04.08.1986

BERLINGrinsende Kameraden

In Sowjetuniform bluffte sich ein DDR-Bürger durch die Mauer. *
Mehrmals am Tag passieren sowjetische Militärpatrouillen, meist zu viert in ihren olivfarbenen Ladas und Wolgas, auf dem Weg nach West-Berlin die Mauer. Dann nehmen Ost-Berlins Grenzorgane Haltung an. "Wenn die Tellermützen sehen", weiß die West-Berliner Polizei, "öffnen sie schon ziemlich automatisch den Schlagbaum."
So auch Mittwoch vergangener Woche gegen 19 Uhr am Übergang Invalidenstraße. Ein Lada-Kombi mit der sowjetischen Militärnummer CA 37-40 fährt vor, der Ostposten salutiert. Der Mann am Steuer fährt weiter. Die Passagiere - auf dem Beifahrersitz ein Oberstleutnant, im Fond zwei Leutnants - lächeln sich eins.
Sie können gar nicht anders, es sind kostümierte Schaufensterpuppen. Am Steuer sitzt, in der Uniform eines Gefreiten der Roten Armee, der Vulkanisierer Heinz Braun, Jahrgang 1938, Inhaber der Firma "Reifendienst Braun" in Berlin-Pankow.
Noch hat er die perfekte Sperrapparatur vor sich, mit Hundelaufanlage und Panzersperren, MG-Schußfeld und waffenstarrenden Grenzpolizisten. Doch Uniformträger Braun fährt einfach durch: Seine Spekulation auf die "Wirksamkeit sowjetischer Hoheit" ist, 80 Jahre nach dem gelungenen Coup des "Hauptmanns von Köpenick", aufgegangen. Mit seinen grinsenden Pappkameraden rollt Braun nach Westen und nimmt, im "Bristol" am Ku'damm erst einmal ein Glas Sekt.
Seit langem hat Berlin wieder einmal eine spektakuläre Flucht erlebt, knapp zwei Wochen vor dem 25. Jahrestag des Mauerbaus. Stilgerecht gab der Vulkanisierer aus Pankow Ende voriger Woche eine Pressekonferenz im "Haus am Checkpoint Charlie". Dort hütet die "Arbeitsgemeinschaft 13. August" in einem bizarren Museum die Erinnerung an die Geschichte der Teilung.
Die Sammlung zeigt ausgefallene Requisiten von Sperrbrechern. Tunnelbauern und Unterwasserflüchtlingen, dort werden die neuen Prunkstücke, die Sowjetuniformen von Braun und seinen Puppen, der schon leicht angestaubten Kollektion frischen Glanz verleihen.
Ein stiller, gleichwohl professioneller Schleuser hatte das operettenhafte Uniform-Stück inszeniert: der West-Berliner Wolf Quasner, der schon tausend Ostblockbürgern zur Flucht in den Westen verholfen haben will. Meist operierte er abseits der bekannten Fluchthilfe-Organisationen und hat außer dem Ruch, er sei "immer sehr hinter der Knete her" (ein Staatsschützer), kaum Spuren in der Branche hinterlassen.
Quasner hoffte auch diesmal, er könne die Fluchtgeschichte für eine sechsstellige Summe an englische und amerikanische Medien verhökern, weiß die "Arbeitsgemeinschaft 13. August". Doch bisher hat er nur 28000 Mark eingefahren, von der Londoner "Daily Mail" (Schlagzeile: "Flüchtling narrt Rote") und der englischen Fernsehanstalt ITN.
Dafür allerdings hat Quasner einen Transfer arrangiert, der auch nach Ansicht eines Konkurrenten "ziemlich abenteuerlich" ging: Heinz Braun, der freiwillig 1959 aus der Bundesrepublik in den Osten übergesiedelt war, wurde schon am 24. Juni zum ersten Mal nach West-Berlin geholt - den Fluchtweg wollte Quasner vorerst nicht verraten. Als Braut und Kind nicht nachkamen, obwohl, so Braun, "ihre Schleusung bereits finanziell geregelt war", ließ er sich in den Osten zurückbringen.
Die Frau aber hatte sich mittlerweile wieder ihrem früheren Mann zugewandt und wollte nicht mehr fliehen. Quasner empfahl die sowjetische Lösung: Brauns Lada-Kombi wurde auf Oliv umgespritzt, den Rest der Komödie arrangierte Quasner vom Westen aus.
Uniformen lieferten nicht zum erstenmal das Passepartout zur Flucht. Als US-Soldaten verkleidete Fluchthelfer waren 1965, trotz Mängeln am Uniform-Dekor, unbesehen durch die Sperren gekommen. Schon vorher hatten sich drei junge DDR-Bürger Papiergoldsterne auf olivgrüne Anzüge geklebt und waren mit einem Personenwagen der Marke Pobjeda bei den Grenzern am Checkpoint Charlie als Sowjetmenschen durchgegangen. Und Bluffer Braun machte sich vorige Woche bei seinem Puppen-Spiel zunutze, daß Sowjetoffiziere, die als Patrouille durch die Westsektoren rollen, unbewegt und kerzengerade im Auto zu sitzen pflegen.
So gewinnt Rainer Hildebrandt, Hausherr des Checkpoint-Museums, dem Verwechslungsstück noch was Symbolisches ab: "In diesem Fall wurde dem System seine Steifheit und Maskenhaftigkeit einmal zum Verhängnis."

DER SPIEGEL 32/1986
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