14.07.1986

„Sie werden gewinnen, aber nicht siegen“

Vor fünfzig Jahren begann der Spanische Bürgerkrieg / Von SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz _____“ Zivilisten kann man militarisieren, Militärs aber „ _____“ nicht zivilisieren. Miguel de Unamuno, spanischer „ _____“ Schriftsteller und Philosoph (1864 bis 1936) „ *
Drei Monate in der Todeszelle. Drei Monate Todesangst - denn jeder Tag konnte der letzte sein:
"Um zwölf oder eins hörten wir den schrillen Klang der Nachtglocke. Das war der Priester mit dem Erschießungskommando. Sie kamen immer zusammen.
"Dann begann es. Das öffnen der Türen, das Läuten der Meßglocken, das Beten des Priesters, die Hilferufe und die Schreie nach der Mutter.
"Es kam näher auf dem Korridor, es entfernte sich, es kam näher, es entfernte sich. Jetzt waren sie bei den Nachbarzellen; jetzt waren sie auf dem anderen Flügel: jetzt kamen sie zurück. Am deutlichsten war immer die Stimme des Priesters. ''Herr'' erbarme Dich dieses Mannes, Herr, verzeihe ihm seine Sünden. Amen. Wir lagen auf unseren Pritschen und klapperten mit den Zähnen.
"Vom Dienstag auf Mittwoch wurden siebzehn erschossen. Von Donnerstag auf Freitag wurden acht erschossen. Von Freitag auf Samstag wurden neun erschossen. Von Samstag auf Sonntag wurden dreizehn erschossen. Sechs Tage sollst du arbeiten, sprach der Herr, am siebenten, dem Sabbat, sollst du ruhen. Von Sonntag auf Montag wurden drei erschossen."
So beschrieb Arthur Koestler, als Korrespondent des Londoner "News Chronicle" zur Berichterstattung über den Bürgerkrieg nach Spanien geschickt, seine endlosen Tage und Nächte im Gefängnis von Sevilla. Er war wegen Spionage zum Tod verurteilt worden. Nach drei Monaten kam er frei.
Putschistenführer Franco wollte es sich nicht mit den Engländern verderben.
Spaniens Hauptstadt Madrid im Juli 1936:
"Ein riesenhafter Mann erschien auf der oberen Galerie, er hielt mit seinen großen Händern einen Soldaten in die Höhe, der mit den Beinen in der Luft strampelte. Dann brüllte der Riese: "Da kommt einer!"
"Er warf den Soldaten in den Hof hinunter. Der fiel, überschlug sich in der Luft wie eine Stoffpuppe und prallte mit einem dumpfen Schlag auf die Steine. Der Riese warf die Arme hoch und heulte: "Und jetzt der nächste!"
"Im Vorbeigehen warf ich einen Blick auf den Fahnensaal, dessen Tür weit offenstand. Er war voll von Leichen getöteter Offizier, die in wilden Haufen dort lagen, die einen mit den Armen auf dem Tuch, die anderen auf dem Fußboden. Einige von ihnen waren noch blutjunge Burschen. Draußen auf dem Glacis lagen Hunderte von Leichen im prallen Schein der Sonne.
So schilderte Arturo Barea, Beamter im republikanischen Madrid, den Angriff der Volksmassen auf die von Putschisten besetzte Montana-Kaserne.
Von einer Hinrichtung rechtsgerichteter Offiziere im republikanischen Barcelona erzählte der Generalsekretär des Antifaschistischen Komitees der Stadt: "Drei der Gefangenen stellte man an die Mauer, einen vierten setzte man auf einen Stuhl - dieser Offizier war schwer verwundet worden.
"In dem Augenblick, als der Offizier den Schießbefehl gab, rief einer der Todeskandidaten: "Viva Espana". Die Rufe wurden plötzlich von einem phantastischen Geschoßhagel unterbrochen,
denn viele der Milizionäre feuerten nun auch auf die Verurteilten. Als das Schießen aufhörte, waren die Offiziere bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Sie waren zerfetzt worden, und es war unmöglich, die Leichen, die nur noch Brei waren, in die bereitgestellten Särge zu legen."
In Ciudad Real warf ein republikanischer Mob 800 "Faschisten" in einen Bergwerkschacht. In Granada erschossen die Aufständischen 2137 "Rote". Nonnen wurden vergewaltigt, Priester mit Rosenkränzen erwürgt. Maurische Truppen im Dienst der Rebellen schnitten Männern die Geschlechtsteile ab und vergewaltigten Frauen vor der Exekution.
Grauen, wie sie Dante für sein Inferno nicht ersinnen mochte, Szenen, die dem Maler Francisco de Goya für seine Skizzen über die "Schrecken des Krieges" nicht einfielen - aber tatsächliche Geschehnisse in einem Bürgerkrieg, der obwohl auf ein Land am Rande Europas beschränkt, vor einem halben Jahrhundert den Kontinent und die ganze Welt erschütterte.
Der Spanische Bürgerkrieg, der am 18. Juli 1936 begann, zerstörte nicht nur das Land auf Jahrzehnte hinaus. Er wurde zum prägenden Erlebnis für eine ganze Generation von europäischen Politikern und Soldaten, Intellektuellen und Idealisten.
Die geistige Elite des Kontinents engagierte sich mit Pathos und revolutionärem Elan für die Republik. Männer wie Picasso und Orwell, Koestler und Hemingway, Malraux und Ehrenburg. Kantorowicz und Nehru, Brecht und Bernanos schrieben, malten oder kämpften damals für Spanien.
Noch stärker als der Vietnamkrieg die Generation der siebziger Jahre, bewegte der Spanische Bürgerkrieg Gewissen und Gefühle jener Zeit. Nie vorher und nie nachher hat es solch spontane Solidarität über alle Grenzen hinweg gegeben wie in den "Internationalen Brigaden", in denen bis zu 60000 Freiwillige aus 60 Nationen für ein ihnen fremdes Land ihr Leben opferten.
Es war ein brutaler Konflikt um die grundsätzlichen Werte und Bekenntnisse dieses Jahrhunderts, Klassen und Ideologien, Kirche und Anarchie, Faschismus, Sozialismus, Stalinismus. Durch Jahrhunderte gewachsene Vorurteile, Haß, Rachsucht, aber auch kaltes Machtkalkül tobten sich vor 50 Jahren in Spanien in einem beispiellosen Blutrausch aus.
Deutsche schossen auf dem spanischen Schlachtfeld auf Deutsche. Italiener massakrierten Italiener, Russen richteten Russen hin. Denn die Schurken des folgenden Weltkrieges - Hitler, Stalin und Mussolini - maßen ihre Kräfte probeweise schon in der spanischen Arena unter den Augen der ganzen Welt.
So wie der Vietnamkrieg zum ersten Fernsehkrieg wurde, der über den TV-Schirm in die Wohnstube kam, war Spanien der erste Rundfunk- und Medienkrieg der Geschichte, der mit Frontberichten und Photos der berühmtesten Reporter ihrer Zeit die Bürger am Frühstückstisch erreichte.
Spaniens Bruderkrieg wurde mit grotesken Parolen geführt wie "Es lebe der Tod" gegen "Es lebe das Dynamit". "Intellektualität" galt als todeswürdiges Delikt auf der faschistischen Seite, ein unbedachtes "Adios" konnte bei den Republikanern lebensgefährlich werden, weil für sie Gott tot war, auf jeden Fall aber auf der falschen Seite stand.
Über kaum einen anderen Krieg wurde so viel geschrieben - und doch, was wissen jene vielen Millionen Touristen, die alljährlich Spaniens Strände füllen, über jene grausamen Jahre, was wissen die jungen Spanier selbst darüber?
Denn obwohl oder vielleicht gerade weil noch heute jede vierte spanische Familie einen Toten aus dem Brudermorden beklagt, das 978 Tage dauerte, verdrängen die Spanier die unselige Vergangenheit lieber, als sie bewußt zu bewältigen.
Sie, die allein im vorigen Jahrhundert 34 Putsche erlebten, haben sich nach dem Bürgerkrieg und der noch 36 Jahre dauernden dumpfen Diktatur des Siegers Franco nach der Selbsteinschätzung eines führenden Madrider Politikers Wunder genug, zu einem "fast ganz normalen Volk" gemausert - um den Preis, nicht an die Wunden der Vergangenheit zu rühren.
So wollen die Jungen von den Untaten der Väter wenig wissen, ist in den Schulen der Bürgerkrieg kein Thema.
Auch von Historikern und an Hochschulen wird der Bürgerkrieg nur in vorsichtigen Dosen aufgearbeitet. Neue Erkenntnisse haben Studien und Publikationen der Nach-Franco-Ära kaum gebracht, es sei denn, durch neue Materialien fundierte Bestätigungen schon früher veröffentlichter Thesen. Daß etwa, so der Historiker und Diplomat Professor Angel Vinas zum SPIEGEL, "Hitlers und Mussolinis Hilfe für Franco absolut kriegsentscheidend war".
Spaniens Streitkräfte halten ihre Archive über den Bürgerkrieg, aus denen gewiß vieles für die Armee wenig Rühmliche ans Tageslicht gebracht werden könnte, weiter unter Verschluß. Recherchen über das mörderische Geschehen vor 50 Jahren stoßen noch immer auf eine Mauer des Schweigens.
Der Verwalter eines Herrenhauses in der Mancha südlich von Madrid, dessen Bewohner in den ersten Bürgerkriegstagen bestialisch hingemetzelt wurden, antwortet auf die Frage nach den 50 Jahre zurückliegenden Ereignissen, bleich vor Erregung: "In diesem Haus duldet man keine Verstöße gegen die Ordnung", und verläßt abrupt den Raum.
Als SPIEGEL-Mitarbeiter Eckart Plate bei Recherchen für die Serie ehemalige Zwangsarbeiter aus der Bürgerkriegsära nach ihren Erlebnissen befragte,
erhielt er prompt im Hotelzimmer Besuch von der Guardia Civil. "Sie haben die Leute ausgefragt, welchem Zweck soll das dienen?", herrschte ihn ein Polizist an. "Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß das verboten ist".
Dies geschah in einem Landstrich, über dem der Schatten eines gigantischen steinernen Symbols liegt, das der Sieger und Diktator von Gottes Gnaden, wie er sich selber sah, in schier pharaonenhaftem Größenwahn von Zwangsarbeitern in den Granit der Sierra de Guadarrama hauen ließ: Francos gespenstisches Mausoleum.
"Santa Cruz del Valle de los Caidos", das "Heilige Kreuz vom Tal der Gefallenen", ist mit all seinem Pomp zum fast vergessenen Grab eines Greises geworden, über den die Geschichte hinweggegangen ist.
Kaum ein anderes Monument, das ein messianischer Despot zu seinem Nachruhm errichten ließ, wirkt so gespenstisch, an aller Realität vorbeigebaut und trostlos verlassen wie dieses steinerne Monstrum, das nichts und niemanden repräsentiert außer den Starrsinn und die Rachsucht eines alten Mannes.
Eine einsame Nelke verdorrt auf Francos Grabplatte; den Devotionalien-Händlern draußen auf dem 30000 Quadratmeter großen Vorplatz vergilben die Broschüren. Das Tal der Gefallenen ist kein Ausflugsziel für die Spanier. Gelegentliche Sympathisanten aus der internationalen Faschistengemeinde, auch deutsche oder italienische Veteranen, verlieren sich im granitenen Pomp.
Jenes alte Spanien, aus dem der Generalisimo kam, das er zeitlebens grausam vertrat und fast ein halbes Jahrhundert lang konservierte, das gibt es heute nicht mehr. Und das ist gut so, denn es waren die unlösbaren Konflikte jenes Spanien der Klassen, Kasten und des Dünkels die das Volk mit der Zwangsläufigkeit einer griechischen Tragödie in den Abgrund des Brudermordes trieben.
"EI vivo vive del tonto y el tonto vive del trabajo" - "Der Schlaue lebt vom Dummen, und der Dumme lebt von der Arbeit", dieses alte spanische Sprichwort steht für jene Mentalität, die Spanien jahrhundertelang in verbohrter Rückständigkeit hielt, bis die "Schlauen" und die "Dummen" sich schließlich in eines der blutrünstigsten Dramen verbissen, das unser Jahrhundert bisher zu bieten hatte.
Das Gold der Inkas und Azteken, das iberische Konquistadoren seit dem 16. Jahrhundert aus der Neuen Welt jenseits des Ozeans heimbrachten, kam dieser Geisteshaltung noch zugute. Spanien war mit seinen in Amerika zusammengerauhten Schätzen der große Ölscheich zu Beginn der Neuzeit, und ganz Europa riß sich darum, für spanische Golddublonen zu schuften. Spaniens Granden lebten in großem Stil, die Wirtschaft verödete darüber.
Als die überseeischen Goldquellen versiegten oder verlorengingen, schrumpfte die glanzvolle Weltmacht auf das Niveau einer Hirtennation am Rande Europas - was sich bis weit in dieses Jahrhundert hinein kaum mehr änderte.
Eine ebenso dünne wie dünkelhafte Oberschicht von meist adligen Großgrundbesitzern träumte weiter von Spaniens Größe, gab sich kultivierter Muße hin, auf Kosten einer verelendenden Masse von Tagelöhnern, die unter mittelalterlichen Produktionsbedingungen schuftete. Diese zwei Spanien hatten nichts miteinander gemein, für den "Senorito" im Stadtpalast gehörte das Landproletariat, mit dem er keinerlei Berührung hatte, zum untermenschlichen Bereich wie etwa indische Unberührbare für den Brahmanen.
Dann aber kamen im städtischen Bürgertum, das an eine dynamischen Wirtschaft interessiert war, liberale Ideen auf. Die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen mittelalterlicher Reaktion, Liberalismus und dem Elend der Massen auf dem Lande führten im vergangenen Jahrhundert zu mehr als 30 Militärputschen und zwei blutigen Bürgerkriegen.
Ein Experiment in konstitutioneller Monarchie, das der konservative Historiker und Politiker Antonio Canovas del Castillo 1876 dem im Chaos verkommenen
Staat verschrieb, brachte die kampfesmüden Spanier für einige Jahrzehnte zur Ruhe. Es gab zwei große Parteien, die sich an der Macht abwechselten, eine liberale und eine konservative, ein Parlament, regelmäßige Wahlen, an denen bald alle Männer teilnehmen konnten. die des Lesens und Schreibens kundig waren (also nur ein Bruchteil der Bevölkerung).
Die Wahlergebnisse wurden jeweils vorher von oben bestimmt. Liberale und Konservative handelten die Abgeordneten und die Ergebnisse aus, dann wurden die Listen, an die Zivilgouverneure in den Provinzen weitergeleitet. Die gaben Order, wer zu wählen sei, an die Ortsvorsteher, die sogenannten Kaziken, ein aus dem Indianischen entlehnter Begriff, der Häuptling bedeutet. Diese Dorfhäuptlinge entschieden als Grundbesitzer oder Geschäftsleute über die Existenz der Dörfler und Kleinstädter. Ihr Wahlwunsch war Befehl. Fehlten mal, was selten genug vorkam, einige Stimmen, dann wurden notfalls Tote mitgezählt.
Diese spanische Abart der Demokratie hielt fast ein halbes Jahrhundert lang. Unter der scheinbaren Ordnung aber gärte es, zu himmelschreiend waren und blieben die sozialen Gegensätze.
In Andalusien herrschten zehntausend immens reiche Großgrundbesitzer über ein Millionenheer von Pächtern und landlosen Bauern. Ganz obenan standen Herzöge, wie etwa der von Medinaceli mit siebeneinhalbtausend oder der von Alba mit dreieinhalbtausend Quadratkilometer Land. Bodensatz der Gesellschaft waren zweieinhalb Millionen landlose Tagelöhner, die "Braceros".
Nach 1870 war Bewegung ins dumpfe Bracero-Dasein gekommen. Es wurde wieder missioniert in Spanien. Die Apostel des neuen Glaubens waren so zerlumpt und hungrig wie die Dörfler selbst sie kamen zu Fuß oder auf Maultieren übers Land. Sie predigten Brüderlichkeit, gegenseitige Hilfsbereitschaft, Respektierung der Freiheit und Rechte des anderen, gemeinsames Bewirtschaften von Feldern und gleichmäßiges Aufteilen der Ernten, Solidarität auch mit dem Nachbardorf.
Der Mensch, so ihre Botschaft, ist von Natur aus gut. Er braucht keine Befehle von oben. Freiheit des einzelnen entwickelt sich nur in einer freien Gemeinschaft. Die ist in der Lage, alle Probleme selbst zu regeln.
Dieser neuen Freiheit standen freilich zwei mächtige Widersacher im Wege: Staat und Kirche, deren Gesetze und Moraldiktate den Menschen als potentiellen Missetäter oder Sünder sahen, der stets streng an der Leine gehalten werden muß.
Um sich auf dem Weg von der Sklaverei zum Glück von diesen Fesseln zu befreien, muß der Mensch Staat und Kirche beseitigen. Dazu sind alle Mittel recht: Bewußtseinswandel durch Erziehung, aber auch Auflehnung etwa durch Streik oder Gewalt bis zu Bomben.
Die neue Religion nannte sich Anarchismus. Ihr Erfinder und Oberpriester, der russische Aristokrat Michail Bakunin, hatte seinen italienischen Jünger Giuseppe Fanelli nach Spanien geschickt. Nirgendwo fand die Saat der neuen Idee so prächtigen Nährboden wie bei den spanischen Braceros:
In ihrem lebenslangen Elend begegneten sie dem Staat in Form von brutaler Polizei, die auf sie schoß, wenn sie versuchten, irgendwo ein Stück brachliegenden Landes zu beackern, der Kirche in Form von Priestern, die Armut als gottgegeben priesen und jeden Versuch, sich dagegen aufzulehnen, zur Todsünde erklärten.
Die anarchistische Theorie war für die Braceros logischer Ausweg ihrer jahrhundertelangen Unterdrückung. Zu Zehntausenden konvertierten sie zum neuen Glauben. Bereits 1873 gab es 50000 "Bakunisten" in Spanien. Hunderttausende traten in Anarchisten-Gewerkschaften ein und blieben ihnen auch treu, als sich Bakunin und Marx in der "Internationale" zerstritten und die Proletarier überall sonst in Europa meist Marx folgten. Die spanischen Anarchisten weckten das politische Bewußtsein des Proletariats, sie streikten und bombten, brachten Grundherren, der Polizei und der Kirche das Fürchten bei.
Die katholische Kirche galt den Anhängern der "Idee", so nannten sie sich selbst, als der allerschlimmste Volksfeind. Sie war immer das bis ins letzte Dorf präsente Instrument der Unterdrückung gewesen. Den Elenden Andalusiens leuchteten Bakunins Worte, die neue Welt werde erst dann gewonnen sein, wenn der letzte Fürst mit den Därmen des letzten Priesters erdrosselt sei, nur allzu gut ein.
Der Grundherr, der sie ausbeutete, war oft von Adel. Und die Kirche hatte, ob als Inquisitor oder Latifundienbesitzer, in Spanien den Armen immer nur Leid und Not, nie Trost und Hoffnung gebracht.
Als eine liberale Regierung im 19. Jahrhundert den riesigen Grundbesitz der Kirche enteignete, war der Klerus darauf bedacht, den Reichtum der Kirche in Formen anzulegen, die nicht so leichten Zugriff boten. Dabei war die Geistlichkeit überaus geschickt.
Zur Jahrhundertwende beherrschte die Kirche, voran ihr jesuitischer Zweig, große Teile der spanischen Wirtschaft. Ihr gehörten Banken. Bergwerke, Eisenbahnen, Reedereien und Apfelsinenplantagen. In Madrid kontrollierten die Seelenhirten die Versorgung mit Frischfisch, sie waren auch an den hauptstädtischen Straßenbahnen beteiligt. Selbst an der Sünde verdienten die frommen Padres: Sie besaßen einige der bekanntesten Nachtlokale der Stadt.
Im Jahre 1912 behauptete die Zeitschrift "EI fomento", daß die Jesuiten ein Drittel des in ganz Spanien investierten _(Die Spanier drohen Indianerhäuptlingen ) _(mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen, wenn ) _(ein Korb nicht mit Gold gefüllt wird ) _((Kupferstich von 1590). )
Kapitals kontrollierten. "EI dinero es muy catolico", hieß es im Volksmund - "das Geld ist sehr katholisch".
An Rückständigkeit ließ sich Spaniens Klerus, um die Jahrhundertwende etwa 100000 Köpfe stark, von niemandem übertreffen. Allein das reiche Spanien galt ihm als das gute Spanien. Für die Millionen Elenden war die Welt ein von Gott gewolltes Jammertal; den Lohn für demutvolles Ausharren verhießen die Gottesdiener für das Jenseits.
Aufbegehren erklärten sie zur Todsünde, der Verdammung in Fegefeuer oder Hölle folgen würde. Bestraft wurde Unbotmäßigkeit vom Staat freilich schon im Diesseits: 14 Anarchisten wurden in Cadiz 1883 mit der Garrotte erwürgt, weil sie sich angeblich gegen die Obrigkeit verschworen hatten.
Noch Anfang vorigen Jahrhunderts galt es Spaniens Kirche als ketzerisch, zu behaupten, der Mensch habe einen Blutkreislauf. Gelehrte Theologen disputierten an der altehrwürdigen Universität von Salamanca darüber, welche Sprache die Engel sprächen, auch ob die Himmelsfüllung aus geschmolzenem Glockenmetall oder einer rotweinähnlichen Flüssigkeit bestünde.
Als im Gefolge der napoleonischen Kriege liberale Ideen nach Spanien drangen, wiegelten die Padres fromme katholische Bauern im Norden gegen die Regierung in Madrid auf. Die Wahl liberaler Kandidaten wurde noch im Katechismus von 1927 zur Todsünde erklärt. Liberale Zeitungen zu lesen war ebenfalls Sünde - erlaubt waren allein die Börsennachrichten.
Dieser Kirche der Reichen und des Rückschritts liefen die Gläubigen in Scharen davon. 1931 waren in Zentralspanien nur noch fünf Prozent der Landbevölkerung im einst katholischsten Land Europas praktizierende Gläubige, in andalusischen Dörfern ging nicht einmal jeder hundertste Mann regelmäßig zur Kirche. Der Haß auf die Unterdrückerkirche entlud sich in gewaltsamen Explosionen.
Als die spanische Armee 1909 in Marocko - das zum Ersatz für das verlorene koloniale Weltreich geworden war - eine vernichtende Niederlage erlitt und massenweise neue Rekruten aushob, brach in Barcelona, längst als "Stadt der Bomben" verrufen, ein Arbeiteraufstand aus. Anarchistische Rebellen brannten 21 Kirchen und 34 Klöster nieder. Aufrührer holten tote Nonnen aus ihren Gräbern und tanzten mit den Leichen durch die Straßen.
Die Armee erschoß 180 Arbeiter. Der Aufstand ging als ("Tragische Woche) in Spaniens turbulente Geschichte ein. Der anarchistische Lehrer Francisco Ferrer wurde als angeblicher Anstifter des Aufstandes hingerichtet, später dort der Anarchistenführer Salvador Segui "auf der Flucht" erschossen.
Denn wo die Soutane ihren Einfluß auf die Seelen verlor, trat die bewaffnete Macht des Staates an, das Volk niederzuhalten. Da betuchte Spanier sich preiswert vom Militärdienst freikaufen konnten, leisteten fast nur die Söhne der Ärmsten, meist Analphabeten, für einen Sold von etwa einer Mark im Monat, Waffendienst. Sie wurden von ihren Unteroffizieren erbarmungslos kujoniert und von einem maßlos aufgeblähten Offizierskorps kommandiert: Auf je neun Soldaten kam ein Offizier, auf einige hundert ein General.
Zum verhaßten Symbol der Unterdrückung in Spanien bis ins letzte Jahrzehnt aber wurde die "Guardia Civil", die Gendarmerie deren Markenzeichen ihr schwarzer lackierter Drei-Spitz ist.
Die Guardia war die Antwort des Staates auf ein bis Mitte des vorigen Jahrhunderts verbreitetes Banditenunwesen, das Spaniens Straßen zu den unsichersten in Europa machte. Jedes Dorf erhielt eine festungsartige Polizeistation. Stets mit Gewehren bewaffnet, patrouillierten die Zivilgardisten prinzipiell zu zweit. Im Volksmund hießen sie deshalb "la pareja" - das Paar. Sie dienten nie in ihrer eigenen Heimat. Den Beamten war es verboten, mit der Bevölkerung freundschaftliche Kontakte zu knüpfen. Sie machten aus geringstem
Anlaß von der Schußwaffe Gebrauch. Foltern gehörte zum Alltag.
Der Haß gegen die Lackhüte entlud sich immer wieder in mörderischen Ausbrüchen der Volkswut. Als Gendarmen 1931 in Castilblanc eine anarchistische Versammlung auseinandertreiben wollten, fiel die gesamte Dorfbevölkerung über die vier Zivilgardisten her und massakrierte sie. In einer Leiche zählte man 37 Messerstiche.
Die sogenannten zwei Spanien, die oben und die unten, waren damals längst in einer erbitterten Auseinandersetzung verbissen. Anarchistische Terroristen, wie der legendäre Buenaventura Durruti, der als Attentäter und Bankräuber in vier Ländern Europas zum Tod verurteilt war, und die Polizei lieferten sich landesweit gefechte. Immer mehr Politiker starben unter den Kugeln von Attentätern, so der konservative Regierungschef Eduardo Dato.
Und die schlecht ausgerüstete Armee, deren Offiziere Verpflegung und Waffen an den Feind verramschten, erlitt in Marocko eine vernichtende Niederlage: Abd el-Krim, Führer der legendären Rifkabylen, metzelte 1921 bei Melilla 15000 Spanier aufs grausamste nieder.
Augenzeuge Arturo Barea, damals Korporal im Kolonialkrieg: "Jene Toten, die wir fanden, nachdem sie tagelang in der afrikanischen Sonne gelegen hatten. Jene verstümmelten Leiber, ohne Augen, ohne Zungen, mit besudelten Genitalien, mit Stacheldrahtpfählen geschändet, die Hände mit den eigenen Eingeweiden gefesselt, enthauptet, armlos, beinlos, entzweigesägt - oh, jene Toten !"
Nach der "Katastrophe von Melilla" putschten jene, die sie mit verursacht hatten: die Generäle. Die Macht übernahm Miguel Primo de Rivera, Generalkapitän von Katalonien. König Alfons XIII. stellte Primo de Rivera einmal dem italienischen König Viktor Emanuel als "mein Mussolini" vor.
Der Offizier hatte in vielen verlorenen Schlachten Spaniens - in Kuba, auf den Philippinen, in Marokko - tapfer gekämpft. Nun gewann er für Spanien die erste seit Generationen: Mit Hilfe der Franzosen schlug er Abd el-Krim und befriedete Marokko.
Der alte Haudegen konnte als Regierungschef den Kasernenhof nie verleugnen. Immer wieder tauchte er tagelang in Madrids verrufenen Vierteln unter, soff und hurte rum und erließ dann noch voll des Weines skurrile Dekrete, die anderntags widerrufen werden mußten.
In den ersten Jahren seiner Herrschaft blühte Spaniens Wirtschaft auf. Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und persönliche Affären aber zwangen Primo de Rivera 1930 zum Rücktritt; er starb im Pariser Exil.
In Spanien wurde unterdessen mit tatkräftiger Geburtshilfe einer intellektuellen Elite unter Führung des Philosophen Ortega y Gasset "la nina bonita", ein "hübsches Mädchen", geboren - die Republik. Im April 1931 ging König Alfons ins Exil, "um einen Bürgerkrieg zu vermeiden".
Die republikanische Idee war im 19. Jahrhundert schon einmal verwirklicht worden und hatte im Lande viele Anhänger. Es gab nicht weniger als 450 republikanische Klubs mit über 100000 Mitgliedern. Aber es gab auch erbitterte Feinde von links wie von rechts: Den Anarchisten mißfiel jede Art von Autorität, sie bombten auch gegen die Republik.
Auf der anderen Seite war die Republik der Kirche ein Greuel. Kardinal Segura, Erzbischof von Toledo, für den etwa "das Bad eine Erfindung der Heiden, wenn nicht gar des Satans" war, sagte ihr in einem Hirtenbrief erbittertsten Kampf an.
Denn eine neue republikanische Verfassung verkündete die Trennung von Staat und Kirche. Der Staat stellte die Besoldung des Klerus ein. Kirchliche Organisationen mußten fortan Steuern zahlen. Die Zivilehe galt als einzig gültige und konnte geschieden werden. Der Jesuitenorden wurde aufgelöst. Der Staat nahm der Kirche auch die Erziehung aus der Hand.
Die Republik entließ Katalanen in die Autonomie, ihre übrigen Reformen aber kamen nicht voran. Vor allem scheiterte die Landverteilung, die endlich den Braceros ein menschenwürdiges Dasein verschaffen sollte. Enttäuschung über den mangelnden Schwung der Linken brachte den Rechten 1933 einen triumphalen Wahlsieg - und setzte der geplanten Erneuerung Spaniens ein jähes Ende.
Es begann eine Ära, die später als "Bienio Negro", das "Schwarze Doppeljahr", in Spaniens Geschichte einging. Die Landverteilungen hörten auf, die gerade angehobenen Löhne der Braceros wurden halbiert- Kirchliche Schulen durften weitermachen.
Spanien versank immer tiefer in einem Strudel der Gewalt. Streiks legten die Wirtschaft lahm. Katalonien erklärte sich für unabhängig. In Asturien wurde eine "Sozialistische Republik" ausgerufen. Und wieder gingen Polizeistationen und Kirchen in Flammen auf. In Sama fielen 70 Gendarmen einem Massaker zum Opfer.
Die Regierung setzte die Armee gegen die Aufrührer in Marsch. Das Asturienkommando erhielt ein kleinwüchsiger General, der bald über vierzig Jahre lang Spaniens Schicksal werden sollte- Francisco Franco y Bahamonde, der eine glänzende militärische Laufbahn vom jüngsten Hauptmann bis zum jüngsten General Spaniens durchlaufen und sich in Marocko ausgezeichnet hatte.
Franco schickte fremdländische Soldateska gegen die asturischen Bergarbeiter: die in Marokko stationierte Fremdenlegion, eine Söldnertruppe, in der viele Kriminelle dienten, deren Kommandeur Franco jahrelang war, sowie maurische "Regulares".
Jahrhundertelang hatte Spanien gegen die Mauren gekämpft, um sie von seinem Boden zu vertreiben. Über 400 Jahre nach ihrer Vertreibung von der Iberischen Halbinsel kamen die moslemischen "moros" wieder und kämpften mit aller Brutalität, die sie im Kolonialkrieg
gelernt hatten: Sie metzelten nieder, was ihnen vor die Flinte oder das Messer kam.
Tausende asturische Arbeiter fielen in dem kurzen ungleichen Kampf. 30000 wurden verhaftet. Franco hatte nach eigenem Selbstverständnis zum erstenmal das Vaterland gerettet - aber es wußte ihm dies noch nicht gebührend zu danken.
Bei den nächsten Wahlen im Februar 1936 siegte die linke Volksfront über die reaktionäre Nationale Front. Wieder Waren grundlegende Reformen angesagt- und wieder von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Die stärkste Kraft der Linken, die Sozialisten, waren gespalten. Ein Teil wollte keine Reformen mehr, sondern die Revolution. Ihr populärer Führer Francisco Largo Caballero, 1917 nach einem Streik schon mal zum Tod verurteilt, hatte seit den Unruhen des Jahres 1934 im Gefängnis gesessen. Er, der bis zu seinem 24. Lebensjahr Analphabet gewesen war, hatte dort die Werke von Marx, Engels und Lenin gelesen. 67jährig wähnte er sich nun im Besitz der reinen Wahrheit und war überzeugt, daß die Arbeiterklasse kraft historischer Zwangsläufigkeit siegen müsse.
Die Linke verweigerte der linksliberalen Regierung Manuel Azanas die Mitarbeit. Auf der Straße traf sie auf einen kampfbereiten Gegner, denn auch Spaniens Rechte hielt nichts von einem Parlament, in dem mangels Wählerstimmen nicht einmal ihr Führer vertreten war: Jose Antonio Primo de Rivera, Sohn des Diktators der 20er Jahre, ein charismatischer "Senorito" aus Andalusien und erfolgreicher Anwalt, hatte 1933 mit faschistischem Ideengut aus Italien die "Falange Espanola" gegründet, so benannt nach der hellenischen "Phalanx", dem Stoßtrupp der Mazedonier.
Die Falange setzte sich das Ziel, Spanien vom "marxistischen Gift" zu reinigen und war in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich. Rechte "Pistoleros" schossen ihre ideologischen Konflikte mit Sozialisten und Anarchisten auf Straßen und Plätzen aus. Die Regierung schien machtlos gegen das Chaos.
Als sie sich weigerte, das Kriegsrecht auszurufen, wie es die Rechte verlangte, planten Spaniens Generäle wieder einmal einen Putsch. Doch die Regierung bekam rechtzeitig Wind davon und verbannte putschverdächtige Militärs, den General Franco auf die Kanaren, General Goded auf die Balearen, General Mola nach Pamplona im Norden.
Das konnte die Explosion nicht mehr verhindern, nur verzögern. Nach einem Attentatsversuch auf den Sozialistenführer Largo Caballero wurde Falange-Chef Jose Antoni verhaftet. Premier Azana beschwor ihn, das Land zu verlassen. "Ich kann nicht", antwortete der Faschistenführer, "meine Mutter ist krank."
"Aber Ihre Mutter ist doch schon seit vielen Jahren tot", wunderte sich der Regierungschef. "Meine Mutter ist Spanien", erwiderte Jose Antonio, "ich kann sie nicht verlassen." Er konnte nicht wissen, daß er dafür bald mit seinem Leben bezahlen würde.
In Madrid tobte schon ein "kleiner Bürgerkrieg". Beim Begräbnis eines Offiziers der Guardia Civil stürmten Falangisten
mit dem Schlachtruf "Spanien! Einig, groß, frei!" und Jungsozialisten unter dem Absingen der "Internationale" aufeinander los, die Guardia de Asalto, die Sturmgarde, griff ein, und zwölf Tote blieben auf der Straße liegen - darunter auch ein Vetter von Jose Antonio.
Die Parteiführer gossen Öl ins Feuer. Largo Caballero forderte die sofortige Diktatur des Proletariats. Jose Antonio hetzte aus der Zelle die Militärs zum Putsch. Die Anarchisten schmetterten ihre Hymne "Hijos del pueblo" ("Söhne des Volkes"), die den Massen verkündete, es sei besser zu sterben als Sklave zu sein. Die Faschisten sangen in ihrem Kampflied "Cara al Sol" ("Das Antlitz zur Sonne"): "Der Tod wird mich treffen." Die Arena Spanien war für das große Sterben bereit.
Am Abend des 12. Juli erschossen rechtsgerichtete Pistoleros den Leutnant Jose Castillo von der Sturmgarde. Kameraden Castillos holten darauf den reaktionären Monarchistenführer Calvo Sotelo aus seinem Haus und erledigten ihn im Auto mit einem Genickschuß. Als die beiden Mordopfer am 14. Juli zu Grabe getragen wurden, schworen ihre Anhänger einander Rache - "vor Gott und vor Spanien" die einen, mit der geballten Linken die anderen.
General Mola in Pamplona gab mit dem Losungswort "Helene gebar ein schönes Baby" seinen Putschkameraden Befehl zum Losschlagen. Am 18. Juli sollten sich die Garnisonen in Nordafrika, am 19. die in Spanien gegen die Regierung erheben.
Verrat zwang die Putschisten im marokkanischen Melilla vorzeitig zum Losschlagen - am Nachmittag des 17. Juli 1936. Die Rebellen erschossen den Garnisonsbefehlshaber General Romerales und besetzten die Stadt. Am nächsten Tag war ganz Spanisch-Marokko in ihrer Hand, wer Widerstand leistete, wurde niedergemacht.
General Franco setzte von Gran Canaria - sicherheitshalber ohne Schnurrbart und mit falschem Paß - in einem schon eine Woche zuvor aus England gebrachten Flugzeug nach Marokko über. Von dort aus verkündete er den Kriegszustand, der ausgerechnet jene Delikte unter Standrecht stellte, welche die auf die Republik vereidigten Putschisten eben selbst begangen hatten: Rebellion. Meuterei, Widerstand, Ungehorsam.
Erst einmal saß der künftige Caudillo allerdings mit den Stoßtruppen des Putsches, den Fremdenlegionären und den Regulares in Nordafrika fest: Spaniens Kriegsmarine putschte nicht mit. Wo Schiffskommandanten versuchten, gemeinsame Sache mit den Putschisten zu machen, wurden sie von meuternden Matrosen gefangengesetzt oder erschossen. Die Flotte blieb unter dem Kommando von Matrosenräten der Republik treu. Sie hielt durch Blockade der marokkanischen Küsten die Hauptmacht der Rebellen vom Mutterland fern.
Dort war die Lage für die Republik zwar durchaus nicht so rosig, wie die Regierung am 18. Juli über den Madrider Rundfunk glauben machen wollte - "Niemand, absolut niemand auf dem spanischen Festland hat sich an diesem verrückten Komplott beteiligt" - aber auch nicht ermutigend für die Putschisten.
Zwar hatten in Navarra Truppen des führenden Putsch-Generals Mola die Macht übernommen. Und das Gebiet von Sevilla in Südspanien eroberte ein nur mit seinem Revolver bewaffneter General fast allein für die Rebellen.
Queipo de Llano war mit seiner Hispano-Suiza-Limousine samt Adjutanten gerade in Sevilla eingefahren, als er vom vorzeitigen Putsch in Marokko erfuhr. Mit drei anderen Offizieren drang er ins Hauptquartier des Garnisonskommandanten,
General Villa Abrille, vor und verhaftete ihn mit gezogener Pistole, als der General zögerte, mitzuputschen.
Auf dem Kasernenhof war unterdessen ein Regiment, feldmarschmäßig ausgerüstet, angetreten. Queipo gratulierte dem kommandierenden Oberst zu seinem Entschluß, sich "in dieser Schicksalsstunde auf die Seite Ihrer Kameraden zu schlagen". Der Oberst aber erwiderte, er stehe auf seiten der Regierung.
Da schlug der General vor, das Gespräch im Büro des Obersten fortzuführen. Dort setzte er ihn und andere widerspenstige Offiziere fest und übergab einem putschbereiten Hauptmann das Kommando über die angetretene Truppe. Damit sowie mit Hilfe falangistischer Trupps und der übergelaufenen Guardia Civil besetzte Queipo dann binnen Stunden die Stadt, die eine Viertelmillion Einwohner zählte. Dann nahm er die Rundfunkstation.
Von dort aus sendete der egozentrische Offizier, der sich mit seinem Handstreich zu einer Art Vizekönig von Sevilla samt halb Andalusien gemacht hatte, fortan, solange der Bürgerkrieg dauerte, tagtäglich originelle Spruchweisheiten über den Äther, die ganz Spanien erschreckten oder erheiterten, etwa solche:
"Sevillaner, ich sage euch, daß ihr alle Schwulen und Hurensöhne, die irgendwelche Infamien gegen die nationale Bewegung verbreiten, erschlagen sollt wie Hunde!"
"Die marxistischen Generäle kann man nur mit der Zange anfassen, und auch dann macht man sich noch dreckig!"
Den Vorwurf seiner Gegner, er sei bei seinen Durchsagen meist besoffen, erwiderte der General, mit dem Sherryglas gegen das Mikrophon schlagend: "Schön, warum nicht, warum soll ein Mann von echtem Schrot und Korn denn nicht den ausgezeichneten Wein und die schönen Frauen von Sevilla genießen? Oder: "Heute abend nehme ich einen Sherry, morgen nehme ich Malaga!"
Mittlerweile beteuerte die Regierung in Madrid nach wie vor, sie sei "Herrin" der Lage, die Niederschlagung des Aufstandes sei "eine Frage von Stunden."
Das Volk nahm den Aufstand ernster und rief nach Waffen - über hunderttausend Madrider skandierten am Abend des 18. Juli auf der Puerta des Sol stundenlang "Armas, armas, armas". Die Regierung weigerte sich, Gewehre an die Gewerkschafter der sozialistischen UGT und der anarchistischen CNT herauszugeben - sie fürchtete ein Blutbad.
Doch die Republik hatte zu ihrer Verteidigung keine Armee mehr- weit über die Hälfte der regulären Streitkräfte hörte auf das Kommando der Putschisten. Der am 19. Juli zum neuen Premier berufene Marineminister Jose Giral öffnete den Arbeitern die Arsenale, ließ über 50000 Gewehre verteilen.
Doch bis auf 5000 waren die Karabiner unbrauchbar. Ihre Verschlüsse lagen im Hauptquartier der Madrider Garnison, der Montana-Kaserne. Dort hatte gerade Putsch-General Fanjul das Kommando über 2500 Mann angetreten, mit denen er Madrid besetzen sollte.
In der Nacht zum 20. Juli wälzte sich eine nach Zehntausenden zählende Menge zur Montana-Kaserne, unterwegs zündete sie zahlreiche Kirchen an. Einige tausend hatten Waffen, darunter Pistolen aus napoleonischen Tagen oder Messer, irgendwo war auch ein leichtes Feldgeschütz gefunden worden.
Augenzeuge Arturo Barea schildert den Sturm der aufgepeitschten Volksmassen, darunter Frauen und Kinder gegen das MG-Feuer aus der Kaserne: _____" Eine ungeheure, kompakte Masse von Leibern bewegte " _____" sich wie ein Sturmbock vorwärts gegen die Kaserne... " _____" Jetzt war die Menge ein einziger, anhaltender Schrei. Und " _____" ununterbrochen ratterten die Maschinengewehre. " _____" Dann wußten wir mit einem Male, obwohl es uns niemand " _____" gesagt hatte, die Kaserne war im Sturm genommen worden... " _____" Die Woge von Schreien und Schüssen tonte nun im Innern " _____" des Gebäudes. An einem der Fenster erschien ein " _____" Milizmann, hob sein Gewehr hoch in die Luft und warf es " _____" hinunter in die Menge, die mit einem Aufbrüllen wilder " _____" Freude antwortete. Das Glacis war mit Leibern bedeckt, " _____" von denen manche sich im eigenen Blut wanden und " _____" weiterzuschleppen suchten. Eine Gruppe rannte hinter " _____" einem Soldaten her, der, toll vor Furcht, vorwärtsstürmte " _____" und jeden, der seinen Weg kreuzte, beiseite stieß. Dann " _____" stellte ihm einer ein Bein. Er fiel nieder. Die " _____" Menschengruppe schloß sich um ihn. Als sie " _____" auseinanderging, war von ihm nichts mehr zu sehen. "
Auch die zweite Millionenstadt Spaniens, Barcelona, blieb in republikanischer Hand. Dort befahl General Manuel Goded der Garnison, am Morgen des 19. Juli die Stadt zu besetzen. Den Soldaten wurde weisgemacht, sie müßten die Republik schützen. Die Anarchisten hatten ihre eigenen Arsenale und bewaffneten binnen Stunden Aktivisten ihrer Gewerkschaft CNT, die allein in der katalanischen Hauptstadt 350000 Mitglieder zählte.
Außerdem hielten sich in Barcelona Tausende junge Besucher aus Spanien und dem Ausland auf, die zur "Volksolympiade" angereist waren, einer linken Gegenveranstaltung zu den "faschistischen" Olympischen Spielen, die Anfang August in Berlin beginnen sollten.
Viele dieser Arbeitersportler (laut Falange-Propaganda "Abschaum der Menschheit") fanden sich plötzlich hinter Barrikaden wieder, ein Gewehr in der Hand, auf Soldaten des Gastlandes feuernd. Deutsche und österreichische Arbeiter formierten sich zu einer "Centuria
Thälmann" unter dem Kommando des früheren Reichstagsabgeordneten der KP, Hans Beimler. Oft brauchten sie freilich nicht zu schießen. Anarchisten stellten sich ohne Waffen der anrückenden Truppe, forderten sie auf, nicht auf ihre proletarischen Brüder zu feuern, sondern auf ihre Offiziere. Viele Soldaten taten genau das und schlossen sich den Verteidigern der Republik an.
Selbst die Guardia Civil blieb in Barcelona der roten Regierung treu, fast unvorstellbar für Gewerkschafter, die jubelten: Wenn sogar die gefürchteten Lackhüte auf der Seite des Volkes stünden, sei der Sieg sicher.
General Goded geriet in Gefangenschaft, vor sofortiger Exekution nur gerettet durch das Eingreifen einer beherzten Kommunistin, Caridad Mercader - deren Sohn Ramon später in Stalins Auftrag Leo Trotzkij ermordete.
Kataloniens Präsident Lluis Companys hielt den General als "persönlichen Gefangenen" im Palacio de la Generalitat und überredete ihn schließlich zu einem Rundfunk-Appell an seine Kameraden, den Kampf einzustellen: "Ich, General Goded, spreche hier zu Ihnen nicht als Gefangener, sondern als Spanier und fordere Sie dringend auf, die Waffen niederzulegen."
Die Ansprache des bekannten und geachteten Generals, der noch am Tag vor seiner Gefangennahme Mallorca für die Rebellen genommen hatte, stiftete Verwirrung unter den Aufrührern. Mehrere Garnisonen, darunter die wichtige in Valencia, ergaben sich. Goded wurde der Dienst, den er damit der Republik leistete, nicht gedankt: Er wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen.
Obwohl sie an Soldaten und Waffen weit in der Überzahl waren, stand die Sache für die Aufrührer in den Tagen unmittelbar nach dem Putsch schlecht. Sie hielten große Landesteile im Norden und kleinere im Süden. Die Republik aber hatte die Hauptstadt und die industriellen Zentren um Barcelona und Bilbao an der Nordküste in ihrer Hand (siehe Karte Seite 99).
In beiden Landesteilen breitete sich Mord und Totschlag aus. Die zwei Spanien, zusammen damals 24,5 Millionen Einwohner, die da in jahrzehntelang aufgestautem Haß aufeinander losgingen, lösten sich in "2000 Spanien" auf, so der britische Historiker Hugh Thomas. Dörfer, Städte und Landstriche, in denen es keine Spanier mehr gab, nur noch "Faschisten" und "Rote", versanken in einem sadistischen Blutrausch.
Auf nationaler Seite räumten Armee-Pelotons und falangistische Mordkommandos mit allem auf, was nach Republik roch. Alle, die "der Rebellion geholfen", das heißt in Wahrheit nur der legalen Regierung gedient hatten verfielen dem Standrecht. Oft wurden um den "notwendigen Terror", so der General Mola, zu verstärken, auch Frauen und Kinder exekutiert, die Leichen zur Abschreckung tagelang liegengelassen.
Falls es notwendig sei, würde er "halb Spanien erschießen lassen", brüstete sich General Franco vor einem britischen Journalisten.
Auf republikanischem Gebiet jagten Milizen, Anarchisten und selbsternannte Räte die Falangisten und alles, was eine Kutte trug. Mancherorts wurden einfach alle erschossen, die was hatten oder was waren: Grundbesitzer, Unternehmer, Anwälte, Händler, Priester- insgesamt fast 7000 Geistliche und Nonnen. Unzählige private Rechnungen wurden dabei auf beiden Seiten beglichen. Den Massakern fielen in den ersten Wochen fast 100000 Menschen zum Opfer.
Wer bei diesem Brudermorden die Oberhand behalten würde, war aber noch völlig offen. General Sanjurjo, der den Oberbefehl über den Aufstand übernehmen sollte, stürzte beim Start aus seinem portugiesischen Exil nach der Rebellen-Hauptstadt Burgos in Nordwestspanien ab: Der ohnedies schwergewichtige General wollte nicht auf seine Paradeuniform samt allem Lametta verzichten und hatte das kleine Flugzeug mit seinen prallgefüllten Koffern völlig überladen - es streifte eine Mauer und ging in Flammen auf.
Den Generälen Mola im Norden und Queipo de Llano im Süden fehlten Soldaten, Waffen und vor allem Munition.
Franco aber saß mit dem schlagkräftigsten Truppenteil, der Afrika-Armee, jenseits der Meerenge von Gibraltar in der Falle. Er hätte den Krieg nie gewinnen, ja nicht einmal richtig beginnen können, wären ihm nicht ebenso überraschend wie eilfertig mächtige Bundesgenossen erwachsen - die faschistischen Führer Mussolini und Hitler.
Im nächsten Heft
Ein gescheiterter Kaufmann macht Geschichte - Hitler hilft mit Flugzeugen - Der Kampf um den Alcazar - Der kurze Sommer der Anarchie - Die Internationalen Brigaden retten Madrid
[Grafiktext]
Machtbereich der - Nationalisten - Republikaner bei Beginn des Spanischen Bürgerkriegs (Ende Juli 1936) ATLANTIK FRANKREICH BALEAREN KANARISCHE INSELN MAROKKO SPANISCH -MAROKKO PORTUGAL SPANIEN Oviedo Santander Bilbao Burgos Zaragoza Bilbao Barcelona Salamanca Madrid Badajoz Toledo Valencia Ibiza Mallorca Menorca Cordoba Alicante Sevilla Granada Malaga Cadiz Tanger Tetuan Oran Algier
[GrafiktextEnde]
Die Spanier drohen Indianerhäuptlingen mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen, wenn ein Korb nicht mit Gold gefüllt wird (Kupferstich von 1590).
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 29/1986
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