10.03.1986

ENERGIEGas im Granit

Die Vorräte an Erdgas, meint der amerikanische Astronom Thomas Gold, seien in Wahrheit nahezu unerschöpflich. Eine Probebohrung in Schweden wird über die Richtigkeit der Gold Theorie entscheiden. *
Wenn da unten nichts ist" sagt der schwedische Ingenieur und Ölprospektor Tord Lindbo, "dann wissen wir das bis Ende dieses Jahres". Wenn da aber doch was ist, "dann wäre hier der Teufel los".
Da unten" - das ist in fünf Kilometer Tiefe unter den dichten Wäldern am Siljansee, 240 Kilometer nordwestlich von Stockholm. Seit kurzem lärmen dort Arbeitstrupps des staatlichen schwedischen Energiekonzerns Vattenfall: Binnen dreier Monate sollen unter einem 60 Meter hohen Stahlgerüst Bohrmeißel rotieren und ihre diamantbewehrten Zähne in den Granit schlagen.
In der Waldidylle am Siljansee, einer beliebten Sommerfrische der Stockholmer, suchen die Schweden nach Öl oder Gas - in einer Gegend, der auch die gewieften Ölprospektoren nicht einmal genug des schwarzen Erdsafts zusprechen würden, um damit einen Automobil-Tank zu füllen.
Gleichwohl war der Staatskonzern Vattenfall bereit, umgerechnet 16 Millionen Mark für das Bohr-Abenteuer bereitzustellen. Weitere Millionen sammelte Projektleiter Lindbo bei Investoren. Insgesamt setzen die Geldgeber nahezu 50 Millionen Mark - auf die Idee eines geologischen Außenseiters. Der allerdings gilt Kollegen als Genie, als "Überflieger, der sich nur selten um Details kümmert": Thomas Gold, 66, Astronom an der Cornell University im Staate New York und alle paar Jahre gut für eine wissenschaftliche Sensation.
So verblüffte Gold im Jahr 1959 Bio-Wissenschaftler mit der Erklärung, die ersten primitiven Lebensformen der Erde entstammten gleichsam den Picknick-Abfällen von Sternentouristen - eine wissenschaftliche Münchhausiade.
1968, als regelmäßige Radiosignale aus dem Kosmos Astrophysiker verunsicherten, wußte Gold Rat: Superkompakte Sterne, die wie kosmische Leuchtfeuer rotieren, seien die Urheber der Signale - richtig. Ehe Apollo-Astronauten im Juli 1969 den Mond betraten, galt Geologen die Oberfläche des Erdtrabanten als felsig. Dagegen der damalige Nasa-Berater Gold: "Feinen Staub" hätten Mondfahrer zu gewärtigen - die real existierenden Fußstapfen im Mondstaub schlichteten den Gelehrtenstreit.
Den vorerst letzten Ausfall des New Yorker Astronomen auf fremdes Forschungsterrain, 1979, betrachten die Ölprospektoren mit Argwohn: Erdöl und Erdgas auf der Erde, erklärte Gold, seien nur zu geringen Teilen "fossilen" Ursprungs. Vielmehr entstammten die in der Erdkruste gelagerten Brennstoffe jener Staubmaterie, aus der sich die Erde vor viereinhalb Milliarden Jahren gebildet habe.
Während die Öl-Geologen weltweit vor einem Versiegen der Öl- und Gasreserven schon in wenigen Jahrzehnten warnten, verhieß Gold ein wahres Energie-Dorado: In Tiefen zwischen 5000 und 10000 Metern, so der Astronom, gebe es noch riesenhafte, unerschlossene Vorräte - Gaslager vor allem, die auch in Jahrtausenden nicht zu erschöpfen seien.
Völlig absurd seien Golds Theorien, wetterten Geologen. Öl und Gas, so die nahezu einhellige Meinung der Zunft, seien "rein biologischen - Ursprungs, fossile Brennstoffe eben, deren Herkunft geklärt sei: Im Laufe von Jahrmillionen hätten sich die Überreste riesiger Farn- und Baumwälder in mächtigen Schichten abgelagert; Druck und Hitze, verursacht durch darüber lagerndes Gestein, hätten dann den Bio-Abfall zu Erdöl- und Erdgasvorkommen verbacken.
Reste pflanzlicher Zersetzung in gefördertem Erdöl sowie die Tatsache, daß Ölprospektoren organische Substanzen im Gestein als Wegweiser zu Lagerstätten nutzten, haben mittlerweile die Bio-These erhärtet. Doch die schlüssig wirkende Geologen-Theorie mußte in den letzten Jahren Rückschläge hinnehmen: *___Der zentralafrikanische Kiwusee, ermittelten Forscher, ____enthält etwa 50 Millionen Tonnen gelöstes Methan ____(Erdgas), für das es keine biologischen Quellen gibt. *___An Gesteinsspalten der Tiefsee*, wo Lava aus der ____Erdkruste austritt, wiesen amerikanische Meeresforscher ____Erdgas nach - biologische Ablagerungen, aus denen das ____Gas freigesetzt werden könnte, fehlen.
In Erklärungsnot wurden die Geologen auch durch Öl- und Gasfunde versetzt, die wie die Etagen eines Hauses übereinandergeschichtet im Untergrund lagern. "Auf welche Weise", fragte etwa der US-Prospektor William Duchscherer, "hätten sich solche Reservoirs aus Bio-Ablagerungen bilden sollen?"
Gut 5000 Meter unter der Seen- und Waldsenke in Mittelschweden könnte nun der Theorien-Zwist entschieden werden: Gasfunde unter der Siljan-Senke, das räumen Gold-Kritiker ein, wären mit der klassischen Geologen-Lehre nicht zu vereinbaren - der Granitpanzer unter dem Siljansee ist erdgeschichtlich zu alt, als daß er fossile Brennstoffe bergen könnte.
"Wenn irgendwo auf der Welt", erläuterte der amerikanische Geophysiker Tom Russell, dann sei das schwedische Granit-Becken "der richtige Platz*, um zu bohren": Wie ein kosmischer Hammer
schlug dort vor 360 Millionen Jahren ein Meteorit in den Gesteinsmantel und erschuf die heutige Siljan-Senke. Schockwellen dieses urgewaltigen Einschlags zertrümmerten den Fels in der Tiefe und modellierten so gleichsam ein Erdlabor, in dem sich Wohl oder Wehe der Goldschen Theorie erweisen könnte.
Nach Golds Hypothese nämlich wanderten in der Erdkruste gebundene Kohlenwasserstoffe, die unter extremen Temperaturen und Drücken in einigen zehn Kilometern Tiefe zu Öl und Gas verbacken wurden, durch Risse im Gestein an die Oberfläche. In der Trümmerzone unter der Siljan-Senke, so Gold, dürfte sich auf diese Weise eine gewaltige Gasblase gebildet haben.
Sieben Erkundungsbohrungen haben die Schweden während der letzten beiden Jahre in den Siljan-Granit niedergebracht. Zusätzlich durchforschten Geophysiker den Untergrund mittels künstlicher Mini-Erdbeben. Ergebnis: *___Aus allen Bohrungen drangen Spuren von Methan. Je ____tiefer die Bohrung, um so mehr Gas lieferte sie - das ____spricht für Golds These. *___Der Untergrund, befanden Wissenschaftler nach den ____seismischen Messungen, weise alle Voraussetzungen für ____ein Gaslager auf: poröses Gestein, das Gas wie eine ____Blase aufnehmen könne, und darüber dichte ____Gesteinsschichten, die als Kappe die Gasblase gefangen ____halten könnten.
Duchscherer, Chef der US-Firma Geochemical Surveys und erfahrener Ölprospektor, rechnet mit guten Chancen für die Siljan-Bohrung. "Irgendwo da unten", sagt ihm seine Nase, "muß ein Reservoir sein."
Tommy", wie Kollegen den Astronomen Gold nennen, sieht seine Theorie kräftig im Aufwind. Erbohren die Schweden wie erwartet eine große Gasblase, dann sagt Gold, sei "wieder mal alles klar".

DER SPIEGEL 11/1986
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