16.06.1986

AKTIENIst kinderleicht

Ein bayrischer Geistlicher wirkt als hilfreicher Börsenberater. *
Spätabends, vor dem letzten Gebet, spielt Uwe Lang gern noch mal am Computer. Dann speichert er Kurse von Aktien und Devisen, von Gold und Silber, dann rechnet er Gewinnchancen an der Börse aus.
Der Computer steht im Pfarrhaus. Lang, 43, ist Seelsorger der evangelischlutherischen Gemeinde von Leipheim, einer kleinen Stadt mit gotischer Kirche in Bayern; und ganz nebenbei ist Lang auch Börsenberater.
Der Kursdeuter aus der Pfarrgasse hat eine gläubige Kundschaft gefunden. Sein erstes Werk, "Der Aktien-Berater" getauft, war, kaum gedruckt, schon ausverkauft. "Interessant", so lobte das "Handelsblatt", sei die vergriffene Schrift, "ein lesenswertes Buch". Nun ist eine zweite Auflage im Druck. _(Uwe Lang: "Der Aktien-Berater". Campus ) _(Verlag; 188 Seiten; 36 Mark. )
Eine "kritische Einführung für den Anfänger" soll das Kompendium sein, verrät der Untertitel, und zugleich "ein Rezeptbuch für den Erfahrenen". Des Pfarrers Credo wirkt verlockend: "Im Grund ist es kinderleicht, an der Börse zu gewinnen."
Wie seltsam. Da gibt es einige Dutzend Fachzeitschriften im Handel sowie einige tausend Fachberater bei den Banken. Auf einmal kommt ein bayrischer Prediger daher, nach eigener Einschätzung ein "Linker" obendrein, und lehrt die Profis, wo es langgeht.
Die sogenannten Experten, weiß Lang, verkünden zumeist Irrlehren. Viele Aktienkäufer hierzulande, argwöhnt der Gottesmann, würden "Schwindlern auf den Leim gehen" oder "von Börsenbriefen und Börsenzeitschriften in die Irre geführt". Deshalb möchte er besonders "Kleinanleger vor unsachgemäßer Beratung schützen". Ist es doch "mein Beruf", sagt der Pfarrer, "anderen zu helfen".
Das tut sicherlich not. Allzuoft werden Aktienfans von ahnungslosen oder gar böswilligen Beratern genarrt. Mal überreden die Experten Kunden zum Kauf, um bestimmte Kurse hochzutreiben, mal drängen sie Aktionäre zum Verkauf, um ihnen rare Papiere abzujagen.
Deshalb sät der Pfarrer zunächst einmal Zweifel: "Gehen Sie vorsichtig mit Ratschlägen um, die Ihnen Ihre Bank gibt." Die Tips der Bankiers seien meist nichts wert, "denn was der Mann am Bankschalter weiß, das weiß die Börse längst".
Noch weniger sei den Börsendiensten zu trauen, die in großen Anzeigen hohe Gewinne verheißen. Anleger könnten "durch Zufallsmethoden wie Würfeln ebensogut Erfolge erzielen" wie durch die Lektüre solcher Postillen.
Selbst bei sonst seriösen Ratgebern ist Vorsicht geboten, etwa bei den "Berufs-Daueroptimisten" der Zeitschrift "Capital", "nach deren Vorhersagen die Kurse eigentlich nie fallen können". Aktien zu ordern nach dem sogenannten Kurs-Gewinn-Verhältnis - das ist der aktuelle Börsenkurs, geteilt durch den Gewinn pro Aktie - hält Lang schlichtweg für Glücksspiel.
Wie schlecht die Tips sein können, zeigte sich beim Verbraucher-Journal "DM".
Im Juni 1985, die Kurse waren kräftig gestiegen, empfahl das Magazin, bei Aktien und Bundespapieren eilends "Kasse zu machen". Die Leser sollten lieber sofort Goldmünzen, Mehrfamilienhäuser sowie Sammlerstücke kaufen, "sogar auf Flohmärkten". Wer sich daran hielt, mußte mit leerem Aktiendepot zusehen, wie die Kurse stark weiterstiegen.
Kaum verwunderlich daß Aktienbesitz nach derlei Rat im Volk als "Abenteuer für Spekulanten" gilt oder als "eine Art Lotteriespiel". Zu Unrecht, meint Lang. In Wirklichkeit sei es viel sinnvoller, Geld an der Börse anzulegen als beispielsweise auf dem Sparbuch, das nur geringe Zinsen bringt.
Die Aktienfreunde müßten nur einige schlichte Regeln beherzigen, mit denen der wohlmeinende Pfarrer sein Buch spickt. Es sind Binsenweisheiten, die freilich oft genug vergessen werden.
So sollten Geldanleger nicht ausgerechnet dann Aktien kaufen, "wenn man gerade übriges Geld hat". Schon logisches Denken zeige, daß der richtige
Kaufzeitpunkt wenig mit dem Kontenstand des Aktionärs zu tun hat.
Anfänger machen häufig schlimme Fehler: Sie kaufen scheinbar billige Aktien. Doch die Tatsache, daß eine Aktie optisch niedrig notiert, macht sie noch nicht kaufenswert. Selbst Börsenprofis sündigen, rügt der Seelsorger, wenn sie im Aufschwung nach angeblich im Preis zurückgebliebenen Papieren Umschau halten: "Solange eine Hausse anhält, so lange bleiben die jetzigen Favoriten auch weiterhin die Favoriten, und die jetzigen lahmen Enten bleiben lahme Enten."
Nur in einer Hinsicht, meint Lang, sei auf die Experten Verlaß: Je optimistischer die Berater gestimmt sind, desto wahrscheinlicher wird es, daß die Kurse bald fallen. Denn die Profis verschlafen meist die Wende.
In einer Aktienhausse verdrängen sie, "daß es gerade in der schönsten Konjunktur abwärtsgeht". Sie ignorieren meist den Trend nach unten und prophezeien bei jeder vorübergehenden Besserung, es gehe endlich wieder aufwärts, die Börse besinne sich jetzt auf die "fundamentalen Daten". Des Pfarrers nächste Weisheit: "Wer eine fallende Aktie kauft, kann sich mit 95prozentiger Sicherheit darauf verlassen, daß sie weiter fällt."
Wer all das und noch mehr begriffen hat, dem ergeht es an der Börse schon etwas besser. Gewonnen hat er noch lange nicht. Es gäbe zwei Arten von Anlegern, konnte der Pfarrer aus eigener Erfahrung lernen: "Die einen verkaufen ihre Aktien immer eher zu früh, die anderen immer eher zu spät."
Auf einer langwierigen Suche nach dem dritten, dem besseren Weg wurde Lang schließlich fündig. Von seiner Strategie, "Sechsphasen-Methode" genannt, ist der Finanz-Prediger "geradezu begeistert".
Aus langen Zahlenkolonnen, die der Computer ausspuckt, pickt der Aktienberater "die richtigen Zeitpunkte" heraus. Zur Zeit, so meint er, solle der Anleger lieber keine deutschen Aktien kaufen: "Die Jahre 1986 bis 1988 werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Baisse-Jahre sein."
Mag sein, daß die Nähe des Pfarrers zum Allwissenden die Prognosen etwas sicherer macht. Richtig reich ist der schlaue Prophet aus Leipheim durch Befolgen der eigenen Ratschläge bisher gleichwohl nicht geworden.
Schuld daran habe keineswegs seine neue Strategie, versichert der Bayer, sondern sein kleines Einkommen als Pfarrer: "Weil ich selbst nie soviel Kapital einsetzen konnte, um viel zu gewinnen."
Auch der Aktien-Seller hat dem Verkünder der Sechsphasen-Methode bisher "gar nichts" eingebracht. Den Erlös der ersten Auflage, so sieht es der Autoren-Vertrag vor, kassierte allein der Verlag.
Uwe Lang: "Der Aktien-Berater". Campus Verlag; 188 Seiten; 36 Mark.

DER SPIEGEL 25/1986
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