14.07.1986

FILMDurch die Blume

„Momo“. Spielfilm von Johannes Schaaf nach dem Roman von Michael Ende. Deutschland/Italien. 1986, 100 Minuten; Farbe. *
Im Herzen jedes Menschen, so erzählt dieses Märchen, blüht eine Blume. Sie bemißt seine Lebenszeit: Welkt sie, so muß er sterben. Schlimmer jedoch, es gibt eine heimtückische Organisation, die den Menschen ihre Herzensblumen abzuluchsen trachtet: diese Grauen Herren sind kalte, kahlköpfige Zombies ohne eigene Kraft - sie saugen sich den Lebensatem aus dicken Zigarren, die sie aus den geraubten Blumenblättern gedreht haben: Wenn ihnen der Qualmstoff ausgeht, lösen sie sich in Dunst auf und sind weg.
Die Machtergreifung der Grauen Herren, deren Hinterlist sogar Kinder in graue Zwergzombies verwandelt, ist eine Gefahr für die Menschheit, wie es noch keine gab - schlimm stünde es, wenn da nicht Momo gäre, das Waisenmädchen, das klein und tapfer den Kampf aufnimmt. Sie ist nicht allein, ein alter Mann hilft ihr - unser Lieber Gott in gefälligem Märchenformat - und so schafft es Momo, sie siegt über das graue Grauen: alles gerettet.
Vor vielen Jahren, als Michael Ende noch kein berühmter Schriftsteller war, träumte er schon vom großen Kino. Er schrieb ein Drehbuch, erst mal bescheiden fürs Fernsehen, das von Momos Sieg über die Grauen Herren erzählte. Weil aber niemand diesen Film drehen wollte, machte Ende 1973 einen kleinen Roman daraus, ein Kinderbuch, das ein Bestseller wurde: Inzwischen beträgt seine deutsche Auflage 1,6 Millionen, und es wurde in 25 Fremdsprachen übersetzt. Durch diesen Erfolg ist nun aus "Momo" doch noch ein Film geworden: diese Woche kommt er in 230 deutsche Kinos - selten sind 20 Millionen Mark Kino-Kapital an eine so weltfremde, gutmütig versponnene, betulich bedeutungssüchtige Träumerei gewendet worden.
Dabei hatte es eine Zeitlang gar nicht gut ausgesehen, und Michael Ende hatte die Filmgeschäftemacher für Helfershelfer jener Grauen Herren halten müssen, die Blumen, Leben, Phantasie vernichten, indem sie sich dicke Zigarren daraus drehen. Krach um die Verfilmung der "Unendlichen Geschichte", Krach auch um ein erstes "Momo" -Projekt, das Ende zu Fall gebracht hat - jetzt aber herrscht Freude, jetzt ist ein Film da, wie er ihn wollte, mit einer Lebensprallheit, die gern von Fellini wäre, und mit einem Glauben an das Schönegutewahre, der schlichte Aha-Erlebnisse als Offenbarungen auftischt: Michael Endes Traum vom großen Kino hat sich erfüllt.
Johannes Schaaf hat ihn mit inniger Zuneigung, selbst zu den Schwächen der Vorlage, in Szene gesetzt. Seine Lust hat er am pittoresken Volkstreiben: den Flachsinn der Zivilisationskritik, die sich gegen Plastik und Fast-Food richtet, bedient er mit Anstand: zur Bebilderung, der Grauen-Herren-Invasion zitiert er expressionistische Massen-Arrangements herbei: nur vor dem gleißenden Styropor-Pomp der Fantasy-Szenerien gibt er sich ratlos überwältigt.
Mit starrem Seitenblick auf Hollywoods Weltmarkt ist der Film in englischer
Sprache gedreht worden: dabei stellen Italiener die guten, die herzhaften Menschen dar, zackige Deutsche hingegen die bösen Grauen Herren. Dazu John Huston, die weltbeste Liebe-Gott-Besetzung, die derzeit zu kriegen ist, und schließlich die zehnjährige Frankfurter Schülerin Radost Bokel: Sie gibt, großäugig, mit Lockenkopf und buntgenicktem Schlabberrock als Zigeunermädchen herausgeputzt, der edelblassen Kunstfigur Momo Wärme, Zauber und den schönen Ernst eines Kindes, das spielt. Sie wird viele Herzen für sich gewinnen.
Nichts als das Schönegutewahre also, nichts als Eierkuchen. Doch wo alles Bildhafte mit dem erhobenen Zeigefinger der Bedeutsamkeit daherkommt, wird der Gang gravitätisch, und wo die Meinung gilt, Phantasie könne, gewissermaßen spalierartig, nur bei der rechten Bevormundung gedeihen, kann wirkliche Phantasie nicht ihre wilden Flügel entfalten. In "Momo - der Film" herrscht eine ganz und gar unabgründige, treudeutsche Hausbackenheit.
Wer streng sein wollte (aber wer will das schon), müßte wohl feststellen, daß sich Michael Ende auf subtile Weise doch abermals von den Grauen Herren des Filmbusiness hat linken lassen: Die dicke Zigarre, die sie ihm verpaßt haben, war nur diesmal so schön gedreht, daß sogar er ihren Duft eingesogen hat wie den einer frischen Blume. Für ihn, der sich gern von der eignen Bedeutung ergriffen zeigt, ist "Momo das Größte", was das deutsche Kino seit Fritz Langs "Metropolis" gewagt hat. Die weise Momo aber sagt: "Das Schlimmste im Leben sind Wunschträume, die in Erfüllung gehen." Urs Jenny
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 29/1986
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