14.04.1986

KUBAWahre Wurzeln

Nach mehr als 25 Jahren Diskriminierung hofiert KP-Chef Fidel Castro nun die katholische Kirche. *
In San Cristobal, der alten Kathedrale von Havanna, drängten sich Gläubige zu Tausenden, begeistert riefen sie den Namen des Papstes. 5000 Hostien hatten die Priester vorbereitet - viel zuwenig bei dem Massenandrang um die Kommunion.
An diesem sonnigen Februartag, Höhepunkt der ersten kubanischen Kirchenkonferenz seit 1959, schien der Katholizismus auf der kommunistischen Zuckerinsel des Maximo Lider Fidel Castro wiederaufzuerstehen.
Seither machen sich die Gläubigen sogar Hoffnungen, Johannes Paul II. werde Kuba besuchen. Solchen Spekulationen allerdings begegnete die römische Kirche bislang hinhaltend: Bei seiner Lateinamerikareise im Juli werde der Papst nicht in Havanna Station machen, möglicherweise aber 1987. "Die katholische Kirche Kubas hat sich immer einen Besuch des Papstes in unserem Lande gewünscht", sagt Jaime Ortega. Erzbischof von Havanna. zum SPIEGEL. "Auch Castro ist wirklich daran interessiert und will die Visite gut vorbereiten."
Dabei war es allein schon eine Sensation, daß sich 181 Vertreter der katholischen Kirche treffen durften, um eine Woche lang darüber zu reden, wie die Beziehungen zum Regime verbessert werden könnten. Denn seit der kubanischen Revolution vor 27 Jahren war die Religion verpönt, wurden die Gläubigen staatlich diskriminiert.
Als der Comandante Fidel Castro am 8. Januar 1959 siegreich in Havanna einzog, trug er noch geweihte Heiligenmedaillen und Rosenkränze. Mit ihm kam Pater Sardinas, der auf seiten der Revolutionäre in der Sierra Maestra gekämpft hatte.
Doch allmählich setzten sich die neuen Machthaber ideologisch vom Katholizismus ab. Praktizierende Christen wurden nicht in die Partei aufgenommen, daher blieb ihnen eine Karriere im Staatsdienst oder an der Universität versperrt.
Anfang der 60er Jahre mußten viele Bischöfe und Priester die Insel verlassen, kirchliche Schulen wurden geschlossen, KP-Chef Castro griff die Kirche als "Refugium der Konterrevolution" scharf an. Im Gegenzug exkommunizierte der Papst 1962 den Katholiken Fidel.
Von den rund zehn Millionen Kubanern sind inzwischen nur noch 41 statt früher 90 Prozent nominell Katholiken, darunter schätzungsweise nur 80000 praktizierende. Die Priesterschaft ist auf 210, ein Viertel der Zahl von 1960, zusammengeschmolzen. In Castros Reich gibt es nur noch 300 Nonnen statt 3000 vor der Revolution. Als Mitteilungsorgan blieb der Kirche ein einziges, vier Seiten dünnes Blatt: "Vida Cristiana" (Christliches Leben).
Nun jedoch setzt Staatschef Castro Signale für einen Wandel: Während der Kirchenkonferenz, gerade eine Woche nach dem dritten Kongreß der KP Kubas, _(Im Januar 1985 bei einem Empfang für ) _(eine Delegation der nordamerikanischen ) _(katholischen Bischofskonferenz. )
empfing er Kardinal Eduardo Pironio, der als Delegierter des Vatikans aus Rom angereist war, um salbungsvolle Grußworte des Papstes für die kubanischen Glaubensbrüder zu übermitteln: "Ihr werdet innerlich von der Erfahrung der Gnade angeregt, die im Laufe der schwierigen Jahre durch Gebet, Opfer und das entsagungsvolle christliche Lebenszeugnis zahlreicher kubanischer Katholiken herangereift ist."
An der Schlußsitzung des Treffens nahm, abgeordnet vom Maximo Lider, der stellvertretende Außenminister Ricardo Alarcon teil. "Die Zeiten der Konfrontation sind zu Ende", meinte da Monsignore Catlos Manuel de Cespedes, Sekretär der kubanischen Bischofskonferenz. "Konzilianz kennzeichnet jetzt das Verhältnis zwischen Staat und Kirche."
Zum Abschluß ihres Treffens legten die Katholiken einen 200 Seiten starken "Orientierungstext" vor. Ihr Wunschkatalog umfaßt eine aktivere Beteiligung am politischen und sozialen Leben. Zugang zu den Medien sowie Garantie der Religionsfreiheit in den Schule. "Die Kinder gehen sonntags in die Kirche und hören montags von ihren Lehrern, Gott existiere überhaupt nicht", klagt Cespedes.
Offenbar hat sich der Revolutionsheld nun aber Religionsfragen zum neuen Lieblingsthema erkoren. Ein Buch mit dem Titel "Fidel und die Religion" zeigt, daß er mit der Kirche nicht bloß flirtet.
Auf 384 Seiten faßt der brasilianische Dominikaner Frei Betto 23 Stunden Gespräche zusammen, die er vergangenen Mai mit Castro geführt hatte. Das Fernsehen Kubas meldete die Veröffentlichung, sogar die Parteizeitung "Granma" kündigte Castros religiöse Standortbestimmung mit dem Zitat an: "Der wahre Autor sind die unterdrückten Völker Lateinamerikas. Das Christentum ist grundlegend kommunistisch."
Die Kubaner, gewohnt, begierig alles aufzunehmen, was aus dem Mund des Maximo Lider kommt, standen am ersten Verkaufstag vor den Buchhandlungen Schlange. Die erste Auflage von 45000 Exemplaren war nach zwei Tagen vergriffen.
Castro meint, er könne eine Synthese zwischen seinem Marxismus und der christlichen Lehre entwickeln: "Es gibt 10000mal mehr Koinzidenzen des Christentums mit dem Kommunismus als mit dem Kapitalismus." Die zehn Gebote entsprächen den moralischen Grundsätzen der kubanischen Revolution, das sozialistische Postulat von Gleichheit, Brüderlichkeit und Solidarität sei nichts anderes als das christliche Gebot der Nächstenliebe.
Die kubanischen Revolutionäre, behauptet Castro ferner, ähnelten sogar christlichen Märtyrern, die Revolution interpretiert er als Wunder: "Christus hat Fische und Brot vermehrt, um dem Volk Nahrung zu geben. Was wir mit der Revolution und dem Sozialismus tun wollen, ist genau dies: Schulen, Lehrer, Krankenhäuser und Ärzte vervielfachen, die Produktivität von Industrie und Landwirtschaft vervielfachen, Forschungsstätten und Forschungsvorhaben vervielfachen."
Castros Gesprächspartner, der Geistliche aus Sao Paulo, ist ein Verfechter der Kirche der Armen. Der Befreiungstheologe, der vier Jahre in Gefängnissen der brasilianischen Militärs eingesperrt war, verbirgt seine Bewunderung für die kubanische Revolution nicht. Deshalb stellt er dem Comandante keine kritischen Fragen, sondern gibt ihm die Gelegenheit, Propaganda zu machen für eine
"strategische Allianz zwischen Christen und Kommunisten", so Fidels Kulturminister Armando Hart in seinem Vorwort.
Aus dem neuen Bestseller erfahren die Kubaner, daß Fidels Mutter eine strenge Katholikin war - überall im Hause brannten Kerzen für die Heiligen und für die Jungfrau Maria - und daß er als Kind seine Lehrer an der Jesuitenschule verehrte.
Dennoch sei es nach dem fehlgeschlagenen Versuch, Castro durch die USgesteuerte Schweinebucht-Invasion 1961 zu stürzen, nötig gewesen, die Kommunistische Partei Kubas zu gründen, die ganz rigoros dem Marxismus-Leninismus gehorcht. Sie habe die Katholiken nicht in antireligiöser Absicht ausgeschlossen, sondern als "potentielle Konterrevolutionäre".
Tatsächlich war der Katholizismus in Kuba nie so tief verwurzelt wie sonst häufig in Lateinamerika. Die Priester wurden meist in Spanien ausgebildet, vertraten konservative Positionen und unterstützten vor allem die Oberschicht, die ihre Kinder auf kirchliche Gymnasien schickte. Diie einfachen Leute folgten oft dem Voodoo-Kult und afrikanischen Riten, die schwarze Sklaven schon seit dem 16. Jahrhundert auf der Insel eingeführt hatten.
Inzwischen ist die kubanische Kirche progressiver geworden, bereit zur Versöhnung mit den Atheisten. Und der Ex-Revolutionär bekennt gegenüber Frei Betto, daß er heute die kirchliche Arbeit für die Armen anerkenne. Die Befreiungstheologie sei "die Wiederbegegnung des Christentums mit seinen wahren Wurzeln". Ein Kuba-Besuch des Papstes, den er "einen bedeutenden Politiker" nennt, würde Castros Werbefeldzug um die Gunst der Gläubigen krönen.
Trotz der Sympathie-Offensive Castros warnten einige Delegierte der Kirchenkonferenz vor zuviel Optimismus. Auch Monsignore Cespedes glaubt nicht daran, daß sich der 60jährige Marxist wirklich der Religion geöffnet habe. "Er weiß, daß er davon innenpolitisch profitiert. Dann wird ihm das auch in der Außenpolitik nützen."
Im Januar 1985 bei einem Empfang für eine Delegation der nordamerikanischen katholischen Bischofskonferenz.

DER SPIEGEL 16/1986
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