12.05.1986

WEINSKANDALFeuriger Roter

Der Skandal hinter dem italienischen Weinskandal: Die Panscher wollten offenbar die EG betrügen. *
Es war beinahe wie im Schlaraffenland. Der Wein floß in Strömen und in Bächen. Im Piemont, wo auf malerischen Hängen rings um Asti und Alba die vielgerühmten Barolo- und Barbera-Weine wachsen, färbte sich der Fluß Tanaro zwei Tage lang rot.
Italiens Weinhändler hatten hart gearbeitet, um die Spuren des jüngsten Weinskandals zu beseitigen: 22 Menschen kostete die mit Methanol versetzte Flüssigkeit das Leben, über 100 erlitten schwere Gesundheitsschäden.
Bevor die Polizei kam, kippten die Händler ihr giftiges Gesöff einfach in die Flüsse. Für den Piave verhängte das Gesundheitsamt von Venedig ein Angelverbot. Die Fische hatten gefährlich viel Methanol geschluckt.
Vergebens mühte sich da noch die Weinlobby, das Verhängnis herunterzuspielen, das die italienische Weinwirtschaft getroffen hat. Nur einige wenige skrupellose Panscher, so die offizielle Lesart, hätten Chianti und Lambrusco weltweit in Verruf gebracht.
Die "kriminellen Elemente" seien verhaftet, versicherte eilends Landwirtschaftsminister Filippo Maria Pandolfi. Die Behörden hätten das "Giftzeug im Griff". Alles sei nur ein "schrecklicher Unfall" gewesen. Über die Ursache des Unglücks konnte in Rom keiner Auskunft erteilen.
Fest stand nach den ersten Toten nur, daß große Mengen billigen italienischen Weins mit dem Chemie-Alkohol versetzt worden waren. Doch warum hatten Händler oder Produzenten den Wein mit dem lebensgefährlichen Stoff verunreinigt?
Der niederländische Europa-Abgeordnete Pieter Dankert fand womöglich des Rätsels Lösung. Im Europäischen Parlament sprach der Sozialist, nachdem er sich kundig gemacht hatte, offen von einem groß angelegten Betrug an der Europäischen Gemeinschaft, vom Skandal hinter dem Fälscher-Skandal.
So kurios es erscheint: Viel spricht dafür, daß Europas Weinüberschüsse zu der Weinvergiftung geführt haben.
Weil in der Gemeinschaft erheblich mehr Wein gekeltert als getrunken wird, läßt die Brüsseler Behörde jedes Jahr einen Teil des Überschusses zu reinem Alkohol destillieren. Die Weinbauern kassieren dafür etwa 40 bis 65 Prozent dessen, was sie für den Wein laut Richtpreis erhalten würden.
Diese Einnahmen lassen sich mit einem Trick leicht steigern. Vor zwei Jahren hat die Regierung in Rom die Steuern für Methylalkohol, auch Methanol genannt, aufgehohen. Ein Liter einer Mischung aus Methanol und vergälltem Alkohol kostet dort nur noch 1000 Lire, umgerechnet etwa 1,50 Mark.
Mit einem Liter dieser Mixtur läßt sich der Alkoholgehalt von 100 Litern Tafelwein um ein Grad steigern. Für das Gemisch zahlen die staatlichen Sammelstellen dann 7,50 Mark mehr. Mit der gehaltvolleren Kreszenz macht der Ablieferer also 400 Prozent Gewinn.
Die Weinbauern und Händler nutzten ihre Chance. Mit großem Eifer mixten sie die gewinnträchtige Flüssigkeit. Daß sie damit Menschen gefährden könnten, bedachten sie gewiß nicht. Sie nahmen wohl an, daß ihr Methanol-Zeug ausschließlich für die Destillation verbraucht würde, quasi ein Kavaliersdelikt.
In Italien wird inzwischen etwa ein Zehntel der Weinernte zu Alkohol verspritet. Neun Millionen Hektoliter Äthylalkohol lagern in riesigen Tanks; das ist der Bedarf von sechs Jahren.
Überraschend war der Anstieg bei der Destillation im Jahr 1984, jenem Jahr, in dem in Italien die Steuer für Methanol fiel. Europa-Parlamentarier Dankert brachte in Erfahrung, daß 1984 für die Weinverspritung in der EG statt der vorgesehenen 304 Millionen 852 Millionen Ecu ausgegeben werden mußten. Das meiste Geld ging an Italiener.
"In außergewöhnlichem Ausmaß", davon ist Dankert überzeugt, sei die EG betrogen worden.
Gar nicht mal für ausgeschlossen hält Dankert, daß manches von dem abgelieferten Gebräu nichts mit Trauben zu tun hatte. Die Ernte-Schätzung der italienischen Experten sei 1984 unversehens um 20 Millionen Hektoliter übertroffen worden. Diese ungewöhnliche Fehlprognose wurde nie schlüssig erklärt.
Jetzt läßt sie sich womöglich erklären. Aus Zucker, Leitungswasser und Rinderblut und natürlich dem preiswerten Methylalkohol läßt sich leicht ein feuriger Roter zaubern. Auch Fachleute können das Gemisch nicht immer als Kunstwein erkennen.
Das Zentrale Prüfinstitut des italienischen Zolls allerdings merkte was, wenn auch erst im Januar dieses Jahres. In einigen Partien destilliertem Alkohol fanden die Zoll-Schnüffler Spuren von Methanol und Vergällungsstoffen. Das Landwirtschaftsministerium in Rom wurde entsprechend informiert.
Das muß sich rumgesprochen haben. Es wurde wohl zu riskant, noch mehr Methyl-Wein bei den Sammelstellen abzuliefern. Da das Giftzeug aber einmal angerührt war und man es nicht wegschütten wollte, blieb noch der Ausweg, es auf verschlungenen Wegen in den Handel einzuschleusen. Tatsächlich starben dann wenige Wochen später in Mailand die ersten Opfer an billigem, angeblichem Barbera.
In Brüssel sind die Beamten, aufgeschreckt durch Dankerts Vorstoß, mißtrauisch geworden. Die Haushaltsexperten und die Fachleute für die Weinmarktordnung der Gemeinschaft wollen sich nicht mehr allein auf die Angaben der italienischen Behörden verlassen. Die Beamten wollen nun selbst nachsehen, wo das EG-Geld bleibt.

DER SPIEGEL 20/1986
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