10.03.1986

GESTORBENHelmut Thielicke

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Helmut Thielicke, 77. Wie kein anderer wußte er Gotteswort zu tremolieren. Und auch das Schreiben, beteuerte er, war bei ihm eine Art "Naturvorgang". Kein Wunder, daß der evangelische Gottesmann rasch zu einem der populärsten und meistbesprochenen Theologen der fünfziger und sechziger Jahre avancierte. Sein vierbändiges Hauptwerk "Theologische Ethik" brachte ihm Anerkennung und Auflagen. Daneben erschienen mehr als zwei Dutzend weitere Thielicke-Bücher. Darunter auch eine Autobiographie (1984), in der er kein Hehl machte aus seiner Vorliebe für das Ambiente der Einflußreichen und Wohlhabenden in dieser Republik ("als wir nach einer Schiffstaufe im Frack und mit Sektgläsern in der Hand im Foyer eines Nobelhotels zusammenstanden"). "Pfarrer der Reichen" schimpften ihn Hamburger Proteststudenten 1968, einen "theologischen Salonlöwen" nannte ihn die "Zeit". Der Barmer Rektorssohn ließ sich als Schüler schon vom Schweizer Theologen Karl Barth begeistern; er beschloß, Theologe zu werden. Bereits 1931 wurde er zum Dr. phil. promoviert, 1934 zum Doktor der Theologie. Als Mitglied der NS-feindlichen Bekennenden Kirche erhielt er von den Nazis Rede-, Reise- und Berufsverbot und überlebte das Dritte Reich als Archivar. Nach Kriegsende wurde Thielicke zunächst in Tübingen, dann in Hamburg Professor der Theologie. Das Gehabe eines Großordinarius kultivierte er ebenso erfolgreich, wie er sich auch zu fast jedem Tagesereignis zu Wort meldete. Thielicke schrieb über die Sputnik-Hündin Laika wie über die Abwanderungsgelüste eines Uwe Seeler oder das Glockenläuten beim Besuch der englischen Königin. Die "historische Zäsur" (Thielicke) der Studentenrevolte 1968 indes hat er nie überwunden. Soziale und Bewußtseins-Änderungen der letzten 20 Jahre blieben ihm fremd. Thielicke starb letzten Mittwoch in Hamburg an einem Lungenleiden.

DER SPIEGEL 11/1986
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