16.06.1986

„Ein schönes Gesellenstück“

SPIEGEL-Interview mit Willy Brandt über die Aussichten der SPD für 1987 *
SPIEGEL: CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hat von einer "Richtungswahl" in Niedersachsen gesprochen. Wie es aussieht, stimmt die Richtung - allerdings für die Bonner Koalition. Wie will die SPD die Wahl '87 gewinnen?
BRANDT: Die Richtungswahl, wenn man den Ausdruck aufnehmen will, ist im Grunde in einem Patt gelandet. Die Bonner Koalition ist noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Aber die SPD hat mehr dazugewonnen, als viele ihrer Anhänger vor einem halben Jahr für möglich gehalten hätten.
SPIEGEL: Nun kann man sich das Ergebnis auch schönrechnen. An den Mehrheitsverhältnissen im Vergleich zur Bundestagswahl 1983 hat sich, wenn man die niedersächsischen Ergebnisse anschaut, kaum etwas geändert.
BRANDT: Die SPD kriegt im Norden, zumal in Niedersachsen, um das es jetzt geht, immer deutlich mehr bei einer Bundestagswahl als bei einer Landtagswahl. Insofern ist das keine schlechte, sondern eine gute Ausgangslage für die Bundestagswahl.
SPIEGEL: Woran hat es denn gelegen, daß es nicht ganz gereicht hat - am Kandidaten, am Zeitpunkt?
BRANDT: Am Kandidaten ganz bestimmt nicht. Gerhard Schröder hat einen großartigen Wahlkampf geführt. auch wenn es dann nicht ganz gereicht hat. Also: Ich bin ziemlich sicher, daß wir "vor Tschernobyl" noch etwas besser abgeschnitten hätten. Alle Unterlagen, die wir hatten, deuteten Ende April darauf hin, daß die beiden großen Parteien gleichauf lagen. Und selbst vor drei Wochen hätte ich auch noch gesagt, es wäre etwas besser gegangen als heute.
SPIEGEL: Es sah aber so aus, als würde die Reaktorkatastrophe den Bonner Regierungsparteien schaden.
BRANDT: Tschernobyl hat eben nicht, wie die Union behauptet, ihr geschadet, sondern es hat der SPD dadurch geschadet, daß die eigentlichen sozialdemokratischen Themen - soziale Gerechtigkeit, Passivität der Bundesregierung, der Landesregierung in Fragen der Arbeitslosigkeit -, daß diese eigentlichen Themen etwas zurückgedrängt worden sind. Und andererseits konnte die SPD weil sie solche Dinge ernst nimmt, bei den Nach-Tschernobyl-Fragen nicht mit den allzu einfachen Antworten aufwarten. Das ging nicht der schwierigen Materie wegen.
SPIEGEL: Wo soll im Bundestagswahlkampf der letzte Push herkommen, der jene Prozentpunkte bringt, die in Hannover jetzt gefehlt haben?
BRANDT: Zunächst mal aus dem Vergleich der beiden Kanzlerkandidaten. Und dann wird man für den Bund wohl noch etwas deutlicher machen müssen, als es jetzt möglich war, daß, wer eine Veränderung will, die SPD so stark machen muß, daß sie so nahe wie möglich an die Mehrheit im Bund herankommt.
SPIEGEL: Sie sagen, so nahe wie möglich. Heißt das, daß das Wahlziel einer eigenen Mehrheit für Sie nicht mehr gilt?
BRANDT: Nein, genau diese eigene Mehrheit meine ich.
SPIEGEL: Aber der SPD-Kanzlerkandidat Johannes Rau will sich, anders als Gerhard Schröder, von den Grünen nicht einmal zum Regierungschef wählen lassen. Wie wollen Sie nach diesem Niedersachsen-Ergebnis überhaupt noch glaubhaft machen, daß Sie an das Ziel einer eigenen Mehrheit glauben?
BRANDT: Die Voraussetzungen, unter denen ein niedersächsischer Ministerpräsident gewählt wird, sind andere als die für einen Bundeskanzler. Aber was wichtiger ist: Die Materien sind unterschiedlich. Wir können nicht finden, daß es im Bund eine Möglichkeit gibt, sich auf entscheidenden Gebieten mit den Grünen zu verständigen. Ich nenne nur mal Außenpolitik, Sicherheitspolitik, auch Teile der Wirtschaftspolitik.
SPIEGEL: Möglichst nahe an die Mehrheit, aber ohne die Grünen: Wer soll dann die Mehrheit beschaffen?
BRANDT: Wissen Sie, das hat Zeit, bis man das Ergebnis der Bundestagswahl vom 25. Januar auf dem Tisch hat. Bis dahin gibt es für den Vorsitzenden der SPD, für die ganze SPD nichts Wichtigeres, als Rau dabei zu unterstützen, daß er, wie ich es gesagt habe, so nahe an die Mehrheit herankommt, damit an der SPD vorbei keine Bundesregierung gebildet werden kann.
SPIEGEL: Heißt das große Koalition?
BRANDT: Nein, das heißt es mit Sicherheit nicht.
SPIEGEL: Wie wollen Sie eigentlich Ihre Wähler motivieren für das Negativziel: nicht an der SPD vorbei?
BRANDT: Das ist kein Negativziel, das heißt ja auch nicht in dem Sinne dran vorbei, daß man an irgendwas beteiligt sein möchte, sondern daß nur unter sozialdemokratischer Führung die Bundesrepublik weiterregiert werden kann. Wenn ich mir angucke, was wir bisher in Wahlen zu verzeichnen haben, wenn Bayern und Hamburg in der zweiten Hälfte des Jahres noch dazukommen, dann gibt es überhaupt keinen Grund, etwas zu modifizieren an der SPD- oder Rau-Linie, nämlich: für die Bundestagswahl aufs Ganze zu gehen.
SPIEGEL: Rechnen Sie mit Wiederauflage einer sozialliberalen Koalition?
BRANDT: Das ist in den Karten nicht drin für 1987. Aber warum soll nicht auch mal in einem Land in der Zeit, die kommt, wenn's die Freien Demokraten weiter gibt, irgendwas möglich sein. Für den Bund 1987 kann man dies ausschließen. Nicht wegen der Außenpolitik, sondern wegen der Wirtschafts- und Sozialpolitik ist es nicht vorstellbar, daß es da eine gemeinsame Basis geben könnte.
SPIEGEL: Sehen Sie in Schröder einen künftigen Kanzlerkandidaten?
BRANDT: Wir haben unseren Kandidaten. Ich werde 'nen Deubel tun, mich jetzt zu unterhalten, was, politisch gesehen, in einer nächsten Generation ansteht. Da gibt's mehrere. Aber der hier, von dem wir jetzt sprechen, der hat ein richtig schönes Gesellenstück hingelegt.

DER SPIEGEL 25/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ein schönes Gesellenstück“

  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch
  • Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen