17.02.1986

LANDWIRTSCHAFTZ'wenig Weiberleit

Bauern finden kaum noch Bäuerinnen - Frauenmangel wird in der Landwirtschaft zum Existenzproblem. *
Der Bauer Helmut Motschmann aus Rugendorf im oberfränkischen Landkreis Kulmbach hat zwar nicht viel zu bestellen, gerade 28 Hektar Ackerland, auf dem er Braugerste anbaut; hinzu kommen elf Hektar Wald. Aber "wennst die ganze Arbeit draußen und daheim allein machen mußt", sagt er "dann bist halt aufg''schmissen".
Den Zustand ertrug Witwer Motschmann, 50, dessen Sohn von der Landwirtschaft nichts wissen will, drei Jahre lang. Dann fand er, mit Hilfe eines Partnervermittlungsinstituts, endlich wieder eine Frau: Mercedida Santos von den Philippinen.
Die bayrisch-asiatische Mischehe ist Ausdruck eines "echten Notstands", wie Wolfgang Riedel weiß, der Sprecher des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) - eines Notstands, der in Bayern nur besonders dringlich zu sein scheint, aber auch im Holsteinischen oder im Hunsrück akut ist: Ehefrauen-Mangel in der bäuerlichen Landwirtschaft. "Mir ham", sagt Riedel, "z''wenig Weiberleit."
Jeder fünfte Jungbauer in der Bundesrepublik bleibt trotz mitunter intensiver Suche ohne Bäuerin. "Die Hoffnungslosigkeit der Betroffenen", so eine BBV-Studie zum Thema, "und die sich breitmachende Resignation sind teilweise erschreckend."
Vor einer Generation, in den fünfziger Jahren, war, wie Untersuchungen des Agrarsoziologen Ulrich Planck von der Universität Stuttgart-Hohenheim ergaben, das Ehe-Leben auf dem Lande noch im Lot. Fast jeder Landwirt heiratete eine Landwirtstochter - nach der Devise: "Heirate über den Mist, dann weißt du, wer sie ist."
Heute stammt jede vierte Heiratskandidatin aus nichtbäuerlichem Milieu. Bevorzugte vor 30 Jahren noch fast die _(Oben: im holsteinischen Gasthof ) _("Immenhof" in Schakendorf; ) _(unten: aus dem "Landwirtschaftlichen ) _(Wochenblatt" des Bayerischen ) _(Bauernverbandes (Ausriß). )
Hälfte der Bauerstöchter einen jungen Landwirt als Lebensgefährten, so gilt das jetzt nur noch für jede sechste. Das Leben auf dem Bauernhof ist nicht mehr attraktiv, selbst stattlicher Besitz lockt kaum noch.
Mancher Bauer hat schon 30mal inseriert und keine einzige Antwort bekommen. Die Anzeigenspalten der bäuerlichen Fach- und Verbandsblätter sind ständig gut assortiert. Witwen und miteingebrachte Kinder sind "kein Hindernis", heißt es da. Von Hinweisen wie "ohne Eltern" oder "viehlos" versprechen sich die Bauern ebenfalls Erfolg.
"Viehlos" heißt: keine Stallarbeit - wenigstens ein kleiner Trost. Arbeit nämlich, womöglich sieben Tage in der Woche und das ganze Jahr, sowie der entsprechende Freizeitmangel sind der Hauptgrund, warum immer mehr Mädchen vom Land dem Land den Rücken kehren. Je abgelegener und ländlicher der Ort, desto größer ist der Exodus.
Nach Angaben der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) leisten Bauernfrauen in Haupterwerbsbetrieben neben ihrer Haushaltstätigkeit noch durchschnittlich etwa 37 Arbeitsstunden pro Woche. Zwar ist der Typus der abgerackerten Landfrau mit schwieligen Händen im Zeitalter der Maschinenringe und Melkautomaten längst nur mehr Legende. Doch das "Bild der arbeitsüberlasteten Bäuerin" (Planck) behielt seine abschreckende Wirkung.
Den heiratsfähigen Mädchen paßt häufig nicht, daß die Schwiegereltern noch im Austrag auf dem Hof leben oder diesen noch gar nicht übergeben haben. Auch Bauerstöchter, die einst nicht selten gegen ihren Willen verkuppelt wurden, kennen mittlerweile, so Planck, die "Annehmlichkeiten eines eigenen Berufs und des eigenen Haushalts" - und die der freien Entscheidung.
Andere Ursachen des dörflichen Ehe-Notstands scheinen eher traditionell bedingt: Besonders in katholischen Landstrichen werden Männlein und Weiblein noch immer säuberlich getrennt, in den Fachschulen und Berufsverbänden wie beim sonntäglichen Gottesdienst. Landwirte freien überdies meist viel später als andere Männer vom Lande. "Bis die jungen Bauern ans Heiraten denken", so Professor Planck, "ist der Heiratsmarkt sozusagen schon abgeräumt."
Kein Wunder, daß immer mehr brautlose Bauern ihr Heil bei professionellen Partnervermittlern suchen. Im holsteinischen Kreis Herzogtum Lauenburg hat das Kontaktgeschäft der ehemalige Landwirt Gerhard Lamp in die Hand genommen. Er veranstaltet in einer Gaststätte Treffen von Bauern und Brautkandidatinnen - auch mal mit "Tanzmusik und Ringelpiez" (Lamp). Auch in Bayern richtet sich der Bauernverband nun darauf ein, eine Zeitlang "quasi als Ehevermittler" (BBV-Sprecher Riedel) zu fungieren, nachdem brautsuchende Bauern mit kommerziellen Instituten oft trübe Erfahrungen
machten. Manche mußten für die Auserwählte 15000 Mark berappen, und nicht selten", so BBV-Präsident Gustav Suhler. "wurden sie um ihr Geld geprellt".
Jeder fünfte Jungbauer ist mittlerweile sogar bereit, eine Ausländerin zu heiraten. Gefragt sind Polinnen wie Jugoslawinnen, aber in Nordbayern hören auch schon etliche Thailänderinnen und Filipinas auf urbayrische Namen.
Oben: im holsteinischen Gasthof "Immenhof" in Schakendorf; unten: aus dem "Landwirtschaftlichen Wochenblatt" des Bayerischen Bauernverbandes (Ausriß).

DER SPIEGEL 8/1986
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