17.02.1986

„Zerfleischt auf Befehl alles“

Wer in der westdeutschen Halbwelt etwas gelten will, hält sich bissige Köter: abgerichtete Kampfhunde, die niedliche Namen wie „Püppi“ oder „Dolly“ haben, aber „scharf wie Bestien“ sind. Zwischenfälle häufen sich, Hundebesitzer setzen Tiere als „Waffen“ ein. Züchter fordern einen „Führerschein für Hundehalter“. *
Nur Ketten hätten die drei Hunde zurückhalten können, die den "Privatclub zur Maus" bewachten. Aber sie liefen frei umher, als zwei beschwipste Gäste den Clubhof betraten. Die mächtigen Tiere, Römische Kampfhunde, fielen die beiden Männer an.
Der jüngere, ein 44jähriger Straßenbaumeister, wehrte sich mit Stockhieben und konnte mit zerrissenen Kleidern und Bißverletzungen an den Händen entkommen. Der ältere, ein gehbehinderter 74jähriger Rentner, stürzte zu Boden wurde von den Hunden in eine Ecke gezerrt und totgebissen. Bei der Bergung hatte das Opfer, wie ein schockierter Augenzeuge später bekundete, "nichts mehr außer Schuhen am Leib" . Der tödliche Zwischenfall vor dem Sex-Club, der sich zum Jahresbeginn in Langelsheim-Bredelem (Kreis Goslar) zutrug, weist auf ein neuartiges Risiko in der westdeutschen Halbwelt hin. Die Männer vom Bordellfach umgeben sich, zum Angeben wie zum Bedrohen, mit besonders aggressiven Hunden - vor allem mit doggenartigen Römischen Kampfhunden (Mastino Napoletano) und englischen Bullterriern.
Daß die Herren mit den Rolex-Uhren am Handgelenk und den Goldkettchen um den Hals zunehmend bissige Hunde an der Seite haben, ist auf der Hamburger Reeperbahn ebenso zu sehen wie im Frankfurter Bahnhofsviertel oder in der Düsseldorfer Rethelstraße. Von den Folgen weiß die Polizei zu berichten.
In Pirmasens wurden Anwohner, die gegen einen Bordellbetrieb in ihrem Viertel protestierten, von Bullterriern gejagt und gebissen. Im benachbarten Kaiserslautern haben laut Polizeiauskunft "stadtbekannte Zuhälter" auf den Beifahrersitzen ihrer Renommierautos neuerdings "häßliche weiße Hunde" liegen, die jeden Vorüberkommenden "wütend anbellen".
In Hannover schüchterte ein Nachtclub-Inhaber aufmuckendes Personal und zahlungsunwillige Gäste bis vor kurzem gleich mit vier riesigen Kampfhunden ein. In München stürzte sich der Mastino eines Bordellbesitzers auf einen 64jährigen Rentner und biß ihm ins Knie. Polizisten, die dem Rentner helfen wollten, konnten das Tier nur mit drei Schüssen abwehren.
Bis zu hundert Kilo schwer können solche Römischen Kampfhunde werden. Ihre gewaltigen Kaumuskeln verleihen ihnen "wahnsinnige Beißkraft", wie Züchter wissen. Vor einer "schlummernden Zeitbombe" warnte der Frankfurter Wirt Ingo Berk, als ihm kürzlich sein Mastino "Sultan" gestohlen wurde.
Manchmal geht die Bombe in der Halterfamilie hoch. So zerfleischte vorletztes Jahr in der Nähe von Bückeburg ein Mastino einen Sechsjährigen, Sohn der Hundebesitzerin. "Wenn sein Herr befiehlt", heißt es in einem italienischen Standardwerk über den Mastino-Hund, "greift er an und zerfleischt alles in kürzester Zeit."
Die Mastini sind - wie auch die deutschen Doggen oder die englischen Mastiffs - Nachfahren der Molosser-Hunde, Züchtungen, die schon im Altertum zum Kampf abgerichtet wurden und, ausgerüstet mit Stachelhalsbändern, Pferde und Reiter angriffen. Zeitgenössischen Überlieferungen zufolge zogen die
Molosser-Hunde mit Alexander dem Großen nach Indien, begleiteten Cäsar bei seinen Eroberungszügen und wurden in den Arenen Roms auf Löwen, Tiger und Gladiatoren gehetzt.
Im Milieu ähnlich in Mode gekommen sind englische Bullterrier, Hunde mit eiförmigem Kopf, dreieckigen Augen und gedrungenem Leib, denen die Fachliteratur "Zupacken ohne Vorwarnung" und "angezüchtete Schmerzunempfindlichkeit" bescheinigt. Die Vorfahren der kurzhaarigen Köter wurden in England zu Hundekämpfen abgerichtet, und die Herrchen von heute ergötzen sich zuweilen ebenfalls an dem grausigen Brauch (siehe Kasten Seite 110).
Kaufen kann so einen Kampfhund jedermann, sofern er nur genügend Geld hat. Mastini sind für 3500 bis 4000 Mark zu haben, Bullterrier-Welpen schon für 1200 Mark. Die Kunden aus dem Milieu fahren mit dem dicken Daimler vor und blättern anstandslos das Geld auf den Tisch", berichtet Kampfhundzüchter Helmut Werner aus dem niedersächsischen Lautenthal, der seine Mastini und Bullterrier, wie er sagt nur noch an "vertrauenswürdige Leute" abgibt.
Werner hat jedoch mitgekriegt, daß ein befreundeter Züchter junge Bullterrier für Barbesitzer auf der Reeperbahn abrichtete. Die Hunde seien "scharf wie Bestien" geworden, hätten "nach allem geschnappt, was sich bewegt". Selbst den hartgesottenen Auftraggebern sei es bei der Übergabe flau geworden.
Mastino-Züchter Walt Weisse aus dem bayrischen Egling schätzt, daß "etwa 60 Prozent" der Kampfhunde-Käufer schräge Typen" sind. Wenn in der Münchner Szene die Nachricht von einem neuen Mastino-Welpen-Wurf die Runde machte, habe er spätestens nach drei Tagen "die Bude voll mit Unterwelt". Solchen Leuten würde er raten: "Kauft euch eine Pistole, aber nicht so einen Hund."
Aggressiv seien solche Züchtungen nur, sagen Kampfhunde-Liebhaber, wenn sie auf den Mann dressiert würden oder in falsche Hände gerieten. Eben deshalb legte - nach dem Mastini-Überfall bei Goslar - die SPD-Bundestagsabgeordnete Renate Schmidt der Bundesregierung nahe, die "Haltung, Züchtung und Abrichtung von Kampfhunden ganz" oder für bestimmte Personengruppen zu verbieten.
"Schlicht überflüssig" nannte der Goslarer Veterinär und Tierschützer Friedhelm Knorr die Züchtung von Kampfhunden: "Was wollen wir heute eigentlich noch mit solchen Tieren?" Und Professor Wilhelm Wegner von der Tierärztlichen Hochschule Hannover plädierte dafür, Kampfhunde nicht mehr in einem Milieu zuzulassen, "wo die Miete mit dem Revolver kassiert wird".
Dabei sind auch Bürger, die sich vor Räubern und Einbrechern schützen wollen, zunehmend auf den Kampfhund gekommen. Manche Züchter taufen ihre Zwinger auf Namen wie "Berserker", "Normannenstolz" oder "Höllenhund". Manche offerieren per Zeitungsinserat ("Achtung, Millionäre!") die Tiere als "Maschinengewehr für Ihr Grundstück".
Züchter Weisse, auch Hundebuch-Autor und Vorsitzender des "Club für Molosser", glaubt sogar, einen Zusammenhang zwischen sozialem Abstieg, etwa bei Arbeitslosigkeit, und Kampfhunde-Boom ausgemacht zu haben. Menschen
mit beschädigtem Selbstwertgefühl, womöglich voller unterdrückter Aggressionen, würden sich zunehmend für Hunde interessieren, "die sie eigentlich nicht haben dürften".
Kampfhunde eignen sich nach Ansicht der Kölner Psychoanalytikerin Edeltrud Meistermann ideal, um "eigene Schwäche und Kleinheit zu verbergen". Manche Hundebesitzer, meinte der US-Kynologe Michael Fox, würden nur mit Hilfe solcher Tiere ihre Sehnsüchte nach "Macht, Aggressivität und sexueller Freiheit" befriedigen.
Um weiteren Exzessen vorzubeugen, haben um ihren Ruf besorgte Züchter eine Forderung des Umweltschützers Horst Stern aufgegriffen, der schon vor Jahren einen "Führerschein für Hundehalter" propagiert hatte. Es sei nur schwer einzusehen, so Weisse, daß für ein "Paddelboot mit Außenbordmotor" ein Patent benötigt werde, aber jeder, ob geeignet oder nicht, einen riesigen Kampfhund halten dürfe.
Weil "solche Hunde Waffen" seien sollten sie laut Weisse nur an Personen mit makellosem polizeilichem Führungszeugnis verkauft werden. Die Halter müßten zudem verpflichtet werden, sich theoretische und praktische Kenntnisse über den Umgang mit großen Hunden anzueignen, und sich ferner einer Prüfung unterziehen, in der ihre Hunde auf "Gehorsam", "Verhalten in Menschengruppen" und "Reagieren auf plötzliche Geräusche" zu testen seien.
Um zu verhindern, daß "jeder Dachdecker oder Striplokal-Besitzer Hunde und Katzen züchten kann", fordert Professor _(Mit Bullterrier und Mastino. )
Wegner ein "Tierzuchtgesetz", das die Haustierzucht generell einer Überprüfung durch neutrale Kommissionen unterstellt - Vorschläge, die der "Verband für das Deutsche Hundewesen" (VDH) als "nicht durchführbar" ablehnt. Hauptgeschäftsführer Heinz Matrose: "Wer soll das alles kontrollieren?"
Gegner von Neuerungen verweisen auf bestehende Vorschriften. Tatsächlich müssen Hundehalter für die Missetaten ihrer Tiere haften. Lasche Beaufsichtigung kann zu Geldbußen nach dem Ordnungswidrigkeitengesetz führen. Hunde, die von ihren Haltern zur "Begehung oder Vorbereitung" einer Straftat mißbraucht werden, können eingezogen werden - was nur selten vorkommt.
Da muß schon viel passieren. Einer Hundehalterin in Bremen wurden die Schäferhündin "Asta" und der Jagdhund "Greif" erst beschlagnahmt, nachdem die Tiere wiederholt Passanten, zumeist Radfahrer, angefallen, gebissen und auch erheblich verletzt hatten und die Besitzerin bereits mehrfach wegen Körperverletzung bestraft worden war. Zuvor verhängte Auflagen, die Hunde grundsätzlich anzuleinen und nur mit Maulkorb zu führen, wurden von der laut Richterspruch "völlig uneinsichtigen" Frau einfach ignoriert.
Ständig gegen Leinen- und Maulkorbzwang verstoßen hatte auch ein Kneipenwirt aus dem Berliner Milieu, der mit seinen vier Mastino-Kampfhunden, die Lande unsicher machte" (so der Amtstierarzt). Die Mastini bissen nicht nur andere Hunde, sondern auch deren Besitzer, so daß das Bezirksamt Reinickendorf schließlich die Hündinnen "Dolly" und "Püppi" sowie die Rüden "Axi" und "Bimbo" aus dem Verkehr ziehen ließ; zwölf Polizisten mit Maschinenpistolen sicherten die Beschlagnahme.
Einer Begegnung mit bissigen Kampfhunden weichen Uniformierte vorzugsweise aus. Als bei der Festnahme einer alkoholisierten Autofahrerin in Frankfurt plötzlich ein "schleppendes, keuchendes Geräusch" ertönte und ein "martialisches Ungetüm" angestürmt kam, "pechschwarz, mit fletschenden Zähnen und grünen Augen", wie der Polizeibericht bildhaft schilderte, nahmen zwei Wachtmeister kurzerhand Reißaus. Das Ungetüm war, wie sich später herausstellte, ein Mastiff.
Auch die Polizisten, die zu Jahresbeginn zum "Privatclub zur Maus" bei Goslar alarmiert wurden, trauten sich angesichts der erregten Mastino-Hunde nicht einzugreifen. Weil sie trotz Bewaffnung mit Walther-7,65-Pistolen die Hunde nicht unschädlich machten und den attackierten Rentner bargen, sondern außerhalb des Bordellhofs auf den Hundehalter warteten, droht ihnen nun ebenso wie jenem ein Strafverfahren.
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft, ob die Beamten wegen unterlassener Hilfeleistung anzuklagen sind.
Mit Bullterrier und Mastino.

DER SPIEGEL 8/1986
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