16.06.1986

„Ich wollte hier Ministerpräsident werden“

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über den Wahl-Verlierer Gerhard Schröder *
Die kleine Versammlung im Vorzimmer des Wahlkampfbüros von Gerhard Schröder quält sich am Sonntag mit mühsamen Witzeleien über die Runde. In 25 Minuten werden die Wahllokale geschlossen, in 40 Minuten wird der SPD-Spitzenkandidat Gerhard Schröder wissen, ob er Ministerpräsident des Landes Niedersachsen werden wird oder nicht.
Die Gesichter von etwa einem halben Dutzend seiner engsten Mitarbeiter und Freunde sind bleich, die Lippen verspannt. Da sagt Schröder plötzlich: "In etwa einer Stunde werde ich folgende Erklärung abgeben: Wir haben gewonnen, aber weil wir siegen wollten, haben wir auch verloren." Die Genossen starren ihn betroffen an.
Es ist fast aufs Wort genau, was er später in die Fernsehkameras sagen wird. Er hat nicht einmal eine andere Version durchprobiert. Zweckpessimismus? Resignation? Das ist gewiß dabei; vor allem aber ist es wohl jenes sichere Fingerspitzengefühl, das einen guten von einem mittelmäßigen Politiker unterscheidet. Schröder weiß es einfach: "Vor zwei Wochen war es noch anders."
Dann kam die "Hetz- und Schmuddelkampagne der CDU". Und mit atemberaubender Geschwindigkeit begannen die Leute die Folgen von Tschernobyl zu verdrängen. Schrecklich sei diese Zeit gewesen, sagt seine Frau Hiltrud: "Die Haut wurde immer dünner, die Gereiztheit stärker. Wir hatten nichts mehr zuzusetzen."
Als Schröder am Nachmittag vom Haus in Immensen mit dem privaten VW-Kombi in Hannovers Innenstadt fuhr, starrte er mit Unbehagen auf seine Plakate am Straßenrand: "Der neue Ministerpräsident. Der sieht morgen ganz schön komisch aus."
Schröder hat also, als dann schon um 18.10 Uhr die ersten Fernsehhochrechnungen verkünden, daß die FDP sicher über die 5-Prozent-Hürde gekommen ist, einen Vorsprung vor all jenen, die jetzt totenstill um ihn herum in einem Saal des SPD-Parteihauses in der Odeonstraße von Hannover sitzen. Nur einer murmelt von hinten: "Was ''ne Scheiße."
Auch Gerhard Schröder, 42, vor drei Jahren als krasser Außenseiter gestartet und für eine Weile fast schon ein Sieger, sitzt trotz seiner realistischen Vorahnungen bewegungslos in einem Bürosessel. Er saugt verloren an einer Zigarre, eine Bierflasche hängt in seiner Hand, als gehöre sie nicht zu ihm. Wie immer, wenn er in Bedrängnis ist, hält er sich mit den eigenen Armen fest umschlungen.
Neben ihm ist auch seine Frau in eine Dornröschen-Starre versunken. Der SPD-Landesvorsitzende Johann Bruns starrt auf der anderen Seite des Kandidaten auf den Fernsehschirm. Dann murmelt er: "Die Grünen sind unser Unglück. Die haben die Leute zur CDU gejagt." Es klingt lamentierend.
Schröder könnte viel dazu sagen, es quält ihn, wie die SPD mit ihrer Abgrenzung zu den Grünen diese indirekt der CDU-Hetze ausgeliefert haben. Es quält ihn, weil er nicht weiß, wie er das hätte ändern sollen. Aber im Augenblick seiner Niederlage ist er weit davon entfernt, sich auf eine Diskussion einzulassen.
Ganz vorsichtig streicht er seiner Frau über den Nacken, nimmt sie dann in die Arme. Dann blickt er hoch zu Stefan Pelny, dem stellvertretenden Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, der seine Staatskanzlei hätte führen sollen, und sagt: "Ja, Stefan, nun mußt du wohl in Köln bleiben." Er hat seine Träume begraben. Schnell ist Gerhard Schröder immer gewesen.
Als dann die Hochrechnungen für die SPD günstiger zu werden beginnen, der Abstand zur sich abzeichnenden CDU/FDP-Mehrheit im Landtag von Hannover auf einen Sitz schmilzt kommt noch einmal hoffnungsvolle Unruhe auf. Auch Schröder registriert befriedigt: "Ei, das sieht schon anders aus es läppert sich." Aber anders als seine Mitstreiter glaubt er nicht mehr an ein Umkippen. Er hat gewonnen, "das ist ja auch eine tolle Sache", aber persönlich fühlt er sich vor allem als Verlierer.
"Weil es ja doch ziemlich knapp ist", telephoniert er, bevor er in den Landtag aufbricht, dann vorsichtshalber noch mit Willy Brandt. Der warnt ihn, nur nicht allzu enttäuscht zu sein und das vor allem auch nicht zu zeigen. Schröder grimmig: "So fühl'' ich mich aber, enttäuscht. Ich wollte hier Ministerpräsident werden."
In diesem Augenblick vermag er nur mühsam die Tränen zurückzuhalten. Drei Jahre hat er für den Erfolg gestrampelt, lange hat er selbst nicht daran geglaubt, aber am Ende war er doch mit Händen zu greifen. Was sind da 5,6 Prozent Stimmenzuwachs für die Partei. Darüber wird er sich später freuen. "Los, wir gehen jetzt." Er will das Eingeständnis hinter sich bringen, öffentlich.
Die Spitzengenossen der Partei steigen in einen Mercedes, Schröder geht zu Fuß. Es folgt ein Dutzend seiner Freunde. Er schlendert, immer schneller werdend, durch Hannovers Innenstadt dem Landtag zu. Aus den Straßencafes folgen ihm viele Blicke, keiner klatscht Beifall, aber es spottet auch niemand. Gerhard Schröder, seine noch immer fast versteinerte Frau Hiltrud neben sich, scheint zu wachsen auf diesem Weg. Er läuft sich frei.
Er hat sein Jackett lässig über die Schulter geworfen, hält es mit einer Hand, wie wenn er noch einmal sein erstes Wahlkampfplakat nachstellen wollte. Da stand er in dieser Haltung vor seinen Wählern, und die Zeile darüber hieß: "Ein Mann, der Mut macht".
"Sich" haben Scherzbolde der Union oft hinzugefügt: Ein Mann, der sich Mut macht. Jetzt, da er Mut braucht, scheint er ihm mit jedem Schritt zuzuwachsen. Schröder gewinnt Format in seiner Niederlage, alles Verkrampfte, Pseudo-Staatsmännische, das ihn zeitweilig zur Helmut-Schmidt-Parodie zu machen drohte, fällt von ihm ab. _(Am Wahlabend auf dem Weg zum Landtag. )
Die Photographen, die ihn vor der Treppe des Leineschlosses umdrängen, staunen, wie locker er ist. "Als wäre er der Sieger", sagt einer. An der Treppe muntert ihn nun auch Beifall auf. Aber daß eine Genossin ihm zuruft: "Gerd, den einen Sitz schaffst du auch noch", das hört er nicht; will er wohl auch nicht hören.
Mit einer instinktiven Sicherheit, die alte Polit-Hasen wie Peter von Oertzen geradezu in Entzücken versetzt, bewegt sich Gerhard Schröder, der noch nie verloren hat in seiner Laufbahn und der das Verlieren haßt, in dieser Situation, die Tiefpunkt und Höhepunkt seiner Karriere zugleich ist. Emotionsgeladen und doch diszipliniert, traurig und effektvoll, macht er alles richtig. Wie in Trance findet er die rechten Worte, trifft er genau den Ton. "Politiker brauchen so was wohl, um zu reifen", staunt der Maler Uwe Bremer, sein Freund, der für ihn eine Bürgerinitiative organisiert hat.
Schröder betont die Erfolge seiner Partei, doch weil er sein persönliches Ziel verfehlt hat, klingt er weder überheblich noch ausweichend. Er gratuliert kühl und korrekt seinem Kontrahenten Albrecht, aber er macht unmißverständlich klar, was er von den Konservativen seit den letzten drei Wochen hält: "Anständige Leute sind das nicht."
Er vergißt nicht, die Niedersachsen-Wahl im Zusammenhang der Bundespolitik zu sehen, lobt Johannes Rau und hat auch ein paar würdigende Worte für seinen "Wahlkampfhelfer" Helmut Kohl: "Daß das ein Mann ist, der sein Amt nicht kann, hat sich in Niedersachsen rumgesprochen."
Eine Stimme fehlt im Landtag, eine nur, aber die fehlt eben. Daß er sich diese Niederlage nicht schönredet, gibt ihm an diesem Abend seine Qualität. Vergeblich versucht der SPD-Vorsitzende "Joke" Bruns ihm klarzumachen, daß er mit einer Stimme zuwenig doch besser leben könne als mit einer Stimme zuviel. Denn käme er dann nicht im Rangeln mit den unberechenbaren Grünen in Teufels Küche? Schröder, so gefragt, starrt ungläubig: "Teufels Küche? Aber da will ich doch hin. Das ist doch ein schöner Ort."
Er hat sein fast frivol hochgestecktes Ziel nicht erreicht. Das schmerzt, aber es lähmt ihn nicht. Seine Sympathisanten von der Wählerinitiative überreichen ihm ein paar rotlackierte Boxhandschuhe: "Damit du weiterkämpfst." Gerhard Schröder hat diese Aufmunterung längst nicht mehr nötig.
Schon ganz Oppositionsführer, sagt er: "Die Zeiten, wo Ernst Albrecht hier schalten und walten konnte, wie er wollte, sind endgültig vorbei." Die Fraktion hat ihn noch nicht zum Vorsitzenden gewählt, aber er hat sein Amt schon angetreten.
Am Wahlabend auf dem Weg zum Landtag.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 25/1986
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