10.03.1986

MEDIZINAuf wankendem Boden

Ein Bußgeld für Vorsorge-Verweigerer forderte letzte Woche der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. *
Noch bevor der 18. Deutsche Krebskongreß in München eröffnet war, drohte der Tagungsvorsitzende dem Patientenvolk mit schmerzhaften Eingriffen - "und zwar an des Bürgers empfindlichem Teil: seinem Geldbeutel".
In Interviews und auf Pressekonferenzen geißelte Professor Ekkehard Grundmann, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Anfang letzter Woche das Desinteresse der Bundesbürger an der Krebsvorsorge. Die Teilnahme an den kostenlosen Untersuchungen klagte er, habe einen alarmierenden Tiefstand erreicht: nur noch 30 Prozent der Frauen und rund zehn Prozent der Männer machten von dem Angebot zur Frühdiagnostik Gebrauch.
Gegen soviel Saumseligkeit möchte Grundmann nun energisch einschreiten: Wer ein Bußgeld für Gurtmuffel gutheiße, meinte er, dürfe vor Sanktionen gegen Vorsorge-Verweigerer nicht zurückschrecken.
Von seinen Verbandsjuristen hat Volkserzieher Grundmann schon einen Maßnahmenkatalog ausarbeiten lassen, der demnächst als Grundlage für Verhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen dienen soll. Gedacht, ließ Grundmann wissen, sei etwa an einen Kassenbonus für Vorsorgewillige, aber auch an einen Beitragsaufschlag für die Verweigerer.
Tiefer ins Detail wollte Grundmann nicht gehen. Statt dessen machte er mit starken Worten Stimmung für seinen Vorstoß. Jeder dritte Krebsfall, wetterte er, gehe auf das Konto Rauchen; der Tabakkonsum müsse deshalb wie der Genuß von Rauschgift gesellschaftlich geächtet werden (SPIEGEL-Titel 10/ 1986). An einem Großteil der übrigen Krebsfälle sei eine falsche Ernährung schuld; die wirke sich verheerender aus als "manch industrielles Umweltgift".
Durch umfassende und konsequente Vorsorge, behauptete Grundmann, könnten 30 Prozent aller bösartigen Tumorerkrankungen verhindert, weitere 30 Prozent bei frühzeitiger Diagnose dauerhaft geheilt werden - die in München versammelten Krebsexperten vernahmen es mit Staunen.
"Keine Ahnung, wo der seine Zahlen herhat, bekannte etwa der Hamburger Krebsspezialist Lutz Hoffmann, Leiter der onkologischen Abteilung am Allgemeinen Krankenhaus Barmbek: "Jeder, der sich auskennt, weiß, was er von den Krebsstatistiken zu halten hat: die stehen alle auf wankendem Boden.
Natürlich, räumt Hoffmann ein, liege das Lungenkrebsrisiko bei Nichtrauchern deutlich niedriger. Doch wer dem Lungenkrebs entrinne, bleibe unvermindert von den übrigen Krebsarten bedroht, etwa vom Darmkrebs; gegen den, so Hoffmann, helfe keine Vorsorge: "Ein Rezept für die richtige Ernährung kennen wir bis heute nicht. Allerdings, je früher ein Darmkrebs erkannt wird, desto größer sind die Heilungschancen.
Als beispielhaft für den Nutzen der Früherkennung gilt der Gebärmutterhalskrebs: Bei beginnender Veränderung der Zellen genügt ein kleiner Eingriff, um sie zu entfernen. Beim ausgebildeten Gebärmutterhalskrebs dagegen liegt die Überlebenschance für die Patientin nur noch bei zwei Dritteln.
Beim Lungenkrebs dagegen bringt die Frühdiagnose, laut Hoffmann, "so gut wie gar nichts". Mit einer einförmigen, undifferenzierten Vorbeuge-Strategie, so das Resümee des Hamburger Fachmannes, sei den insgesamt 150 bekannten Organkrebsen nun einmal nicht beizukommen.
Umstritten ist das schematische*, zudem auf nur wenige Krebsarten beschränkte Vorsorgeprogramm schon seit seiner Einführung im Jahre 1971. Und ebenso ausdauernd hat die Mehrheit der Deutschen das Gratisangebot ausgeschlagen: Weder Aufklärungsbroschüren und Aufkleber ("Krebs ist heilbar") noch Mildred Scheels Deutsche Krebshilfe haben es vermocht, die Bundesbürger massenhaft zur Vorsorgeuntersuchung in die Arztpraxen zu treiben - ein Flop, den die Sozialwissenschaftler immer wieder untersucht haben.
Stets waren die Motivforscher in den Tiefen der Volksseele auf einen "Abgrund von Furcht" gestoßen (so die Hamburger "Zeit"), auf eine lähmende Todesangst, die durch nichts zu beschwichtigen war. Selbst optimistisch getönte Informationsschriften über Krebs, so entdeckte der Freiburger Psychologie-Professor Josef Schenk, steigerten nur die innere Panik, die eine realistische
Einschätzung etwa der Therapiechancen gar nicht erst zuließ.
Angesichts so heftiger Widerstände haben viele Mediziner längst resigniert. "So läßt sich die Bevölkerung nicht aktivieren, erkannte schon vor Jahren Professor Klaus Goerttler vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Das offizielle Vorsorgeprogramm, urteilte Goerttler abschließend, habe die einst "sehr hochgeschraubten Erwartungen nicht erfüllt"
"Milliardenbeträge wurden vertan, die in der Krebsforschung anderweitig fehlen", konstatierte der unlängst verstorbene Radiologie-Professor Ernst Krokowski 1984. Das kostspielige, dazu ineffektive Programm sei schleunigst abzusetzen, sonst werde "in einigen Jahren eine weitere Enttäuschung und Ernüchterung unvermeidbar sein". Krokowski hatte den Befürwortern vorgerechnet, daß ihr Programm - mit nur vier Organ-Untersuchungen (Brust, Gebärmutterhals, Enddarm und Prostata) - bestenfalls 30 Prozent aller Krebserkrankungen der Frau und 14 Prozent der Männer-Krebse erfasse; doch selbst die, so Krokowski, würden mit den gängigen Untersuchungstechniken höchst unvollständig entdeckt, auf jeden Fall aber zu spät für eine sichere Aussicht auf Heilung_
Dabei steht für alle sachkundigen Beobachter fest, daß nur überzeugende Therapiefortschritte die verängstigten Laien stärker als bisher zur Krebsvorsorge motivieren könnten. Doch was die behandelnden Tumor-Spezialisten vorzuweisen haben, ist immer noch nicht sonderlich eindrucksvoll und wird von den Patienten häufig mit schweren Einbußen an Lebensqualität erkauft.
Fast jedermann, so berichten die Sozialforscher habe die Marter einer Krebstherapie im Familien- oder Freundeskreis schon einmal miterlebt, eine Quälerei, die sich im Gedächtnis des Zuschauers festhake. Gegen die abschreckenden Erinnerungsbilder, meinen die Experten, sei mit optimistischen Parolen so leicht nicht anzukommen.
Ob das mit sanfter Gewalt eher gelingen kann, bleibt fraglich und wird sich fürs erste wohl auch nicht in Erfahrung bringen lassen. Schon Mitte letzter Woche nämlich war Professor Grundmanns vehement vorgetragene Attacke so gut wie gescheitert.
Bonner Koalitionspolitiker, auf neue Reizthemen nicht gerade versessen, bemühten sich, die unpopuläre Grundmann-Idee schnellstens zu beerdigen. "Sanktionen für Vorsorge-Muffel, so verkündete Stefan Höpfinger, Parlamentarischer Staatssekretär in Norbert Blüms Arbeitsministerium, "widersprechen unserem Verständnis vom mündigen Bürger".
Erleichterung dürfte die Klarstellung auch den meisten Ärzten verschafft haben: Nur jeder zehnte Doktor, so das Ergebnis einer Umfrage, geht regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung.

DER SPIEGEL 11/1986
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