14.07.1986

JAPANReifer Reis

Er bescherte seiner Partei einen Riesensieg - weil er anders ist als die anderen Parteileute: Yasuhiro Nakasone. *
Es war die Stimme des Himmels, die Stimme der Götter", frohlockte Regierungschef Yasuhiro Nakasone, als die Wahlergebnisse einliefen. Und zumindest ihm konnte es so vorkommen, als habe er mit seinem "historischen Sieg" neben dem Mandat des Volkes diesmal auch das Mandat des Himmels erhalten:
Entgegen allen Vorhersagen regnete es am Wahltag nicht, entgegen allen Prognosen errang Nakasones Liberal-Demokratische Partei mit 304 von 512 Sitzen eine beispiellose absolute Mehrheit im Unterhaus.
Und entgegen allen Vorhersagen ging Nakasone aus diesen Wahlen als einer der populärsten und mächtigsten Politiker Japans seit Kriegsende hervor. Er verbesserte damit seine Chancen für eine dritte Amtszeit als Regierungschef, entgegen der Satzung seiner Partei.
Nakasone verdankt seinen Wahlsieg zum Teil der großen Oppositionspartei, den Sozialisten, die alt wie eh und je und noch dazu konservativer als die Konservativen selbst wirkten.
Vor allem aber verdankt er den Wahlsieg sich selbst - dem Image, das er sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren seiner Amtszeit zu geben verstand.
Er hat sich als kühler, entschlossener, starker und dennoch verständnisvoller Politiker erwiesen - Symbol eines neuen Japan, das sich für seine Vergangenheit nicht mehr zu entschuldigen braucht und den Großmächten ein durchaus ebenbürtiger Partner ist.
Im Gegensatz zu anderen japanischen Politikern äußert sich Nakasone in knappen Worten, die für den Mann auf der Straße verständlich und aufrichtig klingen. Wenn er mit führenden westlichen Politikern zusammentrifft, ist er nicht klein, wortkarg und verlegen wie die meisten seiner Vorgänger, sondern groß, gelassen und gewandt.
Anders als seine Kollegen hat er kein Pokergesicht. Er zeigt seine Gefühle und äußert offen seine Vorstellungen.
Zwar wurde er "Kazamidori" - Wetterhahn - genannt, weil er in landesüblicher Art seine Positionen oft änderte. Doch an gewissen Grundsätzen hat er stets festgehalten, seit er am Ende des Zweiten Weltkriegs die Kaiserliche Marine verließ und sich als antikommunistischer, ultranationalistischer Politiker im öffentlichen Leben profilierte.
Auf einem weißen Fahrrad bereiste er seinen Wahlkreis, er versprach den Wählern, "Japan von allen Kommunisten zu befreien" und machte aus seinen politischen Endzielen nie ein Geheimnis die "Verzerrungen zu beseitigen, welche Kriegsniederlage und amerikanische Besatzung hinterlassen hatten, und Japan wieder zu einer "erstklassigen Weltmacht" zu machen.
Das hören zwar viele Japaner gern, doch wenige wagten je es auszusprechen. Einer dieser Bekenner war Yukio Mishima, jener Schriftsteller, der sich 1970 in ein Samurai-Schwert stürzte, um die jüngere Generation an japanische Traditionen zu erinnern und sie gegen die kulturelle Kolonialisierung Japans durch die Amerikaner zu mobilisieren.
Mishima war ein enger Freund Nakasones. Wie Mishima möchte auch Nakasone den "Yamato Damashii", den Geist Japans, neu beleben. Er möchte das Vorkriegsethos neu begründen, das von den Japanern verlangte, ihre persönlichen Rechte den Pflichten gegenüber der Nation unterzuordnen. Überdies möchte er die Spuren der japanischen Niederlage beseitigen und die Japaner von allen Schuldkomplexen befreien, die sie wegen des Kriegs noch haben könnten.
Seine Suche nach einem neuen Identitätsgefühl wird von den meisten Japanern geteilt und geschätzt. Ein Leitartikler der Tageszeitung "Sankei Shinbun" schrieb denn auch: "Nakasones Wahlsieg ist Ausdruck der geheimen Sehnsucht des Volkes, das Ansehen der Nation zu heben."
Im Gegensatz zu seinen Hauptrivalen in der Partei - Außenminister Shintaro Abe, Finanzminister Noboru Takeshita und dem Parteigeschäftsführer Kiichi Miyazawa, nach den Worten eines japanischen Journalisten allesamt "klassische Politiker ohne Charisma" - hat Nakasone sein Image als "Samurai des modernen Zeitalters" sorgsam gepflegt.
Er präsentierte sich als "Wakonyosai", als "japanische Seele mit westlicher Technik", als ein Mann mithin, der in den Werten und Moralvorstellungen des alten Japan verwurzelt ist, aber gleichzeitig mit der Zeit geht.
Das erklärt auch, warum er darauf bedacht ist, sich hin und wieder in traditioneller japanischer Kleidung photographieren zu lassen und sich einmal in der Woche zur Meditation in einen Zen-Tempel zu begeben.
Fast revolutionär ist, wie er mit dem bislang allmächtigen Parteiapparat umgeht. Im Gegensatz zu den klassischen konservativen Politikern, die sich nur _(Beim Weltwirtschaftsgipfel Anfang Mai in ) _(Tokio. )
nach erreichtem Konsens mit ihren Kollegen auf eine bestimmte Politik festlegen, treibt Nakasone seine Pläne voran, selbst wenn er weiß, daß die anderen Parteiführer dagegen sind.
Die meisten Ideen und Vorstellungen läßt Nakasone von einem eigenen Braintrust entwickeln. Führende Parteimitglieder monieren oft, daß sie erstmals im Fernsehen davon erfahren.
Indem er den politischen Entscheidungsprozeß aus dem bislang üblichen Gemauschel zwischen Politikern, Industriellen und Bürokraten herauslöste, mobilisierte er die Unterstützung des Volkes gegen den Parteiapparat und brachte diesen damit gegen sich auf.
Die Liberal-Demokratische Partei Japans ist weniger eine Partei als eine Koalition aus fünf Parteien, Fraktionen genannt, die sich einer konservativen Philosophie verschrieben haben, aber durch Personen- und Interessengegensätze tief gespalten sind. Um zu verhindern, daß der Führer einer Fraktion die ganze Koalition beherrscht, bestimmt die Parteisatzung, daß der Vorsitzende nur für zwei Jahre und danach nur einmal wiedergewählt werden kann.
Als Nakasone 1982 Parteivorsitzender wurde und somit das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, war seine Fraktion eine der kleinsten, er selbst wurde nicht für stark gehalten.
Obwohl die Nakasone-Fraktion nach der Zahl der Parlamentssitze noch immer nur an vierter Stelle steht, haben sich die Machtverhältnisse so entscheidend geändert, daß mit Übertritten aus den anderen Fraktionen zu rechnen ist. So dürfte es für den Apparat schwer sein, "jetzt einen Mann in den Ruhestand zu schicken, der eindeutig das Mandat des Volkes besitzt. Die Wähler würden sich betrogen fühlen", erklärte ein Nakasone-Anhänger.
Sollte Nakasone im Oktober trotz seines Erfolges abtreten müssen, wird er in der ihm verbleibenden Zeit Japans Beteiligung am SDI-Programm bekanntgeben und dem Parlament wahrscheinlich ein Spionageabwehr-Gesetz vorlegen, in dem die Linke kein Instrument zum Abbau persönlicher Freiheiten sieht.
Sollte Nakasone jedoch eine dritte Amtszeit zugestanden werden, muß Japan mit einer Erhöhung der Verteidigungsausgaben rechnen, ebenso mit der Aufhebung der Regierungsdoktrin, nach der für das Militär nicht mehr als ein Prozent des Bruttosozialprodukts aufgewendet werden soll.
Parteigenossen und Leitartikler scheinen besorgt, daß der jüngste Sieg den Regierungschef überheblich machen könnte. Sie fordern ihn daher zur Bescheidenheit auf.
Die Nachrichtenagentur Kyodo warnte bereits: "Wenn der Reis jung ist, steht er wie ein Bambusrohr; wenn er reif ist, neigt sich der Kopf."
Beim Weltwirtschaftsgipfel Anfang Mai in Tokio.

DER SPIEGEL 29/1986
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