10.03.1986

Die ideale Villa

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ist wohl nur noch aus Kinder-Bausteinen herzustellen, weil darin dann echt niemand wohnen muß. Sie zu bauen war die Aufgabe, die einer Auswahl von 30 jungen Architekten aus zehn europäischen Ländern von der Rotterdamer Stiftung "Kunstprojekten" gestellt wurde.
Die Produkte der freischwebenden Architektenphantasie sind seit Samstag letzter Woche im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zu sehen". _(Die Ausstellung läuft bis zum 19. Mai. )
Unter dem Titel "Das Spiel Architektur wurde es eine Sammlung von Skurrilitäten, gefertigt aus 715000 Lego-Steinen. Ein "Architektur-Essay mit Lego" hatte es werden sollen - die bunten Plastik-Klötzchen, von der dänischen Familienfirma Ende der vierziger Jahre auf den Markt gebracht, sind heute in fünf von sechs deutschen Kinderzimmern anzutreffen und werden in 125 Länder exportiert.
Die eingeladenen Architekten folgten dem vom Veranstalter gesetzten Motto: "Architektur, ein wundervolles Spiel" (Le Corbusier) und übergingen glatt die Frage, ob die Traumhäuser, die sie sich ausdenken, technisch möglich wären. So entwarf der Finne Timo Airas eine Villa, die im Meer treibt: Eine Konstruktion aus parallelen Wänden und zwei Balkengerüsten wird von "mäßiger Dünung und den Gezeiten" auf und ab getragen. "Wenn der Wind bläst, tönen Löcher in den Balken wie Orgelpfeifen."
Eine "vibrierende Umfriedung, in Wellen brandend", hat sich auch der Belgier Jacques Sequaris vorgestellt. An eine mittelalterliche Burg erinnert der Entwurf der "Groupe 14 - 27", einer Gruppe rumänischer Architekten, die in Paris arbeiten. Wie eine Rennbahn-Tribüne wirkt die Lego-Villa der Gebrüder Wintermans aus Eindhoven in Holland, gedacht ist sie als "Teil eines Pontons oder Caissons in einem Deich an der Küste". Im Begleittext der Architekten ist - ausnahmsweise - auch an den Bewohner gedacht: "Während er an einem Glas Genever nippt, sieht er von seinem Arbeitszimmer aus, wie die Wellen auf seinem Bollwerk brechen."
Für zwei Personen ist das Stadthaus der Italiener Ugo Colombari und Giuseppe de Boni gedacht, auf quadratischem Bauplatz turmartig zusammengesteckt: "Nebenräume und Schwimmbecken befinden sich im Sockel." Während die Schweizer Architekten Marieclaude Betrix und Eraldo Consolascio ihr Haus offenbar als Träger postmoderner Ornamente auffaßten, orientierte sich der Italiener Cino Zucchi an der "klassischen Definition des Hauses als einer kleinen Stadt: Bei ihm gibt es ein Atrium und einen Garten.
Die Ausstellung läuft bis zum 19. Mai.

DER SPIEGEL 11/1986
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