16.06.1986

LEBENSMITTELAngst vor der Ernte

Sind Obst und Gemüse strahlengeschädigt? Die Lebensmittel-Industrie fürchtet weiteren Vertrauensschwund. *
In der Frankfurter "Villa Kunterbunt", einem sonst ruhigen Laden für gebrauchte Kinderkleidung, war bös was los. Ständig klingelte das Telephon, aufgeregte Eltern stürmten in den Laden.
Alle wollten nur das eine: Milchpulver aus dem Jahre 1985. Die sonst bei Eltern und Kindern verpönte Trockenmilch war nach dem schweren Reaktorunfall im sowjetischen Tschernobyl der große Renner. Gleich zentnerweise wurde das blaßgelbe Zeug an Verbraucher verkauft, die fürchteten, sich mit frischer Milch radioaktiv zu verseuchen.
Die strahlenfreie Ware stammte aus den Beständen der Bundesanstalt für Landwirtschaftliche Marktordnung (BALM). Die Frankfurter Behörde verwaltet den deutschen Anteil der europäischen Agrarüberschüsse, darunter 750000 Tonnen Milchpulver.
Daß die BALM ihre Trockenmilch nur tonnenweise abgibt, hat die neue Kundschaft nicht geschreckt. Eifrige Organisatoren sorgten in vielen Städten für Sammelbestellungen in der Nachbarschaft. Denn so wie in Frankfurt hatten auch andernorts die Verbraucher das Vertrauen in die Ware aus dem Supermarkt verloren. Während vor allem Frischgemüse und Milchprodukte liegenblieben, waren Konserven und Trockenprodukte - je älter, desto besser - gefragt. Die BALM setzte in wenigen Tagen fast 600 Tonnen Milchpulver um.
Zu den Kunden gehörten nicht nur besorgte Eltern, sondern vor allem auch Hersteller der Lebensmittel-Industrie. So orderte die zum Nestle-Konzern gehörende Allgäuer Alpenmilch AG einige Tonnen Milchpulver für die Herstellung von Babykost, nachdem verseuchte Frischmilch die Produktion zwei Wochen lahmgelegt hatte. Ansonsten herrschte nach Tschernobyl bei Nestle wie bei der Konkurrenz zunächst Ratlosigkeit. "Es gibt", hieß es etwas verquollen beim Bielefelder Oetker-Konzern, "derzeit noch keine Lösungsansätze."
Wie die Verbraucher waren auch die Lebensmittel-Hersteller völlig unvorbereitet von der radioaktiven Wolke aus dem Osten überrascht worden. Ihre Kunden, verwirrt durch Begriffe wie Becquerel und immer neue Expertenmeinungen, schränkten von einem Tag
zum anderen ihren Konsum ein oder wichen auf konservierte Ware aus.
Besonders hart betroffen waren zunächst Landwirte und Molkereibetriebe. Im Mai konnten sie zeitweilig nur ein Viertel der sonst üblichen Menge Frischmilch absetzen. Auch Joghurt, Quark und Sahne ließen sich nur schwer verkaufen. Selbst kritische Konsumenten kauften nun H-Milch, Eier aus Legebatterien oder Äpfel aus Südafrika - alles Produkte, die sie sonst naserümpfend liegenließen.
Allein in den ersten vier Wochen nach dem Reaktorunfall verbuchten die Molkereien Umsatzeinbußen in Höhe von 180 Millionen Mark. Auf rund 100 Millionen Mark bezifferten die Gemüsebauern ihre Ausfälle, weil Salat, Spinat und Porree unverkäuflich waren.
Auch der Handel konnte die Folgen der sowjetischen Katastrophe bald an seinen Umsätzen ablesen. "Dagegen war der Wein-Skandal", meinte ein Spar-Händler in München, "ein Kinderspiel."
Da gerieten einige Händler in Versuchung und wollten ihre Kunden überlisten. Gurken aus Bulgarien etwa oder Erdbeeren aus Italien wurden als spanische Ware angeboten, selbst wenn herumliegende Transportkisten keinen Zweifel über die ihre Herkunft der Produkte zuließen.
Nachdem sie sich von ihrem Schrecken erholt hatten, versuchten Politiker die Verbraucher zu beruhigen. In Mainz verzehrte Ministerpräsident Bernhard Vogel frischen Salat aus der Pfalz, in Nordrhein-Westfalen trank Johannes Rau vor surrenden Kameras wieder frische Milch, und Kanzlergattin Hannelore Kohl ließ sich in Bonn beim Gemüse-Einkauf ablichten.
Doch die zur Schau gestellte Furchtlosigkeit half wenig. Sieben Wochen nach dem Reaktorunfall stockt der Absatz von Milch und Frischgemüse noch immer. "Auf Verunsicherung", erkannte der Deutsche Raiffeisen-Verband, "reagiert der Verbraucher eben schneller als auf Entwarnung."
Die Vorsicht hat auch gute Gründe: Die Experten nämlich sind sich noch immer nicht einig, ob die Deutschen wieder gefahrlos zu ihren Eßgewohnheiten zurückkehren können. Die von der EG-Kommission festgelegten Grenzwerte der Strahlenbelastung, meinte zum Beispiel ein vom Bund für Umwelt- und Naturschutz zusammengeführtes Expertengremium, seien "unverantwortlich hoch". Die Behauptung der Strahlenschutzkommission, die Gefahr sei vorüber, bezeichneten die Alternativexperten als "glatt gelogen".
Bisher ist nämlich nur das radioaktive Jod 131 wegen seiner raschen Zerfallszeit weitgehend aus der Nahrung verschwunden. Dafür tauchen nun immer häufiger hohe Caesium-Werte auf, und Messungen von Strontium 90 liegen kaum vor.
Beunruhigende Spitzenwerte von Caesium, das erst in Jahrzehnten zerfällt, stellten die Kontrolleure vor allem bei Wild- und Schaffleisch fest, aber auch bei Rindfleisch. Hätten die hessischen Grenzwerte bundesweit Geltung, stellte Anfang Juni ein Forscher des Heidelberger IFEU-Instituts fest, "dürfte ein Drittel des Rindfleisches nicht verkauft werden".
Der Handel hofft, mit dem Mehrumsatz an Konserven und Tiefkühlkost die Einbußen bei frischer Ware weitgehend ausgleichen zu können. Denn vorerst sind Produkte aus der Ernte des vergangenen Jahres - in Büchsen, Gläsern und Tieffrostpackungen - noch zu haben.
Schwierig aber wird es mit der neuen Produktion. Spinat etwa wurde tonnenweise untergepflügt, was insbesondere den Herstellern von Babynahrung zu schaffen macht. Die Unilever-Tochter Langnese-Iglo hat 4000 Tonnen Spinat in diesem Frühjahr nicht abgenommen. Erst Anfang Juni, als die Strahlenwerte wieder unter der Toleranzgrenze lagen, begann für Iglo die Ernte.
Ob Erbsen und Bohnen, Kartoffeln und Karotten ohne Sorgen verarbeitet werden können, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Inzwischen sind die Labors aller größeren Firmen mit Meßgeräten ausgerüstet worden, damit sie laufend überprüfen können, wie stark die landwirtschaftlichen Produkte verseucht sind. Und für alle Fälle haben die Firmen sich - soweit es geht - noch schnell mit Rohware aus der letzten Ernte eingedeckt.
Die Hersteller wissen, daß viel auf dem Spiel steht. Der Schock von Tschernobyl könnte das zunehmende Mißtrauen der Verbraucher gegenüber industriell hergestellten Lebensmitteln gefährlich verstärken.
Jeder zweite Bundesbürger, so ergab bereits vor Jahren eine Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie, ist überzeugt, daß "Lebensmittel immer mehr gesundheitsschädliche Stoffe enthalten". Die Angst "vor chemisch verseuchten Lebensmitteln" steht auf der Sorgenliste der Deutschen an erster Stelle. Von Radioaktivität war bei dieser Umfrage noch gar nicht die Rede.
Um den Schwund an Vertrauen durch die Angst vor einer gefährlichen Ernte nicht noch größer werden zu lassen, will die Branche nun in die Offensive gehen. Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, Dachverband der Hersteller, denkt "intensiv darüber nach, unsere Kompetenz in Fragen der Lebensmittelsicherheit auszubauen".
Erste Frucht der Denkarbeit: Bis zum Herbst will der Verband, der sich nach dem Reaktorunfall eigenem Bekunden zufolge recht "hilflos" fühlte, ein Institut einrichten, das auf "sogenannte Skandalfälle" schnell reagieren soll.

DER SPIEGEL 25/1986
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