10.03.1986

ORNITHOLOGIELeben eingehaucht

Die weltberühmten Vogelmalereien des Amerikaners John James Audubon wurden als aufwendige Reproduktionen nachgedruckt. *
Ein Westernheld besonderer Art faszinierte 1826 die feine englische Gesellschaft: Von Kopf bis Fuß in Leder gekleidet, das schulterlange kastanienbraune Haar mit Bärenfett geglättet, machte John James Audubon die Runde in Salons und Kunstgalerien.
Der edle Wilde aus Nordamerika sammelte Subskriptionen - für sein Werk von Vogelporträts: Alles, was auf dem neuen Kontinent Federn trug, vom Spatzen bis zum Pelikan, wollte der leidenschaftliche Vogelmaler in einem gigantischen Druck-Opus vereinen.
Was ihm zu Hause nicht geglückt war, gelang Audubon in London und Liverpool. Die High Society scharte sich um den Künstler, der so trefflich die Rufe exotischer Vögel nachzuahmen und mit kuriosem Akzent, von Begegnungen mit Indianern zu erzählen verstand. Mit ihrer Unterschrift ermöglichten die bezauberten Geldgeber, darunter König George IV., die Veröffentlichung eines Buches, an dem alles unerhört war - nicht nur die Art der Darstellung, auch die Maße des Druckwerkes, der Aufwand und die Dauer der Herstellung sowie der Preis: 1000 Dollar pro Exemplar (entsprechend etwa 50000 Dollar nach heutigem Wert).
Ähnlich aufwendig kommt nun auch die Faksimile-Ausgabe von Audubons "Birds of America" daher, die letztes Jahr bei Abbeville Press erschienen ist. Gemeinsam mit der amerikanischen Audubon-Gesellschaft brachte der New Yorker Verlag das komplette Werk als monumentale Reproduktion heraus: Die zwei Zentner schwere Edition, in naschengrünes Schweinsleder gebunden, kostet 42000 Mark - eines der teuersten Bücher der Welt. _(John James Audubon: "The Birds of ) _(America"; Faksimile-Edition in 350 ) _(Exemplaren mit sieben Textbänden. ) _(Abbeville Press Inc. New York; 42000 ) _(Mark. )
Sieben Jahre dauerte es, bis die 350 Exemplare des Neudrucks fertig waren- die vier Faksimile-Bände enthalten 435 Blätter aus handgeschöpftem Papier im Audubon-Maß von 101 Zentimeter mal 67 Zentimeter. Um das Verstauen des Werkes mit insgesamt 1100 farbenprächtigen Vogel-Darstellungen zu erleichtern, ließ der Verlag eigens passende Eichenkommoden tischlern (Aufpreis: 1500 Dollar).
"Das großartigste Buch, das je in Amerika gemacht wurde, und eines der schönsten ornithologischen Werke", so enthusiastisch beschrieb Audubon-Kenner Karl Dachs Direktor an der Bayerischen Staatsbibliothek, das Original aus dem vorigen Jahrhundert, das auf Auktionen als heißbegehrte Rarität gelegentlich auftaucht. 400 Blätter, welche die Stadt New York bei Sotheby versteigern ließ, brachten im letzten Jahr zusammen 1,7 Millionen Dollar. 134 Exemplare
des Originals existieren noch, über die Welt verstreut. Entstanden zwischen 1827 und 1838, sind sie das Werk eines Sonderlings, der seiner Leidenschaft, Vögel zu zeichnen, geradezu fanatisch nachging.
Jean Jacques Fougere Audubon, Sohn eines Kapitäns, Pflanzers und Sklavenhändlers, der ihn auf Haiti mit einer Kreolin gezeugt hatte, wuchs während der Französischen Revolution in Frankreich auf, begeisterte sich schon damals für Vögel und begann zu zeichnen. Auch im Atelier von Napoleons Hofmaler Jacques-Louis David, so heißt es, habe er den Umgang mit Stift und Pinsel gelernt.
Um ihm den Militärdienst zu ersparen, schickte der Vater den Sohn 1803 nach Pennsylvania, wo er eine Farm besaß. Doch gewinnbringendes Wirtschaften war Jean Jacques'' Sache nicht. Lieber hockte er, vom Morgengrauen an, im Busch und beobachtete, was da gurrte, kreischte, piepste und flötete. So schwärmte der junge Naturfreund angesichts eines Phoebe-Geleges, die durchscheinenden, weißen Eier seien ihm "schöner als Diamanten" erschienen.
Damit der malende Vogelenthusiast sein Talent entfalten konnte, war, in Gestalt der Nachbarstochter Lucy Bakewell, eine tüchtige Frau vonnöten: Um dem Gatten die monatelangen Streifzüge durch die Wildnis zu ermöglichen, unterrichtete Lucy an ihrer kleinen Privatschule oder verdingte sich als Gouvernante.
Im Trapperanzug, mit Rucksack, Flinte und Indianerpfeife ausgerüstet, zog Audubon durch die Wälder von Ohio, durch die Niederungen des Mississippi die Küsten von Carolina und Florida entlang. Mit wissenschaftlicher Akribie bis in die feinste Feder, dabei doch symbolhaft und nahezu surrealistisch, zeichnete er den geringsten Schnäpper wie den großen weißen Reiher, die Drossel wie den Adler - keiner vor ihm hatte die Vögel so dargestellt wie Audubon. Seine vogelmalenden Zeitgenossen, etwa der damals berühmte Alexander Wilson, bildeten das Federvieh in akademischer Steifheit ab, als ausgestopfte Museumsstücke auf Sockeln.
Zwar waren auch Audubons Modelle, bevor er sie in Kohlezeichnungen, Ölbildern oder Aquarellen festhielt, ausnahmslos getötet - der passionierte Ornithologe schoß zuerst, was er dann liebevoll konterfeite. Aber er hatte, schon auf Vaters Farm, eine Methode entwickelt, den Vögeln scheinbar wieder Leben einzuhauchen: Gleich nachdem er sie erlegt hatte, spannte Audubon seine Modelle mit Drähten und Stiften auf ein Holzbrett, in genau der Haltung, in der er sie beobachtet hatte: auf ihrer Beute festgekrallte Wanderfalken, mit aufgerissenem Schnabel streitende Weibchen des Goldspechtes, den Rotsichelspötter im Kampf mit einer Schlange, beerenpickende Walddrosseln oder wespenschnappende Rotschwänze.
Nicht nur lebensecht, auch in originaler Größe wollte Audubon seine Vögel festhalten. So mußten Reiher oder Flamingos die Hälse hinunterbiegen oder die Beine einknicken, damit sie noch auf den Bogen paßten.
Nachdem er in Amerika weder Geldgeber noch tüchtige Kupferstecher für sein geplantes Riesen-Opus gefunden hatte, ging Audubon 1826, mit 41 Jahren, nach England. In den Werkstätten von Stecher Robert Havell und dessen Sohn Robert dirigierte Audubon dann gut ein Jahrzehnt lang einen Stab von manchmal 50 Helfern: Auf die damals größten erhältlichen Bögen im Format von 101 Zentimeter mal 67 Zentimeter (Fachjargon: "Double Elephant Folio") wurden die Vorlagen übertragen und koloriert. Das landschaftliche Drumherum, Blumen und Pflanzen, übernahm meist die Frau eines Freundes von Audubon, Reverend John Bachmann. Gemeinsam schrieben Audubon und Bachmann den Begleittext zu den "Birds of America", die dann in einer Auflage von etwa 200 Exemplaren herauskamen.
Um den Ansprüchen des Meisters gerecht zu werden, mußten auch die Verleger von Abbeville Press erst einmal Amerika verlassen: Die nahezu perfekte Wiedergabe des farblich komplizierten Werks schien ihnen schließlich in Japan gewährleistet, wo die Toppan Druckerei den Buchkoloß im Offset-Verfahren produzierte.
Kunst- und Vogelliebhaber, denen es weniger um Vollständigkeit als um Originalität zu tun ist, können (bei Alecto Historical Editions in London) auch noch Abzüge der Havell-Kupferplatten erwerben: eine Mappe mit sechs Blättern zum Preis von 30000 Dollar.
Ob Offset oder Original - die Lektüre des Elefanten-Folios erfordere "körperliche Fitness", spöttelte die "Financial Times" anläßlich des Erscheinens der Nachdrucke: Der Betrachter brauche zum Umblättern "ein paar gut geschulte Helfer", ausgestattet "mit ästhetischer Feinfühligkeit und weißen Handschuhen".
John James Audubon: "The Birds of America"; Faksimile-Edition in 350 Exemplaren mit sieben Textbänden. Abbeville Press Inc. New York; 42000 Mark.

DER SPIEGEL 11/1986
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