16.06.1986

„Das ist eine Art Geisteskrankheit“

Hunsrück-Dörfler protestieren gegen die Stationierung der Cruise Missiles *
Am Rande des Dörfchens Bell, an der Hunsrückhöhenstraße, liegt ein "Tier- und Märchenpark". Zum Eintrittspreis von drei Mark, Kinder die Hälfte, können Besucher zwischen hohen Tannenbäumen zahme Hirsche und Muffelwild füttern.
Kinder dürfen sich auf einer Riesenrutschbahn austoben, können Hänsel und Gretel im Hexenhaus besuchen oder mal kurz bei Schneewittchen reinschauen. Die Werbung am Eingang verheißt "Märchen mit beweglichen und sprechenden Figuren".
Gleich gegenüber die Wirklichkeit: Dichtes Stacheldrahtgestrüpp versperrt den Weg, hinter Metallzäunen patrouillieren uniformierte Aufpasser mit Schußwaffen und scharfen Hunden. Beobachter auf holzgezimmerten Wachtürmen suchen mit Ferngläsern die Gegend ab. Auf Schildern wird "Unbefugten" mit "Schußwaffengebrauch" gedroht.
Hinter der Absperrung baut die Nato. Schaufelbagger graben sich ins Erdreich, Lastwagen karren Steine und Beton heran, ein Dutzend riesiger Kräne überragt die Szenerie.
Unter dem Decknamen "Pytna" entsteht auf dem Boden der Gemeinden Hasselbach und Bell ein Neubau, der nach Darstellung der Bundesregierung "der Verteidigung von Frieden und Freiheit aller Bürger in allen Regionen der Bundesrepublik Deutschland" dient. Kosten: 250 Millionen Mark, Bauzeit: voraussichtlich zwei Jahre.
Gebaut werden auf 70 Hektar Hunsrückboden sechs Bunker aus Stahlbeton, jeweils 52 Meter lang, 18 Meter breit, 4,25 Meter hoch - darüber ein zwei Meter dicker Splitterfilter, darüber noch mal Betonzerschellplatten von anderthalb Meter Stärke. Bombensicher.
Es sind nuklearfest gehärtete Unterstände für 96 Marschflugkörper vom Typ "Tomahawk", bestückt mit jeweils einem Sprengkopf von bis zu 50 Kilotonnen Explosivkraft - zusammen rund das Zweihundertfache der Bombe, die einst Hiroschima zerstörte.
Solche Vergleiche sind den Leuten im Hunsrück geläufig. Sie wissen längst Bescheid, und sie haben Angst. "Ich fühl'' mich hier in meiner Heimat nicht mehr wohl", sagt die Bäuerin Lore Kneip aus Bell, "wo Raketen stationiert werden, besteht die Gefahr, daß Raketen zurücckommen."
Die Einheimischen protestieren dagegen, daß die von Ex-Kanzler Helmut Schmidt mitentdeckte Raketenlücke, die zum Nato-Doppelbeschluß führte, ausgerechnet vor ihrer Haustür geschlossen werden soll. Die Bombardierung libyscher Städte durch die Amerikaner hat auch noch jene aufgeschreckt, die sich mit der Nachrüstung längst abgefunden hatten.
"Bei einigen hat es jetzt ''klick'' gemacht", meint Helmut Jordan von der Hunsrücker Friedensinitiative: "Manche Leute haben endlich kapiert, daß die Amerikaner ihre Waffen nicht nur zum Polieren deponieren."
Jordan spürt "richtige Wut auf die Amis". Am Abend nach Reagans Libyen-Attacke protestierten Raketengegner vor dem US-Flugplatz Hahn, Standort _(Oben: im Oktober 1984 bei Bell; unten: ) _(vor dem Cruise-Missiles-Bauplatz bei ) _(Hasselbach. )
des 50. Taktischen Jagdbomber-Geschwaders. Sie trugen Transparente mit Aufschriften wie "Cowboy Reagan spielt auch mit unserem Leben" und "Keine Cruise Missiles in den Hunsrück". Die Amerikaner reagierten sofort. Rings um die Air Base, wo Schilder die Bevölkerung vor "Explosionslärm" und "sprengstoffbeladenen Lkws" warnen, wurden die Kontrollen verschärft. An den Toren fuhren Panzerspähwagen auf, rund um die Uhr besetzt mit Scharfschützen.
Die Militarisierung der Region ist überall zu sehen und zu hören. Die "zusammenhängende Ruhe von Wiesen, Wasser und blauer Luft", von der einst der Dichter Stefan George schwärmte, wird alle paar Minuten von jaulenden Triebwerken tieffliegender Kampfmaschinen zerrissen. Versteckt zwischen Tannenwäldern und wildromantischen Bachtälern, stehen Spaziergängern unversehens schwerbewachte Radarstationen, graue Kasernenblocks und stacheldrahtbewehrte Munitionsdepots im Weg.
Über 60 militärische Einrichtungen, Bunker, Treibstofflager und Raketenrampen sind im Hunsrück zusammengepfercht. Unweit von Bell und Hasselbach, bei Rheinböllen und Grenderich, wurden erst kürzlich zwei neue Stellungen für US-Raketen des Typs "Patriot" fertiggestellt. Dafür fielen weitere 20 Hektar Wald.
"Der ganze Hunsrück", beschreibt Alt-Bauer Walter Hebel aus Hasselbach seine Heimat, "ist ein einziges Pulverfaß. Hebels Landesvater, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel, sucht Verständnis für den Verbündeten zu wecken. Sein Land sei eben, so Vogel, der "größte amerikanische Flugzeugträger".
Kurz nach dem Libyen-Bombardement Mitte April hielten es die Amerikaner für ratsam, an Bord ihres Trägers mit Mittelstreckenraketen zu üben: Aus den schwäbischen Standorten Neu-Ulm und Mutlangen karrten die US-Soldaten "Pershing 2"-Raketen nach "Hahn-Air-Base", wenige Kilometer von der Cruise-Missiles-Baustelle entfernt.
Die Baustelle vor Augen, sehen die Hunsrück-Bewohner die Nachrüstungswaffen längst nicht mehr als abstrakte Größe im Rüstungswettlauf der Großmächte. Die Tomahawk-Flugkörper BGM 109 sind ebenso bedrohlich wie real: 5,56 Meter lang, 1200 Kilogramm schwer, 53 Zentimeter im Durchmesser. Die Reichweite liegt bei bis zu 2500 Kilometern, die Fluggeschwindigkeit beträgt
rund 900 Kilometer in der Stunde. Von Hasselbach bis Moskau fliegt eine Cruise Missile zwei bis zweieinhalb Stunden.
Zu Übungszwecken werden die Marschflugkörper, die auf 17 Meter langen Sattelschleppern montiert sind, künftig Tag und Nacht kreuz und quer durch den Hunsrück bewegt. Die Konvois, zusammen mit den Begleitfahrzeugen mindestens 2OO Meter lang, steuern jene Plätze im Umkreis von 300 Kilometern an, von denen die Cruise Missiles im Ernstfall abgefeuert werden sollen.
Die Gemeinde Hasselbach, 180 Einwohner, zwei Gastwirtschaften, ein evangelisches Gemeindehaus, wurde zum "militärischen Schutzbereich" erklärt. Wenn es der Verteidigung dient, können die Einwohner evakuiert, ihre Häuser abgerissen, ihre Felder und Wälder gerodet werden. Schon jetzt müssen Um- und Anbauten vom Verteidigungsministerium genehmigt werden, können die Militärs jederzeit Gebäude und Grundstücke inspizieren.
Hasselbachs ehrenamtlicher Bürgermeister Hartmut Pomrehn, Zivilangestellter bei der Bundeswehr, hat "kein Vertrauen mehr in die Obrigkeit". Die zuständige Landesbehörde hatte ihm wahrheitswidrig versichert, Hasselbach werde nicht zum Schutzbereich.
Wenn der Bürgermeister heute gefragt wird, ob Hasselbach alsbald ebenso von der Landkarte verschwinden wird wie die Hunsrück-Dörfer Pferdsfeld und Eckweiler, die zugunsten eines Nato-Militärflughafens geschleift wurden, zuckt Hartmut Pomrehn resigniert die Schultern: "Die Behörden sagen nein. Aber ich warte lieber, was hinterher kommt."
Die Hasselbacher sind mißtrauisch geworden. Stets haben sie dem Vaterland treu gedient. Auf dem Kriegerdenkmal am Ortsrand, gewidmet den "toten Helden von Hasselbach", ist die Opferbereitschaft in Stein gemeißelt: 15 Hasselbacher fielen im Ersten, 16 im Zweiten Weltkrieg.
Folgsam willigten sie in der Vergangenheit ein, wenn die Militärs Grund und Boden brauchten. Bei einer Arbeitslosenquote von mehr als elf Prozent waren viele zudem froh, wenn sie einen Job bei den Amerikanern ergattern konnten.
Doch seit gebunkert wird, ist die Stimmung umgeschlagen. Jeweils einstimmig votierten die Gemeinde-Parlamente von Bell, Hasselbach und Kastellaun gegen die Raketensilos - Beschlüsse, die aufgrund der Rechtslage allerdings keine Folgen haben. "Die Angelegenheiten der Verteidigung", so Landrat Armin Jäger vom Rhein-Hunsrück-Kreis, "liegen ausschließlich in der Kompetenz des Bundes. Dies gilt auch für die Stationierung von Cruise Missiles."
Manchmal resigniert denn auch einer, der Schmiedemeister Willi Zimmer beispielsweise, der nebenbei auch Bürgermeister der Großgemeinde Bell ist. Zwar kennt der Sozialdemokrat "kaum einen im ganzen Hunsrück, der für die Raketen ist", verwünscht "diese verdammten Dinger auf den Blocksberg". Doch weil bereits "auf Hochtouren" gebaut werde, könnten auch Demonstrationen und Proteste nichts mehr bringen. Aber so fühlen
nicht alle. Die Dörfler stehen zunehmend ein für ihren Lebenskreis. Rund um die Cruise-Missiles-Baustelle wird protestiert - und zwar nicht von auswärtigen Demonstranten wie am Pershing-Standort Mutlangen, wo trotz Prominenten-Blockade der Funke zur Bevölkerung nie übersprang und die Blockierer noch heute als Exoten angestaunt werden. Die Rüstungsgegner im Hunsrück sind Einheimische mit einem intakten Zusammengehörigkeitsgefühl: Die Familien dort helfen einander noch, die Toten werden nicht von Bestattungsfirmen, sondern von Nachbarn zu Grabe getragen. Stärker als anderswo erweist sich die Kirche als wehrhafte Gemeinschaft.
"Es gibt eine jahrhundertealte Volkstradition, aus religiösen Gründen heraus plötzlich nein zu sagen", erklärt Edgar Reitz, Regisseur der Hunsrück-Fernsehserie "Heimat", die Widerstandskraft seiner Landsleute, "und so was läuft auch gegen die Raketenstationierung."
Die Beller Bäuerin Lore Kneip, 48, lief mit anderen Frauen tagelang von Haus zu Haus, um Unterschriften gegen die Nachrüstung zu sammeln. Der "Friedensinitiative Rhein-Hunsrück" überließ sie am Raketenbauzaun einen Acker.
Dort wurden - weithin sichtbar - 96 Holzkreuze in den Boden gerammt, Mahnmale gegen die tödliche Sprengkraft der 96 Cruise Missiles. Anfangs wurde die Landwirtin noch von Nachbarn gefrotzelt, was, zum Teufel, sie "denn da oben gepflanzt" habe. Doch nachdem die Kreuze auf dem "Friedensacker" mehrfach von Unbekannten niedergerissen worden waren, halfen selbst solche Dorfbewohner beim Aufstellen, die vorher gespottet hatten.
Der Architekt Gerhard Lorenz, 55, reihte sich ein, weil er die Friedensarbeit "nicht nur jungen Leuten überlassen will". Aus allgemein zugänglichen Quellen, beispielsweise der Bundeswehrzeitschrift "Wehrtechnik" und US-Literatur, informierte sich der Verwaltungsangestellte über Stationierungsdetails und schockierte Mitbürger bei Dia-Vorträgen mit Einzelheiten über die Funktionsweise und die Auswirkungen der Marschflugkörper.
Der Computer-Fachmann Reinhard Sczech, 33, verteilte Kopien einer Nato-Originalzeichnung, auf der Einzelheiten der Raketenbunker erkennbar waren. Obwohl die Zeichnung zuvor im SPIEGEL abgedruckt war, beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft die Kopien, filzte Sczechs Wohnung und leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Geheimnisverrats ein.
Der Bauer Hans-Jörg Ramser aus Bell, der als Gemeinderatsmitglied das Thema Raketenbauplatz immer wieder auf die Tagesordnungen der Ratssitzungen bringt, wettert öffentlich gegen Waffen "in der Hand von Leuten, die ich nicht gewählt habe". Ramsers Felder grenzen an das Militärgelände. Wenn
der Landwirt mit seinem Traktor am Stacheldraht entlangfährt und die halbfertigen Silos für die Massenvernichtungswaffen betrachtet, fühlt er sich als "Heile-Welt-Statist" in einer"total verrückt gewordenen Welt".
Mindestens "achtzig Prozent der Dorfbewohner", schätzt Hasselbachs ehrenamtlicher Bürgermeister Pomrehn, würden die Ziele der Raketengegner zumindest ideell unterstützen. Die "Hunsrücker Friedensbewegung", bestätigt auch Landrat Jäger, sei "total in die Bevölkerung integriert".
Die Hochburg des Widerstandes ist Bell, eine 480-Seelen-Gemeinde mit malerischen Fachwerkfassaden. An vielen Fenstern kleben die weißen Tauben der Rüstungsgegner. Nirgendwo im ganzen Hunsrück sind die Veranstaltungen der Friedensbewegung so gut besucht wie hier - mit ein Verdienst von August Dahl, dem evangelischen Pfarrer von Bell.
Ein bemerkenswerter Gottesmann: mächtige Stimme, schulterlange graue Haare, imposanter Rauschebart. Bei jeder Sonntagspredigt wendet sich der Dorfgeistliche gegen die "ständige Drohung des Weltuntergangs uns gegenüber" und verkündet, daß "der Frieden der Ernstfall" sei. "Ohne diesen Pfarrer", behauptet der CDU-Landtagsabgeordnete Walter Mallmann aus Simmern, gäbe es "niemals solche Unruhe bei uns". Mallmann: "Der hat die Leute mobilisiert."
Dahls Vertrag als Religionslehrer an der Gesamtschule Kastellaun wurde nicht verlängert. Auch die Krankenpflegeschule, wo er Psychologie-Unterricht gab, verzichtete auf seine Dienste. Widersacher hängten ihm den Spitznamen "Raketen-August" an.
Pfarrersfrau Jutta Dahl, ebenfalls Theologin, provoziert Nachrüstungsbefürworter mit der These, daß die Bereithaltung der tausendfachen Sprengkraft der Hiroschima-Bombe "in Sichtweite meines Hauses" nur "als eine Art Geisteskrankheit" gedeutet werden könne, gegen die "wir Frauen uns wehren müssen".
Vor zweieinhalb Jahren, als der Bundestag die Stationierung beschloß, wurde auf Initiative von Pfarrer Dahl erstmals ein Gottesdienst am Baustellentor gefeiert - eine Zeremonie, die sich seither jeden Sonntag zur gleichen Zeit wiederholt, egal, was für Wetter ist.
Bis zu Reagans Luftangriffen auf Tripolis und Bengasi durfte die Bundesregierung noch hoffen, den zweiten Teil der Nachrüstung zügig abwickeln zu können. Verteidigungsminister Manfred Wörner hatte zu Beginn des Jahres versprochen, die Stationierung "so vorzubereiten, daß die erste Staffel des amerikanischen Verbands ihren Auftrag zum vorgesehenen Zeitpunkt Ende März 1986 aufnehmen und erfüllen kann".
Doch dann mehrte sich der Protest im Hunsrück. Zudem behinderte strenger Frost wochenlang die Bauarbeiten. Kein Bunker ist bezugsfertig. Die ersten Flugkörper sind zwar pünktlich in der Bundesrepublik eingetroffen, wurden aber bisher noch nicht mal ausgepackt. Die Cruise Missiles lagern in Containern auf dem US-Flugplatz Hahn und in einem nahe gelegenen Munitionsdepot.
Nachrüstungswillige Politiker versuchen den Einheimischen die Baumaßnahme Pytna über den Geldbeutel schmackhaft zu machen. Der CDU-Abgeordnete Mallmann propagiert den Bunkerbau als "reelle Chance zum Abbau der Arbeitslosigkeit", CDU-Landrat Jäger prophezeit "natürlich auch ein Anwachsen der Kaufkraft".
Zehntausend Amerikaner sind schon im Hunsrück, weitere 3000 US-Bürger sollen nach Fertigstellung der Raketensilos noch kommen. Ein Run auf Grundstücke hat eingesetzt, Spekulanten bauen vorsorglich Häuser für die Amis.
Bislang profitieren nur wenige von den Baumaßnahmen: die "Beton-Union Hunsrück" in Kastellaun, ein eigens gegründeter Firmenverbund mit 250 Mitarbeitern, der den Beton für die Bunker liefert; ein paar örtliche mittelständische Betriebe, die von auswärtigen Unternehmern als Subunternehmer angeheuert wurden und kleinere Handwerksarbeiten erledigen; ein Dutzend Männer und Frauen, die als Wachposten oder Putzfrauen jobben oder sich als Hilfsarbeiter verdingen. Die meisten Firmen, die Großaufträge erhielten, sind nicht aus dem Hunsrück, auch viele Facharbeiter kommen von außerhalb- aus Frankfurt, Koblenz oder Köln.
Das erwartete Geschäft mit den Raketenbunkern hat die Hunsrücker Handwerker in zwei Lager gespalten. Bei Schreinereibesitzerin Hilde Brück, 52, aus Gödenroth, einer kämpferischen Raketengegnerin, bestimmt nicht das Sein das Bewußtsein. Sie würde "eher Konkurs anmelden" als "ein einziges Brett" für die Baustelle zimmern.
Das Angebot, sich am Bau von Hundezwingern auf dem Raketengelände zu beteiligen, hat sie empört abgelehnt. Alle Tischlerkollegen schworen, keine _(In der Osternacht 1986, veranstaltet vom ) _("Koordinierungskreis christlicher ) _(Friedensgruppen im Dekanat Mainz". )
Aufträge anzunehmen, "die etwas mit diesem schöpfer- und menschenverachtenden Nato-Bauvorhaben zu tun haben". Den Einwand, wirtschaftliche Not rechtfertige die Mitarbeit am Bunkerbau, läßt die Schreinermeisterin nicht gelten. Am Baustelleneingang befestigte sie eigenhändig ein Transparent mit der Aufschrift: "Wer hier arbeiten muß, der muß seine eigene Vernichtung wollen müssen."
Genauso denkt Heizungsmonteur Peter Kleinz aus Kastellaun, der sich strikt weigert, den Nato-Bauplatz auch nur zu betreten. Als die Firma, bei der er beschäftigt ist, einen Großauftrag für Pytna ergatterte, bat Kleinz den Chef um Freistellung. Der Handwerker bekam andere Arbeit zugeteilt, andernfalls, sagt er, "hätte ich sofort gekündigt".
Helmut Dertwinkel aus Bell dagegen, Besitzer einer Isolierfirma für "Kälteschutz, Wärmeschutz, Schallschutz, Brandschutz", will am Cruise-Missiles-Geschäft mitverdienen, die "schönen Aufträge" mitnehmen: "Wenn ich mich weigere, macht das eine Firma aus Frankfurt."
Im kargen, dünnbesiedelten Hunsrück glauben viele, keine andere Wahl zu haben. "Zahlt ihr meinen Lohn, wenn ich nicht da raufgehe?" fragte Monteur Edgar Gaß, als ihn Raketengegner "schief anguckten", weil er von seinem Chef zum Baustellen-Einsatz abkommandiert worden war. Gaß braucht jede Mark, er baut gerade ein Haus, das er an Amerikaner vermieten will, "weil die am meisten zahlen".
Andere sind zwiespältig vom Gefühl her dagegen - aber die Verhältnisse, sie sind nicht so. Bernd Schlegelmilch, der junge Wirt vom alten Gasthaus "Beller Bahnhof", Schankerlaubnis seit 1879, hat mehrfach gegen die Nachrüstung demonstriert, sich aus Protest in die Menschenkette eingereiht. Doch wenn die Arbeiter von der benachbarten Bunkerbaustelle mittags Schnitzel "Jäger Art mit Champignons" bestellen, Preis 11,50 Mark inklusive Bedienung und Mehrwertsteuer, sagt Schlegelmilch nicht nein. "Kann ich mir nicht leisten", hat er seinen Freunden von der Friedensbewegung zu erklären versucht, "hier ist doch mein Geschäft."
Der Cruise-Missiles-Stationierung verdankt auch Raketengegner Charly seinen Job als Wachmann. Für 1800 Mark netto beschützt er die "Natobaumaßnahme" und muß sich, wenn er mit Schäferhund und Pistole Streife läuft, als "Handlanger von Mördern" beschimpfen lassen oder bei Steinwürfen in Deckung gehen.
Dabei würde er "sofort etwas anderes machen", wenn er nur könnte. Doch der gelernte Elektriker war schon über ein Jahr arbeitslos, als er vom Arbeitsamt den Wachposten angeboten bekam.
Mit den eigenen Widersprüchen hat sich auch Landwirt Udo Werner arrangiert, der "generell gegen Atomraketen" eingestellt ist. Seine Frau hat gerade das zweite Kind geboren. Wenn Werner an seine Familie denkt und morgens von seinem Hof aus die Baukräne sieht, wird ihm himmelangst.
Aber weil er Geld braucht, hat Werner einen Nebenjob angenommen. In seiner Freizeit arbeitet er bei der "Beton-Union Hunsrück". Als Aushilfsfahrer karrt er per Lastwagen den Beton zur Baustelle.
[Grafiktext]
US-BASEN IM HUNSRÜCK Stützpunkt in Bau: Hier sollen Cruise Missiles stationiert werden
[GrafiktextEnde]
Oben: im Oktober 1984 bei Bell; unten: vor dem Cruise-Missiles-Bauplatz bei Hasselbach. In der Osternacht 1986, veranstaltet vom "Koordinierungskreis christlicher Friedensgruppen im Dekanat Mainz".

DER SPIEGEL 25/1986
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