21.04.1986

DDRBis zum Ural

Auf dem SED-Parteitag demonstrierten SED-Chef Honecker und Besucher Gorbatschow herzliches Einvernehmen. Der Gast aus Moskau unterbreitete ein Angebot zur Abrüstung konventioneller Waffen. *
Die Szene war ungewöhnlich: Als Michail Gorbatschow um 10.35 Uhr am vergangenen Mittwoch aus seiner Iljuschin 62 M stieg, erwartete ihn auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld nur ein kleines Protokoll. Weit und breit keine Jubelperser, keine Blaskapelle, kein Sowjetbanner. Nicht einmal eine Ehrenkompanie war angetreten.
Lediglich das Politbüro der Einheitssozialisten, säuberlich aufgereiht neben dem roten Teppich am Fuß der Gangway, begrüßte seinen Ehrengast zum XI. Parteitag der SED. Auch bei der Fahrt in die Stadt fehlten am Straßenrand die sonst obligatorischen fähnchenschwingenden werktätigen Massen.
Was auf den ersten Blick wie ein Affront wirkte, dokumentierte die rasche Auffassungsgabe der sozialistischen Musterschüler in Ost-Berlin: Sie haben den neuen Stil der Sachlichkeit, den der erste Mann in Moskau eingeführt hat, schon verinnerlicht. Der Generalsekretär der KPdSU, rechtfertigten SED-Funktionäre das dürftige Zeremoniell, sei zum Arbeiten gekommen und nicht als dekorativer Staatsgast.
Doch ein bißchen Show fürs ostdeutsche Brudervolk sollte sein. Werbewirksam präsentierte sich Gorbatschow als großer Bruder zum Anfassen.
Dreieinhalb Stunden lang besichtigte er, begleitet von Ehefrau Raissa, die Hauptstadt der DDR - preußische Geschichte. Blick durchs Brandenburger Tor in den Kapitalismus und wiederholtes Bad in der Menge inklusive.
Konzentriert arbeitete sich Gorbatschow durch alte und neue Stadtviertel, stellte exakte Fragen ("Wieviel Quadratmeter Wohnfläche kommen auf den Mieter?") und lobte die städtebauliche Leistung der Ost-Berliner Architekten ("sehr gut ausgedacht") sowie den Fleiß der Ostdeutschen ("Sie können arbeiten, das wissen wir").
Im Neubauviertel Marzahn spielte er mal eben mit Kindern Ball, ging in der City auf direkte Tuchfühlung zu Passanten und nutzte die Stadtrundfahrt nebenbei zur dezenten Werbung für den realen Sozialismus.
Am Marx-Engels-Denkmal forderte er die Umstehenden lächelnd auf, möglichst oft mit "Marx in Berührung" zu kommen. Und als er im Thälmannpark auf die stereotype Frage, wie es denn gehe, die stereotype Antwort "sehr gut" bekam, gab er zurück: "Das sind offensichtlich die guten Bedingungen des Sozialismus."
Besser hätten auch PR-Manager westlicher Spitzenpolitiker einen Besuch nicht inszenieren können.
Mit Beginn des Parteitages saß Gorbatschow brav auf seinem Ehrenplatz - und rutschte während der mehr als vier Stunden, die SED-Generalsekretär Erich Honecker für seinen Rechenschaftsbericht brauchte, nicht aus seinem Sessel.
Zwischen ihm und seinem Gastgeber, daran ließ Gorbatschow keinen Zweifel, gibt es keine Differenzen. Beide zeigten bei jeder Gelegenheit demonstrative Herzlichkeit: Gleich zweimal ehrte der Russe den ostdeutschen Verbündeten mit dem dreifachen, deutlich hörbaren sozialistischen Bruderkuß. Und fürsorglich nahm Honecker seinen Gast an der Hand, als er ihn zur Kranzniederlegung am Sowjetischen Ehrenmal führte.
Auch in der Sache, beteuerten SED-Funktionäre, gebe es keinen Dissens zwischen ihrer und der Moskauer Nummer eins, vor allem in der Deutschlandpolitik. Beide betonten unisono vor dem Parteitag, sie hielten, trotz Libyen und Bonner SDI-Beteiligung, am Dialog fest. Und der sowjetische Parteichef bot dem Westen gar eine "bedeutende Reduzierung" von Waffen und Streitkräften "vom Atlantik bis zum Ural" an - um den "Knoten" zu lösen, in dem seit Jahren die Wiener Verhandlungen zur Truppenreduzierung stecken. Gorbatschow: "Wir bieten dem Westen nicht die geballte Faust."
Ob hingegen Honecker und Kanzler Helmut Kohl demnächst einander in Bonn die Hände schütteln, blieb offen. Daß der DDR-Vorsteher unbedingt kommen will, kolportierten Mitglieder des Zentralkomitees der SED ganz offen. Wilhelm Bruns, Abgesandter der SPD, die erstmals bei einem SED-Parteitag vertreten war, weiß wann: "Ich bin sicher, er kommt im Mai." Im Kanzleramt bereiten Deutschland- und Protokollexperten bereits Details des Besuchsprogramms vor. SPD-Spitzenpolitiker dagegen behaupten, daß Honecker Ende Juni/Anfang Juli kommt - "am 1. Juli ist er mit Sicherheit im Westen".
Doch der Optimismus ist verfrüht: Bislang gibt es keinerlei Terminabsprachen zwischen Ost-Berlin und Bonn. Auch Gorbatschow nannte als Voraussetzung für den weiteren Ausbau der Beziehungen zu Bonn, daß die westdeutsche Politik sich erst einmal ändere.
Macht der Sowjetrusse dies tatsächlich zur Vorbedingung eines Honecker-Besuchs, könnte es noch lange dauern. _(Rechts: Gorbatschows Ehefrau Raissa. )
Rechts: Gorbatschows Ehefrau Raissa.

DER SPIEGEL 17/1986
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