09.06.1986

KRIMINALITÄTAlle am Hals

Jugendliche Straßenbanden boxen sich ins Zuhälter Geschäft. *
In der Hamburger Straßenbande "Streetboys" war Frank, 23, unbestritten der Cleverste. Weil der kräftige Blonde nicht nur Muskeln, sondern als einziger der über 60 Straßenjungen auch Abitur hatte, nannten ihn seine Freunde respektvoll "Professor".
Mit dem schlagkräftigen Vordenker an der Spitze wollten es die Streetboys weit bringen - als Zuhälter auf St. Pauli. "Das macht wenig Arbeit", erkannte der Professor, "und bringt viel Geld und freie Zeit." Am Aufstieg seiner Gang zur Luden-Elite zweifelte er nicht: "Eines Tages sind wir mal ganz oben."
In absehbarer Zeit jedoch wird der Professor auf dem Kiez keine Karriere mehr machen, seit Ende Mai sitzt er unter Mordverdacht in Haft. Mit seinem Bruder Martin, 21, gleichfalls ein Streetboy, soll er Mitte des vergangenen Monats den langjährigen Kumpan Orlandino "Dino" Pereira, 23, mit Baseballschlägern totgeknüppelt haben. Tatmotiv: Rivalitäten unter Zuhältern.
Der Mord im Milieu markiert einen Wendepunkt in der ohnehin erst kurzen Geschichte bundesdeutscher Straßenbanden: Aus jugendlichen Rowdies sind vielfach Schwerkriminelle geworden.
Straßenbanden waren erst vor wenigen Jahren in Mode gekommen. Angeregt durch den Kinofilm "Warriors", in dem die blutigen Revierkämpfe New Yorker Straßenbanden verherrlicht werden, schlossen sich auch in der Bundesrepublik jugendliche "Krieger" zusammen (SPIEGEL 46/1984). Wie die amerikanischen Vorbilder trugen sie, bewaffnet mit Baseballschlägern, regelrechte Schlachten aus.
Im Sommer 1984 mußte sich die Polizei etwa in Hamburg mit gut zwanzig Gangs, in Frankfurt mit dreißig Gruppen herumschlagen. Frankfurter Polizisten konnten eine Keilerei von 200 jungen Leuten - "Apfelweinfront" gegen "Gruppe Hausen", "Bornheimer Boys", "Griesheim Tigers" und "Dornbusch Rebels" - nur mit einem Aufgebot von 31 Einsatzwagen, Hunden und einem Helikopter beenden.
Die Banden rekrutierten ihre Mitglieder vor allem in tristen Großstadtvierteln, im Wohnblock hinterm Güterbahnhof und in den Sozialsilos der Vorstädte in Ausländer- und Arbeitslosenbezirken. Doch geschockt von der Brutalität der Knüppeleien und aus Angst vor Vorstrafen, zogen viele Jugendliche schon bald ihre Einheitskluft, die grüne Bomberjacke mit aufgesticktem Gruppennamen, wieder aus. In Frankfurt zählt der Leiter der Arbeitsgruppe "Jugendspezifische _(Mit dem späteren Mordopfer Pereira (1) ) _(und dem Mordverdächtigen (2). )
Gruppenkriminalität", Kriminaloberkommissar Ulrich Paul Thiele, derzeit nur noch zwei Straßengruppen. Sein Hamburger Kollege Hartwig Tänzer weiß von "vielleicht drei, vier Streetgangs" zu berichten.
Die allerdings beschränken sich nicht mehr auf die typischen Kämpfe untereinander, sie werden immer häufiger gewalttätig gegen Dritte. Das Hamburger "Fachkommissariat Straftaten junger Gewalttäter" rechnet jugendlichen Gruppen und Mehrfachtätern allein im letzten Jahr etwa 361 Fälle "rund um den Raub" (Tänzer) zu - vom schlichten Betteln mit Gewalt" ("Haste mal ''n paar Mark für uns?") bis zum bewaffneten Überfall auf Passanten.
Zudem haben jugendliche Gangster eine hart umkämpfte Einnahme-Quelle erschlossen: die Prostitution. Im Rotlicht-Viertel St. Pauli hatten die zeitweilig über 100 Streetboys, junge Türken, Griechen, Jugoslawen und Deutsche, gesehen, wie man sich vom Gossen-Jungen zum Rolex-Luden mit Mercedes hochboxen kann - Brutalität und starke Freunde vorausgesetzt. Von beidem hatten sie mehr als genug.
Den Zugang zum Kiez-Milieu verschafften sie sich als "Poussierer" in Reeperbahn-Discos. Dort baggerten sie, im Auftrag etablierter Zuhälter, angehende Strichmädchen an; hin und wieder gingen sie auch Bar-Wirten zur Hand, die Probleme mit Personal oder Gästen hatten. Der Einsatz machte sich bezahlt.
Schon 1983, als sich andere Banden noch für ihre Ehre schlugen, hatten Streetboys wie Tiko, damals gerade 20, zwei Mädchen laufen, die runde 12000 Mark im Monat anschafften. Und der ehrgeizige Professor träumte seinerzeit von einer ganzen Etage des Eros-Center in fester Streetboy-Hand.
Den Streetboys kam ein Kampf etablierter St.-Pauli-Gangs um die Kiez-Herrschaft und um Anteile am Kokain-Geschaft zupaß. Mitglieder der althergebrachten Zuhälter-Firmen "Nutella" und "GMBH" schalteten sich gegenseitig aus, mitunter traten gedungene Killer wie der jüngst festgenommene Werner "Mucki" Pinzner in Aktion (SPIEGEL 18/1986). Mitglieder des Motorradklubs "Hell''s Angels", als Zuhälter und Schläger lange rund um die Reeperbahn aktiv, wurden von der Kriminalpolizei aus dem Verkehr gezogen.
Den Generationswechsel im Vergnügungsviertel nutzten der Professor und seine Freunde. Nach Erkenntnissen des "Fachkommissariats Zuhälterei und Prostitution" sollen sich derzeit "etwa zwanzig bis dreißig Streetboys zuhälterisch betätigen". Einer Handvoll der Nachwuchskräfte wird nachgesagt, sie hielten inzwischen tatsächlich Anteile am Eros-Center (Mindesteinstand: 30000 bis 50000 Mark). "Die Burschen", so ein Kripobeamter, "drängten als dritte Macht nach Nutella und GMBH auf den Kiez" - und riskierten dabei Mord und Totschlag.
Typisch etwa die Strafaktion gegen einen Zuhälter aus dem Bahnhofsviertel St. Georg. Den Konkurrenten jagten sieben Streetboys mit ihren Wagen durch die Stadt, stoppten ihn an einer Ampel und schlugen ihn auf offener Straße halbtot. "Wer sich mit einem von denen anlegt", weiß ein Kiez-Kenner aus eigener Erfahrung, "hat sie alle am Hals."
Gegen diese bedingungslose Solidarität hat offenbar Opfer Dino Pereira verstoßen. Als der Professor vorübergehend wegen sexueller Nötigung einsaß, sollte er von Pereira mit Geld versorgt werden. Der aber, so berichten Szene-Kenner, soll ihm statt dessen die Mädchen ausgespannt haben.
Kripo-Experten trauen den Streetboys nun, nach Dinos Ableben und des Professors Verhaftung, keine große Kiez-Karriere mehr zu - als organisierte Gruppe existieren sie ohnehin seit geraumer Zeit nicht mehr. Andere Banden rücken nach.
Wie ihre Vorbilder von den Streetboys sollen Mitglieder der "United Brothers" und der "Silver Boys" zum Marsch durch die Reeperbahn-Hierarchie aufgebrochen sein. Ein Kriminalbeamter: "Für die ist ihre Gang nur ein Sprungbrett ins Milieu."
Mit dem späteren Mordopfer Pereira (1) und dem Mordverdächtigen (2).

DER SPIEGEL 24/1986
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