30.12.1985

GESTORBENOtto Gotsche

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Otto Gotsche, 81. Der Bergarbeitersohn aus dem Mansfelder Revier war sein Leben lang linientreuer Kommunist: als Funktionär, Arbeiter-Schriftsteller und Paladin Ulbrichts. Der gelernte Klempner stieß 1918 zur KPD und war an den Aufständen des Jahres 1923 beteiligt, weswegen er mehrmals inhaftiert wurde. 1926 siedelte Gotsche nach Harburg bei Hamburg über und begann als Arbeiterkorrespondent Reportagen und Kurzgeschichten zu schreiben. In dieser Zeit entstand auch sein autobiographischer Roman "Märzstürme", eine Verarbeitung seiner Kampferlebnisse in den frühen Jahren der Weimarer Republik. Schon diese ersten literarischen Arbeiten wiesen Gotsche als orthodoxen Kommunisten aus. Von der Diskussion um eine eigene Ästhetik revolutionärer Literatur hielt er wenig. Folgerichtig schloß sich Gotsche dem "Bund proletarischrevolutionärer Schriftsteller" an, dem unter anderen Männer wie Hans Lorbeer Erich Weinert oder Johannes R. Becher angehörten. Noch waren in der Arbeiterliteratur jener Gruppe nicht alle schädlichen Elemente bürgerlichen Subjektivismus vernichtet, wie sich Gotsche, schon damals erklärter Gegner des dialektisch vielschichtiger denkenden, marxistischen Philosophen Georg Lukacz, später erinnerte: "Das Wichtigste war uns der Inhalt. Dabei waren wir aber noch ein wenig 'überparteilich', wir machten zwar den Arbeiter vom Objekt zum Subjekt der proletarischrevolutionären Literatur, unsere Fähigkeiten waren jedoch noch nicht so weit gediehen, daß wir diesen Arbeiter, den Helden unserer Literatur, mit letzter parteilicher Konsequenz zu gestalten vermochten." Dazu bot sich für Gotsche, der im Widerstand die Nazizeit in Deutschland überlebt hatte, während der Aufbaujahre in der DDR Gelegenheit. Als Sekretär von Walter Ulbricht und Mitglied des ZK der SED sorgte er mit seinen Romanen für die Verbreitung des linientreuen proletarischen Realismus. Ob in "Tiefe Furchen", der Geschichte der Bodenreform in der DDR, oder "Unser kleiner Trompeter", dem Heldenlied auf einen Märtyrer der Roten Frontkämpfer- pflichtgemäß lobte die DDR-Presse Gotsches unverdächtige Parteilichkeit. Der Ulbricht-Intimus gehörte als Mitglied des Vorstandes des DDR-Schriftstellerverbandes auch zu den Förderern des sogenannten "Bitterfelder Weges", der die Künstler aufforderte, in den Fabriken zu arbeiten und erst dann über Arbeiter zu schreiben. Als Ulbricht abgelöst wurde, mußte sich auch Gotsche nach und nach aus den Parteiämtern zurückziehen, blieb aber als Schriftsteller offiziell hochgeehrt. Er starb jetzt in Ost-Berlin.

DER SPIEGEL 1/1986
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