diese Tournee gehen. Das ist meine einzige Möglichkeit, Hallo zu sagen.
SPIEGEL: Aber der Kartenverkauf ist mehr als mäßig, und von Ihrer jüngsten Langspielplatte wurden in der Bundesrepublik nur 2000 Stück verkauft.
YOKO ONO: Wirklich? Um so wichtiger ist es, daß ich hierhergekommen bin.
SPIEGEL: Sie nehmen, auch finanziell, ein großes Risiko auf sich. Was kostet diese Tour mit ihren exzellenten Musikern und der aufwendigen Lichtshow?
YOKO ONO: Keine Ahnung. Wenn es mir nur ums Plattenverkaufen gegangen wäre, hätte ich dieses Risiko nie auf mich genommen. Verglichen mit den 60er Jahren, wo man nur ein Piano auf die Bühne stellen mußte, sind Tourneen in den 80ern fast unbezahlbar geworden. Selbst die berühmtesten Stars brauchen heute für ihre Konzerte Sponsoren. Ich hätte bei meinen politischen Aussagen wahrscheinlich keinen gefunden, aber zum Glück brauche ich ja auch gar keinen.
SPIEGEL: Ihre liebe Botschaft ist Ihnen wichtiger als kommerzieller Erfolg?
YOKO ONO: Die Tournee heißt nicht umsonst "Starpeace". Für diesen Sternenfrieden werbe ich - nicht nur mit meinen Songs. Ich möchte dem Publikum erzählen, wie es mir und meinem Sohn Shoan in den letzten fünf Jahren ergangen ist.
SPIEGEL: Und wenn Ihnen niemand zuhören will?
YOKO ONO: Ich klopfe weiter an die Tür. Die meisten Künstler haben Angst, ihre Meinung laut zu sagen. Die hatte ich auch. Nach Johns Tod hatte ich gedacht, okay, wir haben unsere Schuld beglichen, und ich wollte nur noch Mutter sein. Aber gerade als Mutter muß man doch etwas tun für eine friedlichere Welt.
SPIEGEL: Da rennen Sie doch offene Türen ein. Wer wäre denn für den Krieg und nicht für den Frieden?
YOKO ONO: Viele haben Angst, durch Abrüstung ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Die Kriegsindustrie verdient Milliarden von Dollar und schafft natürlich Jobs. Ich glaube aber, daß es noch mehr Jobs gäbe, wenn wir das Geld, das für Waffen vergeudet wird, für eine Friedensindustrie ausgäben. Das gilt selbstverständlich auch für die sozialistischen Staaten, aber wir müssen den Anfang machen, wir müssen die Hand ausstrecken. Die Star-Wars-Pläne werden schließlich von Reagan forciert.
SPIEGEL: Sie gelten immer noch als schwierige, experimentelle Künstlerin, suchen jedoch heute das Massenpublikum.
YOKO ONO: Meine experimentelle Ader ist nach wie vor da: in meinen Ideen und meiner Art zu leben. Es stimmt, für viele war ich zu avantgardistisch, heute will ich kommunizieren. Avantgarde zu sein heißt nicht unbedingt, etwas Unerhörtes zu machen. Wenn man einmal ein Klavier zertrümmert, kann das eine revolutionäre Tat sein. Wenn man das zehn Jahre lang macht, wird es zum Klischee.

DER SPIEGEL 11/1986
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DER SPIEGEL 11/1986
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