16.06.1986

DIPLOMATENIn Walhall

Der libysche Oberst Gaddafi läßt in der Bundesrepublik Söldner für Spezialaufträge anwerben. *
Stets waren der arbeitslose Betriebsschlosser Wilfried Mootz, 24, und sein Bruder Christian, 23, auf Abenteuer aus, die auch etwas abwerfen sollten. Doch günstige Okkasionen ließen sich schwer finden.
Da offerierte ein "SS-Mann", der seinen richtigen Namen nicht nennen wollte, einen "Einsatz bei alten Kameraden in Argentinien", hatte dann aber die versprochenen Reisespesen "nicht zur Hand". Der israelische Geheimdienst Mossad, dem sich die Brüder als V-Leute andienen wollten, zeigte keinerlei Interesse. Und auch der Verfassungsschutz nahm ein konspiratives Treffen am Sportplatz im saarländischen Wellesweiler, das Wilfried Mootz vorgeschlagen hatte, nicht wahr.
Erst beim libyschen Volksbüro in Bonn kam das Paar schließlich an. Auf Empfehlung eines deutschen Rechtsextremisten erschienen die Mootz-Brüder voriges Jahr in der Residenz des libyschen Botschafters und genossen bei einem reichhaltigen Mahl arabische Gastfreundschaft. Dabei wurden die Abenteurer als künftige Kämpfer Gaddafis hofiert, Wilfried Mootz wunderte sich hernach, "daß die sich mit jemandem wie uns überhaupt abgeben".
Wenig später machten die Libyer Ernst: Wilfried und Christian Mootz erhielten Flugtickets nach Tripolis und absolvierten in einem libyschen Terroristencamp eine dreiwöchige Killerausbildung an Kalaschnikow-Gewehren und rumänischen Handgranaten. Nach ihrer Rückkehr packten die beiden beim Bundeskriminalamt (BKA) und vor der Bundesanwaltschaft aus. Ihr Bericht belegt, daß die Libyer in der Bundesrepublik Freiwillige für Mordaktionen gegen Regimegegner rekrutieren, Neonazi-Zirkel dienen dabei als Helfer.
Diese Werbemethoden der Libyer, meint das BKA, seien in der Bundesrepublik gängige Praxis. Deshalb gelten Helfer libyscher Agenten vom Schlage der beiden Arbeitslosen den Terroristenfahndern nach dem Profil-Raster als tatverdächtig. Ein Ermittler: "Wir haben ungeklärte Anschläge auf amerikanische PX-Läden und auf Flughäfen, bei denen wir solche Leute als Täter ansehen."
Die Agenten-Karriere der Brüder Mootz, so weisen die BKA-Akten aus, begann in der Gärtnerei der Familie Kurt und Ursula Müller in Mainz-Gonsenheim. Die Müllers, seit langem in rechtsextremen Grüppchen aktiv, feiern dort alljährlich "Führers Geburtstag". Im Frühjahr 1983 durften Wilfried und Christian Mootz an einem Treffen bei Müllers teilnehmen und wurden auch zum nächsten "Thing-Abend" geladen.
In "Walhall", einer inzwischen abgebrannten Holzhütte in der Müller-Gärtnerei wurden die Neulinge mit dem Ambiente zwischen Spargelfeldern und Wiesenrainen vertraut gemacht, in dem nach Erkenntnissen von Verfassungsschützern seit langem "neonazistische Karrieren" gedeihen. Dort erzählte ein jätender Müller-Gehilfe (Deckname: "Hermann") in breitem Fränkisch von Gaddafi und steckte den Brüdern das "Grüne Buch" zu, die Grundsatzfibel des libyschen Obristen. Vom Inhalt verstanden sie zwar "nur wenig", doch die
vorgeschlagene Reise "zu einer Diskussion im Volksbüro" in Bonn mochten sie nicht ausschlagen.
Der Pförtner der Botschaft wies den Nachwuchs aus Gonsenheim zunächst ab, der Bürge "Hermann", so die Auskunft, sei dem libyschen Volksbüro nicht bekannt. Enttäuscht zogen die beiden ab, in mehreren Briefen beschwerte sich Wilfried Mootz bei Gaddafis Bonner Residenten. Erst als Mootz anfragte, ob sein Bruder und er "eine Waffenausbildung erhalten" könnten, bissen die Libyer an - ein Treffen im Saarland, am Neunkirchener Hauptbahnhof, wurde vereinbart.
Dort erschienen dann zwei Herren mit Diplomatenpaß, die keinen Brocken Deutsch verstanden: Der eine ließ sich als "Stellvertreter des Bonner Botschafters und Beauftragter des Volkskongresses", der andere als "Mitglied des Volksbüros" vorstellen. Gedolmetscht wurde das Gespräch von Chalid Sockny, 45, der nach BKA-Erkenntnissen die jungen Freiwilligen bei weiteren Besuchen in Neunkirchen psychologisch auf künftige Killer-Jobs vorbereiten sollte.
Sie waren offenbar nicht die ersten. "Vier deutsche Rechtsradikale", erfuhr Christian Mootz, seien "schon unten" in Libyen. Auch von der gelungenen Anwerbung eines Deutschen in einem Straßburger Hotel und von einem "Fall in Österreich" war die Rede.
Nach der Einstimmung ging dann alles ganz schnell: Die Mootz-Brüder wurden am 10. März 1985 in ein Bonner Hotel bestellt, abends im Volksbüro bewirtet und anderntags nach Wien geschickt. Dort wurden sie nach ihren Angaben im Hotel "Mate" von libyschen Diplomaten empfangen, dem Bonner Geschäftsträger Elmahdi Imberesh und dem Wiener Botschaftsattache Mustafa Saidi, 34.
Nach BKA-Informationen ist Saidi "ein Mann des Nachrichtendienstes, der Sonderaufgaben koordiniert". Er soll, behaupten libysche Oppositionelle, an der Ermordung von Studenten in Bengasi beteiligt gewesen sein. Saidi war zudem 1982 Zeuge, als in der Bonner Residenz regimefeindliche Studenten gefoltert wurden. Der Libyer wurde deshalb 1983, nach einem Prozeß, zur unerwünschten Person erklärt und zur Abreise gezwungen. Seither steuert er von Wien aus "gewisse Spezialaufträge seiner Dienstherren" (BKA) in der Bundesrepublik.
Er löste die Mootz-Brüder, die kein Geld hatten und deshalb von der Wiener Fremdenpolizei überprüft wurden, im Hotel aus und ließ sie zu einer Maschine der Austrian Airlines nach Tripolis geleiten. Von ihren Zimmern im "Libya Palace" wurden die Deutschen mehrmals in der Woche von einem Abu Barka abgeholt und zur Ausbildungsstätte chauffiert. Den Vernehmern vom BKA erzählten sie: _____" Um 9.00 oder 9.30 Uhr kam der Fahrer, manchmal der " _____" Abu Barka, manchmal ein anderer, die uns in die Nähe des " _____" Flughafens fuhren... Dann ging es eine Seitenstraße rein, " _____" die ging schnurgerade einen Kilometer, praktisch " _____" rechtwinklig zur Autobahn. Da waren Antennen, " _____" wahrscheinlich von der Flugsicherung. Dann kamen drei " _____" Meter hohe Mauern. In einem Wohnhaus dahinter, einem " _____" Bungalow mit Ledersitzgruppe, führte uns dann Abu Barka " _____" immer die Knarren vor: Kalaschnikow, Beretta, " _____" FN-Maschinenpistole, Browning, rumänische Handgranaten " _____" und eine Sprengmaschine. "
Als Fortgeschrittene mußten die beiden Deutschen später Waffen auseinandernehmen und zusammenbauen, mit Kalaschnikows und Pistolen zum Probeschießen antreten.
Am Ende des Kurses empfing Sonderkoordinator Saidi die Brüder in Tripolis zu einem Abschlußgespräch: "Wir wurden feierlich gefragt", erinnert sich Wilfried Mootz, "ob wir künftig bereit sind, Feinde des libyschen Volkes zu liquidieren." Als Gegenleistung bot Saidi falsche Pässe und Geld an, für den Anfang erhielt jeder 600 Dollar Honorar. Konkrete Killer-Aufträge, so Saidi laut Mootz, würden den beiden Deutschen fortan "vom Volksbüro in Bonn übermittelt".
Saidi meinte es offensichtlich ernst. An jenem Karsamstag vorigen Jahres, als er seine neuen Rekruten entließ, wurde in Bonn ein Gaddafi-Gegner von einem libyschen Attentäter auf offener Straße erschossen. Daß Saidi dieses und andere Attentate gesteuert habe, gilt Bundeskriminalern als "sehr wahrscheinlich".
Wilfried und Christian Mootz, so behaupten sie heute, ließen sich nur zum Schein auf Saidis Angebote ein. Sofort nach ihrer Rückkehr nach Wien dienten sie sich österreichischen Staatsschützern an: Sie hofften, sie könnten mit der Schilderung ihrer Erlebnisse Geld machen. "Die Brüder verblüfften durch ihre Geständnisfreude", meldeten die Österreicher ans BKA - und schoben die beiden in die Bundesrepublik ab.
Das BKA nahm die Saarländer in seine Obhut, das saarländische Landeskriminalamt warnte sie fürsorglich vor einem "achtköpfigen Kommando" aus Tripolis, das vielleicht noch eine Rechnung zu begleichen habe. Ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs und ein Bundesanwalt reisten von Karlsruhe zur BKA-Staatsschutzabteilung nach Meckenheim bei Bonn zur Vernehmung.
Straftaten, illegaler Waffenbesitz oder illegaler Grenzübertritt, waren den Mootz-Brüdern aber nicht nachzuweisen. Und der Verdacht, sie hätten an der Verabredung zu einem Verbrechen teilgenommen, ließ sich auch nicht erhärten.
Die Ermittler setzten das Duo auf freien Fuß und schlossen den Fall ab, nachdem auch der Vorwurf zusammengebrochen war, die Brüder Mootz hätten sich von einem fremden Geheimdienst anwerben lassen. BKA-Experten aus dem Spionagereferat fertigten dazu eigens ein Gutachten - Fazit: Ein eigenständiger libyscher Geheimdienst existiere gar nicht.

DER SPIEGEL 25/1986
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