17.03.1986

THEATERFeste Burg

Der künftige Burgtheaterdirektor Peymann hat schon jetzt Ärger mit Wien - durch Ungeschick.
Sieben Monate vor Amtsantritt in Wien ließ sich Claus Peymann ein paar ernüchterte Seufzer entschlüpfen. Angesichts mancher Wiener Gegebenheiten, so grummelte der künftige Burgtheaterdirektor, fühle er sich überfordert: "Das sind Machtstrukturen, die lassen sich nicht umrennen." Hätte er vor zwei Jahren gewußt, was er jetzt wisse, er hätte es sich womöglich anders überlegt.
Resignation schon vor dem Start? Kriegt der Mann, den die Zeitung "Die Presse" verzückt als "Drachentöter" anhimmelt, schon vor der Höhle weiche Knie?
Als sich der Bochumer Schauspieldirektor Peymann im April 1984 vom damaligen österreichischen Unterrichtsminister Helmut Zilk gemeinsam mit seinem Führungsteam Hermann Beil, Uwe Jens Jensen und Alfred Kirchner für die Burgtheaterdirektion anheuern ließ, da erstaunte diese Ernennung die Branche allenthalben. Zu unvereinbar schienen Peymann, der provokante Draufgänger und "preußische" Unruhestifter, und die mythenumraunte Wiener Traditionsbühne an der Ringstraße.
Inzwischen hat sich zwar erwiesen, daß Burg-Herrschaft und preußisches Selbstbewußtsein durchaus vereinbar sind, aber die Detail-Mühsal des Burgbetriebs - mit einem 160köpfigen Monsterensemble, drei Bühnen und an die 700 Vorstellungen pro Jahr - hat Wagehals Peymann doch wohl unterschätzt, zumal er noch bis Juni das Bochumer Schauspiel leitet. So sporadisch Peymann in Wien einfliegt, so kräftig hat er sich schon bemerkbar gemacht.
Er hat sich mit seinem obersten Dienstherrn, dem neuen Unterrichtsminister Herbert Moritz, öffentlich angelegt, weil dieser den Dichter Thomas Bernhard indirekt als psychiatrischen Fall verunglimpfte - wofür sich Moritz bereits tückisch zu rächen wußte: Als ein Salzburger Peymann-Feind bei Moritz gegen die Ernennung des Deutschen protestierte ("Kulturschande sondergleichen"), da ließ der Minister seinen Burgdirektor im Regen stehen. "Ich hoffe", schrieb Moritz, "daß auch er (Peymann) eine künstlerische Entwicklung durchmacht, die hoffentlich nachträglich seine von meinem Vorgänger durchgeführte Berufung an das Burgtheater rechtfertigen wird."
Peymann hat den Burg-Hasser Thomas Bernhard mit der Burg versöhnt und feiert, dem Minister zum Trotz, seinen Wien-Einstand mit gleich zwei Bernhard-Stücken: Zur Eröffnung im kommenden September gibt's den "Theatermacher" an der Burg und "Ritter Dene Voss" am Akademietheater - beides in der Regie des neuen Hausherrn.
Vor allem aber hat Claus Peymann in das administrative Dickicht des Österreichischen Staatstheaters hineingesäbelt. Die Burg (die gemeinsam mit der Wiener Staatsoper und der Volksoper den österreichischen Bundestheaterverband, den größten und teuersten Theaterkonzern der Welt, bildet) ist ein kameralistisch verwalteter Mega-Komplex, der allen Reformversuchen aller Direktoren eine labyrinthische Wirrsal an Paragraphen-Fallstricken, Geheimprivilegien, Sonderklauseln, Mißbräuchen, Spezialabmachungen, vagen "Usancen" und Gewohnheitsrechten entgegensetzt.
Nur einer überblickt das gesammelte Herrschaftswissen der Bundestheater bis in alle gewerkschaftlichen Verästelungen von Probenabkommen und Kollektivverträgen - Robert Jungbluth, Generalsekretär des Bundestheaterverbandes seit fast fünfzehn Jahren.
Mit der Unerschrockenheit des Newcomers und im Vertrauen auf Jungbluths loyalen Beistand ist Peymann die vertrackten Burg-Strukturen gleich an mehreren Fronten angegangen. Mit unterschiedlicher Fortüne.
Am glücklichsten agierte er an der Preis-Front. Um seine Häuser auch für jüngere, weniger kaufkräftige Publikumsschichten zu öffnen, hat Peymann das Fest-Abonnementsystem und das Kartenpreisgefüge umgemodelt. Spitzenplätze werden teurer, andere billiger, außerdem werden 3000 preiswerte Wahlabonnements aufgelegt.
Im Gefühl, er sei "aufgefordert, die alten Zöpfe abzuschneiden", hat der neue Burg-Herr überdies die Schere gleich beim dicksten Zopf angesetzt: bei der sogenannten Zehnjahresklausel, dem jahrzehntealten Gewohnheitsrecht, das den Künstlern der Bundestheater nach zehnjähriger ununterbrochener Beschäftigung die Unkündbarkeit garantiert. Damit ist mehr als die Hälfte des Ensembles in der Burg festgemauert.
Die Sache ist ein österreichisches Paradoxon: Solange keiner dran rührt, existiert sie, obwohl es sie gar nicht gibt; sobald sie aber einer angreift, ist sie nicht vorhanden, obwohl es sie gibt.
Von Jungbluth ermutigt, die unklare Rechtslage - notfalls in einem Musterprozeß - ein für allemal zu klären, versuchte Peymann im vergangenen Herbst, eine Handvoll Unkündbarer loszuwerden - im Glauben, die Zehnjahresklausel sei ohnehin nirgends festgeschrieben und lasse sich daher auch rückwirkend außer Kraft setzen. Der losbrechende Wirbel belehrte den Tollkühnen eines anderen.
Da fand sich - ausgerechnet in Jungbluths Archiv - plötzlich sogar ein Ministerbrief an den ehemaligen Burgdirektor Gerhard Klingenberg, der die Phantom-Klausel eigens festschrieb. Peymann bekam die Macht der Betriebsräte und die Mühsal des Privilegienabbaus voll zu spüren. Der Sieggewohnte mußte sich mit einer halben Niederlage zufriedengeben: Zwar darf er für die Zukunft die Kündbarkeitsfrist von Schauspielern auf 18 Jahre ausdehnen, aber rückwirkend rüttelte er vergebens an erworbenen Rechten.
Also startete der designierte Burg-Herr einen Entlastungsangriff - gegen seinen (noch amtierenden) Vorgänger Achim Benning und gegen Schauspieler, die ihm im Herbst angeblich nicht zur Verfügung stünden: von Brandauer über Wussow bis Muhar. Die Schauspieler konterten, Peymann habe sie gar nicht gefragt, und Benning reagierte mit Gegendarstellungen. Am Zank der Direktoren weidet sich seither die Wiener Öffentlichkeit, und Jungbluth, ganz unberührter Zuschauer, läßt sie zanken.
Während Claus Peymann Kraftakte an Schnoddrigkeit setzt, sich in Scheinproblemen verzettelt und sich von Jungbluth in ungewinnbare Scharmützel locken läßt, herrscht über seine Spielpläne noch dichteste Geheimniskrämerei. Welche Schauspieler und Regisseure er bringen, welche Stücke er spielen wird - vor Ende Mai sollen's die Wiener nicht erfahren.
Ein paar Namen sind durchgesickert. Niels-Peter Rudolph, George Tabori, Thomas Langhoff sollen regelmäßig in Wien inszenieren, so wird getuschelt; Kirsten Dene, Anneliese Römer, Lore Brunner, Fritz Schediwy werden aus Bochum nach Wien übersiedeln, so wird gemunkelt.
Nur eines ist jetzt schon klar: Seine aus Stuttgart und Bochum gewohnte Rolle des Platzhirsches wird Claus Peymann in Wien nicht spielen können. Die macht ihm mindestens Boy Gobert, ab September Direktor des Theaters in der Josefstadt, beim Publikum streitig.

DER SPIEGEL 12/1986
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