09.06.1986

SOWJET-SPIELERWie Marathon

Die Überraschung in Mexiko sind die Spieler der UdSSR. Bislang boten sie den besten Fußball - und sind auch sonst ganz anders als sowjetische Kicker vergangener Tage. *
Der Koch der Ungarn mußte das Essen wieder abservieren. Appetitlos saßen die Spieler da, manche weinend, andere wie versteinert. Sie waren soeben überrollt worden.
Sechs Tore hatte die ungarische Nationalmannschaft, für manchen Fachmann ein Anwärter auf den Weltmeistertitel, im mexikanischen Irapuato hinnehmen müssen und kein einziges selber erzielt. Und am Ende gab es einen neuen Favoriten: die Russen.
Nach gut einer Woche Fußball ist das Team der UdSSR die Überraschung in Mexiko. Donnerstag letzter Woche wurde noch einmal nachgelegt - gegen den Europameister Frankreich, eine hochgeschätzte Elf, die alle Mühe hatte, sich mit 1:1 noch ein Unentschieden zu sichern.
Für manchen Fußballfan war diese Begegnung schon das vorweggenommene Endspiel. "Kaviar für die einen, Champagner für die anderen", schwärmte "Liberation" aus Frankreich. Und was immer lokale Heroen wie Mexikos Hugo Sanchez oder Ballkünstler wie Argentiniens Maradona an Beifall bekamen: Den besten Fußball spielten bislang die Russen.
Eigentlich ist von Ukrainern zu reden, denn acht aus der erfolgreichen Sowjetelf und auch der Trainer stammen aus einer Vereinsmannschaft, die sich kurz vor Beginn der WM gegen Atletico Madrid den Europa-Cup holte und dabei die Spanier so ähnlich hinwegfegte wie jetzt die Ungarn - Dynamo Kiew. Und dieser Umstand steht für die bewegte Geschichte der russischen Nationalmannschaft, ein Auf und Ab von Entlassungen und Wiedereinstellungen, wie es im kapitalistischen Westen kaum hektischer sein könnte.
Den ersten Cheftrainer feuerte Stalin 1952 noch selber. Ihm war Unverzeihliches passiert: Sein Team unterlag im Olympia-Turnier den Jugoslawen, die von Tito regiert wurden, und mit dem hatte der Kremlchef nichts im Sinn.
23mal wechselte der Cheftrainer seither, und einer davon war es schon zweimal, Walerij Lobanowski, der nun wieder in Mexiko führt.
Er war zum ersten Mal befördert worden, nachdem Dynamo Kiew 1975 als erste sowjetische Mannschaft den Europa-Cup gewonnen hatte. Bald war er wieder Klubtrainer, denn seine Männer scheiterten an der WM-Qualifikation für 1978, und bei diesem Hin und Her blieb es: Lobanowski kam zurück, um die Russen für die Europameisterschaft 1984 fit zu machen, und er ging, als erneut die Qualifikation verfehlt wurde.
Nachfolger wurde der Kollege Eduard Malofejew, Vereinstrainer von Minsk der nun seinerseits den Kern seiner Nationalmannschaft aus dem Klubkader rekrutierte. Weit kam er damit nicht, denn während der WM-Vorbereitung verlor die UdSSR nicht nur gegen Spanien, sondern auch noch gegen den 1. FC Saarbrücken, der schon in Deutschland untendurch war.
Nun ist wieder Lobanowski an der Reihe, und mit ihm die Stützen von Dynamo Kiew - nicht nur die erfolgreichste Mannschaft des Jahres. Dynamo ist auch die älteste Sportorganisation der Sowjet-Union und behaftet mit einer originellen Geschichte. Vereinsgründer war 1923 die Geheimpolizei. Der Name "Dynamo" sollte, wie seinerzeit Maxim Gorki schrieb, "Energie, Bewegung und Kraft" signalisieren, und Ehrenvorsitzender wurde Felix Dserschinski, erster Chef des KGB-Vorläufers Tscheka.
Dynamisch sind sie jedenfalls immer noch. Was Lobanowski seiner Lokalmannschaft beigebracht hat, demonstriert
sie nun auch in Mexiko: Ein oft verwirrend rasches Kombinationsspiel, das die letzte Ecke des Platzes nutzt, aber dabei auch erhebliche Kräfte verzehrt.
Fragen aus der erstaunten Fachwelt, ob die Sowjets ihren kreativen, im Sprintertempo vorgetragenen Fußball denn wohl über das gesamte Mexiko-Turnier durchhalten können, scheinen sich dem Mannschaftsarzt nicht zu stellen. "Eine Fußballweltmeisterschaft", sagt der Mediziner, "ist wie ein Marathonlauf, bei dem man sich die Kräfte einteilen muß." Und dafür, daß sie noch eine Zeitlang bei Kräften bleiben, spricht der mit 26 Jahren vergleichsweise niedrige Altersdurchschnitt der Spieler.
Ein Altmeister wie Oleg Blochin, 33, der nach Auskunft eines Mannschaftsbegleiters "mehr Ambition als Munition" hat, hielt sich bislang überwiegend auf der Reservebank auf. Doch leise Zweifel, ob sie denn ganz auf die Erfahrenen verzichten sollen, sind der sowjetischen Mannschaftsführung trotz aller Erfolge schon gekommen: Das Geschehen auf dem Spielfeld, räumte Kapitän Anatoli Demianenkow ein, habe "mehr im Kopf als im Körper angestrengt".
Zum jugendlichen Geiste, den Lobanowski dem stets etwas statischen Sowjetfußball einhauchen möchte, gehört offenbar auch eine ungewöhnlich lässige Umgangsweise seiner Spieler. In Irapuato, neben dem "Stadion der Revolution" und nahezu inmitten der Stadt, wohnen die Russen in einem schlichten Motel, und abends wacht nur ein einziger schläfriger Posten darüber, daß sich niemand an die wichtigen Gäste heranmacht. Anders als die anderen Star-Equipen, die in parkartigen Hotelanlagen logieren, von Hundertschaften abgeschirmt, geben sich die Sowjetmenschen gutbürgerlich.
Oleg Blochins eindrucksvolle O-Beine sind auch für fremde Journalisten aus Griffnähe zu betrachten, und wenn die Nationalspieler in dem winzigen Swimming-pool ihres Logis planschen, verwehrt niemand den Beobachtern den Zutritt. Nachts kommt es vor, daß Igor Belanow, der Hochgeschwindigkeitsmittelstürmer, der die Elfmeter wie einst Hollands Kraftprotz Johan Neeskens unter die Latte haut, lauthals italienische Schnulzen singt.
Von einer Belastung, die sie allem Anschein nach aus der Heimat mit nach Mexiko geschleppt haben, wissen die Sieler offenbar noch nichts. Dem Super-GAU in Tschernobyl, wird in Mannhaftskreisen beteuert, sei man ja glücklich zuvorgekommen. Und in der Tat ist Dynamo Kiew Anfang Mai nach Frankreich zum Europacup-Finale gereist.
Aber am Sonntag, dem 27. April, einen Tag nach der Reaktorkatastrophe nahe der ukrainischen Hauptstadt, hatte in Kiew noch das Meisterschaftsspiel zwischen Dynamo und Spartak Moskau stattgefunden.

DER SPIEGEL 24/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SOWJET-SPIELER:
Wie Marathon

  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung