10.03.1986

„Mein Gott, hinterlaß nichts Geschriebenes“

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über die Rätsel um den Tod Marilyn Monroes _____“ So denken wir an Marilyn, die eines jeden Mannes „ _____“ Liebesaffäre mit Amerika war... „ _____“ Norman Mailer, 1973 „ *
Als erste fiel die Monroe dem Tod anheim, August 1962. Keine 16 Monate später folgte ihr John F. Kennedy der Präsident, niedergestreckt in Dallas November 1963. Und im Juni 1968 starb Robert F. Kennedy, von dem Attentäter Sirhan Sirhan in den Kopf geschossen, im Hotel "Ambassador" in Los Angeles - im selben Hotel, in dem Marilyn Monroe 1946, 20jährig und noch unter ihrem wirklichen Namen, Norma Jean Baker, als Mannequin für Strandmode ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte.
Niemand sonst verkörperte mit solcher Strahlkraft wie diese drei das Amerika der Nachkriegszeit, zu dem sich, so schien es, der größere Teil der Menschheit entzückt und bewundernd hingezogen fühlte. Ihren frühen, jähen Tod haben viele als Zeichen dafür empfunden, daß, wie es Filmschauspieler Don Murray ausdrückte. "Amerika sein Glück, seine Gnade, seine Unschuld verliert".
Am vergangenen Mittwochabend nun ist das gesamtdeutsche Fernsehvolk via ZDF von einer Sendung überrascht und verwirrt worden, die rundweg behauptet. Leben und Sterben der Marilyn Monroe sei sehr viel enger mit den beiden Kennedy-Brüdern verknüpft als bisher angenommen.
Konfus, doch unüberhörbar sagt der von Englands reputierlicher BBC produzierte Film ("Sag dem Präsidenten Goodbye) den Kennedys, Jack wie Bobby, nicht nur Affären mit Amerikas bevorzugter Blondine nach, die bis in JFKs Senatorenzeit Mitte der fünfziger Jahre zurückreichen. Das Fernsehwerk versucht auch einen unmittelbaren Zusammenhang zu beweisen zwischen Marilyns Ende und Bobby, indirekt auch JFK; denn Bobby sei am Tag ihres Todes bei der Monroe gewesen, um auf Geheiß des Präsidenten sein unkatholisches Verhältnis mit ihr abzubrechen.
Sicher hat es seit damals immer wieder, auch von glaubwürdigen Gewährspersonen, genug Gemunkel über den Star und die Dioskuren aus Neuengland gegeben. In der Filmkolonie herrschte kein Mangel an Leuten, die bezeugten, wie hoch es herging, wenn die "Kennedy boys" schon ehe Jack Präsident wurde, in Hollywood einfielen, um sich fern von Eheweib und Kind an den Glamourtöchtern des Landes gütlich zu tun. "Wie irische Feudalherren schienen sie zu glauben, sie hätten einen Anspruch auf ihre weiblichen Untertanen, besonders auf die am meisten begehrte von ihnen, Marilyn Monroe", sagte mir 1972 ihr Psychoanalytiker Ralph Greenson.
Aber daß sich zwischen den drei charismatischen Symbolfiguren des freien Westens wahrhaftig eine sexbesessene Dreiecksgeschichte abgespielt hat, ist bisher noch nie so deutlich herausgestrichen worden wie in dem BBC-Film und in dem Buch, auf dem er basiert. "Göttin: Das Geheimleben der Marilyn Monroe" heißt der Titel des Berichts, den der
Enthüllungsjournalist Anthony Summers nach umfänglichen Recherchen präsentiert hat.
Kann es sein, daß die Wahrheit erst im 24. Jahr nach dem Tod der Monroe ans Licht kommt, obwohl die wichtigen Mitspieler und Zeugen tot und die übrigen altersschwach bis gaga sind oder das, was sie bekunden, nur aus zweiter Hand wissen? Oder wird diese Wahrheit erst durch diesen Zeitabstand erfaßbar?
Da ist der knollennasige Max Block, einst Boss der Metzgergewerkschaft. Mit rumpelnder Raucherstimme erzählt er, daß er Marilyn und Bobby Kennedy 1957 mit eigenen Augen im Foyer des Hotels "Desert Inn" in Las Vegas gesehen habe. Als er sich ungläubig bei seinem Freund Wilbur Clark, dem Manager des Hotels, erkundigte, habe der ihm versichert, die beiden Liebesvögel hätten eine Suite im 27. Stockwerk.
1957 - das war immerhin im ersten Jahr von Marilyns gefeierter Ehe mit dem Schriftsteller Arthur Miller. Wohl glaubte man zu wissen, daß MM ihre Körperbotschaft "sex is fun" auch selbst befolgte. Aber hat sie, um die Redewendung eines der Gewährsmänner zu zitieren, so "mit ihrem Hintern herumgehökert"? Anscheinend. Denn parallel dazu hatte sie bis in seine Präsidentschaft hinein sporadische Stelldicheins mit John F. Kennedy.
Sie hat sich freilich nicht, wie die Gangsterbraut Judy Exner, ins Weiße Haus einschmuggeln lassen, um mit dem phallokratischen Präsidenten zu schlafen. Sie hat sich mit Jack und Bobby in einer Villa im spanischen Stil getroffen, die Peter Lawford, der schauspielernde Schwager der Kennedy-Brüder, am breiten Strand von Santa Monica besaß.
Er habe gehört, wie "die Bettfedern quietschten und so weiter und so fort", behauptet der Privatdetektiv John Danoff, der eine von dem Abhörspezialisten Spindell in Lawfords Haus installierte Wanzenanlage benutzt haben will, um dem Staatsoberhaupt, von Marilyn Monroe kurz "Präs" genannt, auf die Schliche zu kommen - Jimmy Hoffa, der von Bobby, dem Justizminister, verfolgte kriminelle Gewerkschaftsboß, suchte Material gegen die Kennedys.
Der Präsident zog sich nach seinem ersten Amtsjahr von der "Stradivarius des Sex" (Norman Mailer über die Monroe) zurück, weil ihm offenbar klar wurde, daß Marilyns stets labiles, pillengedoptes Gemüt ganz aus den Fugen zu geraten drohte. Bobby dagegen hielt seine Liaison mit der schlafwandlerischen Schönheit zunächst noch aufrecht, intensivierte sie sogar.
Marilyn begann sich einzureden, daß der Justizminister sich von seiner Frau Ethel, mit der er bereits acht Kinder hatte, scheiden lassen könnte, um sie zu heiraten. Das jedenfalls ist zweifelsfrei _(Bei der Geburtstagsfeier für John F. ) _(Kennedy am 29. Mai 1962 im Madison ) _(Square Garden. )
bezeugt durch mehrere Frauen, die MM ins Vertrauen zog, besonders die Tochter ihres Analytikers, Joan Greenson. Überdies hat Rechercheur Summers ein objektives Dokument aufgetrieben: Telephonkladden des Washingtoner Justizministeriums, in denen Anrufe der Monroe aus dem Frühsommer 1962 aufgelistet sind.
Doch als der 36jährige Star, dessen allererste Filmdialog-Zeile "Ein paar Männer verfolgen mich!" lautete, nun Bobby mit Telephonaten zu verfolgen begann, rückte auch der jüngere Kennedy, durch seinen Bruder gedrängt, von Marilyn ab.
Am 3. August 1962, anderthalb Tage vor Marilyns Tod, so hat es Anthony Summers rekonstruiert, flog der Justizminister mit seiner Frau Ethel und mehreren Kindern zu einem politischen Freund, dem Anwalt John Bates, auf dessen Ranch bei Gilroy, südöstlich von San Francisco. Bates, ein ehrenwerter Mann, versichert heute, Bobby sei bis zum 5. August ununterbrochen auf der Ranch gewesen, auch wenn er, Bates, ihn nicht die ganze Zeit vor Augen hatte: "Er hätte auf keinen Fall fortkommen können, ausgeschlossen."
Summers aber bringt Evidenz dafür bei, daß Robert Kennedy am 4. August, einem Samstag, in Los Angeles und Santa Monica war und am Nachmittag die Monroe in ihrem Haus in Brentwood besucht hat. Marilyns Haushälterin Eunice Murray bezeugt heute, was sie früher verschwieg: daß Bobby bei Marilyn war und sie ihm eine heftige Szene gemacht hat.
Auch Ward Wood, ein Nachbar Lawfords am Strand von Santa Monica, will Bobby an diesem Nachmittag vor Lawfords Haus gesehen haben. Und Debbie Gould, die damals ein Kind war, erklärt, sie habe die ganze Geschichte von Peter Lawford erfahren, der sie 1976 heiratete (und Ende 1984 starb).
Nach Bobbys Besuch, so Debbie Gould, habe die Monroe hilfesuchend Lawford angerufen: "Sie sagte ihm, sie könne nicht mehr. Es wäre das beste für alle, wenn sie tot wäre, und daß sie sich umbringen würde." Lawford habe ihr mit seinem "zynischen Sinn für Humor" (Debbie Gould) geantwortet: "Unsinn, Marilyn, reiß dich zusammen. Aber mein Gott, was immer du tust, hinterlaß nichts Geschriebenes."
Daß die Behörden damals gar nicht wissen wollten, was an jenem Abend geschah, dafür bürgt ein unglaubliches, aber erwiesenes Faktum: Erst 13 Jahre danach, 1975, ist die Schlüsselfigur Peter Lawford erstmals von der Polizei vernommen worden. Er sagte aus, er habe die Monroe zum Essen eingeladen und sie, als sie nicht erschien, um halb acht Uhr abends zurückgerufen. In dem Vernehmungsprotokoll heißt es: _____" Sie sprach undeutlich. Sie sagte, sie sei müde und " _____" werde nicht kommen. Ihre Stimme wurde immer weniger " _____" hörbar, und Lawford begann, sie anzuschreien*, um sie " _____" wach zu machen. Dann sagte sie: "Sag Goodbye zu Jack " _____" (John F. Kennedy) und sag Goodbye zu dir selbst, weil du " _____" ein netter Bursche bist." "
Ist Lawford am späten Abend beunruhigt zum Haus der Monroe gefahren, ohne Bobby oder mit ihm, wie Debbie Gould erzählt? Hat er die Monroe bewußtlos'' aber noch lebend vorgefunden? Hat er Zeit gewonnen, um "Geschriebenes" beiseite zu schaffen? Hat er dafür gesorgt, daß Bobby, noch während Marilyn Monroe im Sterben lag, in der Nacht aus Los Angeles ausgeflogen wurde?
Keine dieser Fragen ist mehr schlüssig zu beantworten. Gewiß ist nur, daß der Justizminister am nächsten Morgen mit seiner Familie pünktlich um 9.30 Uhr zur Sonntagsmesse in der katholischen Kirche von Gilroy erschien.
Doch auch die Annäherungen an die Wahrheit über die drei Idole und das Ende ihrer Story tun noch immer weh. So wurde ein Dokumentarbericht über dieses Thema, den die große TV-Gesellschaft ABC 1985 produzierte, in letzter Minute aus dem Programm genommen und in den Giftschrank gepackt.
Da braucht sich niemand zu wundern, daß auch die ausgefalleneren Aussagen Glauben finden - die Geschichte zum Beispiel, die Bob Slatzer, ein früheres Verhältnis der Monroe, vor der BBC-Kamera verriet: Zehn Tage vor ihrem
Ende habe sie ihm das Tagebuch gezeigt, in dem sie ihre Begegnungen mit Bobby festgehalten habe. Alles habe der Justizminister ausgeplaudert: daß er den "Mistkerl" Hoffa, den Erzfeind, "hinter Gitter bringen" werde und daß die Brüder Kennedy Fidel Castro ermorden lassen wollten.
Marilyn, so Slatzer, habe sich rächen wollen, wenn Bobby sie verließe. In einer Pressekonferenz habe sie ihre Affären mit den Kennedys offenlegen wollen: "Sie wollte von seinen Versprechungen und seinen Lügen sprechen und zeigen, daß er sie getäuscht hat."
Bei der Geburtstagsfeier für John F. Kennedy am 29. Mai 1962 im Madison Square Garden.
Von Wilhelm Bittorf

DER SPIEGEL 11/1986
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