16.06.1986

EINKOMMENNach oben offen

Bei den Manager-Gehältern wurde im vergangenen Jahr kräftig draufgelegt. Viele rutschten über die Millionen-Marke. *
Die Leute arbeiten nicht genug, und die Löhne sind zu hoch - das hat Jochen Holy schon immer gemeint. "Wenn wir nur in Deutschland fertigen würden", so der Chef der Textilfirma Boss, "müßten wir dichtmachen."
Es wäre ärgerlich für die knapp 1000 Mitarbeiter, ärgerlich aber auch für Jochen Holy und dessen Bruder Uwe. Die Bosse nämlich, fleißig alle beide, sind an hohe Entlohnung gewöhnt.
Im vergangenen Jahr bekam der Vorstand, eben die beiden Brüder, 4,4 Millionen Mark an Gehältern. Zudem "beanspruchen", so der jüngste Geschäftsbericht, die Holys als Großaktionäre weitere 16 Millionen "Ausschüttungen".
Beinahe mühelos schoben sich die beiden Herrenschneider aus Schwaben an die Spitze der deutschen Lohnliste. Und das heißt schon was: Neuerdings drängeln sich die Millionäre auf den Chefetagen.
Nie zuvor haben Deutschlands Manager so schöne Bilanzen vorzeigen können wie 1985. Niemals zuvor aber auch sind sie selbst, das offenbaren die Berichte, so gut bezahlt worden.
Während der emeritierte Kanzler Helmut Schmidt noch nörgelt, die deutschen Firmenführer seien "hauptsächlich damit beschäftigt, ihre erste Million zusammenzukratzen", haben diese längst Fakten geschaffen. Rund 300 deutsche Manager haben Jahreseinkünfte von über einer Million Mark, einige davon selbst noch im Ruhestand.
Manche Vorstandsvorsitzenden großer Konzerne zählen längst zu den Gehaltsmillionären, BMW-Chef Eberhard von Kuenheim etwa oder Springer-Chef Peter Tamm. Auch die zwölf Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank sind dabei, ebenso Hans Graf von der Goltz, der ehemalige Vorstands- und jetzige Aufsichtsratschef der Quandt-Holding Altana.
Ein paar Außenseiter mogelten sich dazwischen. So standen schon 1984 Jürgen Ulderup von den Lemförder Metallwaren oder Hermann Kronseder von der Etikettiermaschinen-Fabrik Krones in Neutraubling überraschend in der Hit-Liste der Großverdiener. Wenn der Firmenchef aus der Familie der Eigentümer kommt, läßt sich wohl übers Gehalt leichter reden. Auch ist es steuerlich günstiger für Familien-Unternehmer, Gehalt statt Gewinn zu beziehen.
Die jüngste Entwicklung zeigt, daß in immer mehr großen Aktiengesellschaften die durchschnittlichen Vorstandsbezüge über einer Million Mark liegen, so im Autokonzern VW wie im Chemiekonzern Bayer oder bei Rheinmetall.
Vielen Firmenlenkern fehlt nur noch ein kleiner Zuschlag, der sie über die Grenze mit den sechs Nullen drücken wird. Ganze Führungsmannschaften von Firmen, zuweilen zehn oder gar 20 Köpfe stark, liegen mit ihrem Einkommen im Durchschnitt nur knapp unter der Million (siehe Tabelle).
Die Vertreter der Arbeitnehmer hatten in den vergangenen Jahren oft Mühe, in den Tarifrunden wenigstens die Teuerungsraten auszuhandeln; das tatsächlich verfügbare reale Einkommen wurde kleiner. Führungskräften dagegen blieb der Verlust an Lebensqualität, die sich mit Geld kaufen läßt, zumeist erspart. Nach Berechnungen der Kienbaum-Personalberatung wuchsen die Netto-Bezüge aller Vorstände großer Firmen in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt um zwei Drittel.
Selbst in Krisenzeiten können sich Topmanager auf ordentliche Bezüge verlassen. Als die Elektrofirma AEG 1982 Pleite machte, bekamen die Vorstandsmitglieder um Heinz Dürr im Schnitt eine halbe Million Mark Gehalt.
Seither schrumpfte die AEG-Belegschaft um 50000 Mitarbeiter, Banken, Lieferanten und Steuerzahler verloren Milliarden. Das Durchschnittseinkommen der Vorstandsmitglieder stieg auf 621000 Mark. Sanierer Dürr wird, nachdem Daimler-Benz die Elektrofirma übernommen hat, in das gediegene Gehaltsgefüge des Stuttgarter Automobilunternehmens eingepaßt.
Vor allem die Jahre der politischen Wende werden vielen Managern in angenehmer Erinnerung bleiben. In den Geschäftsjahren von 1983 bis 1985 stieg die Gehaltssumme der Vorstände bei der Deutschen Bank und der Dresdner Bank um zwei Millionen Mark, bei Hoechst und VW um rund drei, bei Siemens um knapp vier Millionen Mark. Am kräftigsten wuchsen die Spitzengehälter bei der Axel Springer Verlag AG. Die addierten Vorstandsbezüge stiegen von 7,5 Millionen (1983) auf 16 Millionen Mark.
Im Medienkonzern Bertelsmann kletterten die Einkommen der Vorstandsmitglieder von 7,7 auf 12,7 Millionen Mark; im Schnitt errechneten sich 1,8 Millionen für jeden. Nach den Boss-Brüdern und Quandts Altana war das der Platz drei in der nach oben offenen Verdienst-Skala.
Bei Bertelsmann werden die Führungskräfte auf Erfolg getrimmt: Nur ein Drittel der Bezüge ist fest vereinbart, ein weiteres Drittel vom gesamten Gewinn abhängig. Das letzte Drittel wird nach der Leistung berechnet, die der Manager in seinem Bereich geschafft hat.
In der deutschen Wirtschaft ist diese Art der Entlohnung keineswegs üblich. Die meisten Spitzenmanager, meint Unternehmensberater Roland Berger, seien zu wenig leistungsbezogen bezahlt - "zu schlecht, wenn es den Firmen gut geht, und zu gut, wenn es ihnen schlecht geht".
Die Vergütung für die Aufsichtsräte dagegen ist oft abhängig von der ausgeschütteten Dividende, also vom Gewinn. Es ist zumeist leicht verdientes Geld. Hoechst beispielsweise gibt fast 1,8 Millionen Mark für den Aufsichtsrat aus, BMW rund 1,5 Millionen und Degussa eine Million. Dafür müssen die Räte nach dem Gesetz wenigstens zweimal jährlich tagen.
Bankier Friedrich Wilhelm Christians, der wie alle Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank gut eine Million Mark Gehalt bezieht, kommt als Aufsichtsrat in einem Dutzend Unternehmen auf mehr als eine halbe Million.
Geld fürs Alter müssen sich die Wirtschaftsführer zumeist kaum zurücklegen: Für viele fängt das Verdienen dann erst richtig an. Sie besetzen Aufsichtsratsmandate und Gesellschafterausschüsse, bekommen Beraterverträge und, vor allem, üppige Pensionen.
Die Dresdner Bank beispielsweise überweist ehemaligen Vorstandsmitgliedern oder den Angehörigen verstorbener Vorstände insgesamt mehr als neun Millionen Mark pro Jahr, Hoechst und VW rund fünf Millionen. Beim Stahlkonzern Hoesch wird für die Pensionäre mit insgesamt 5,6 Millionen Mark sogar mehr ausgegeben als für die aktiven Vorstände (3,5 Millionen Mark).
Genug ist das manchen offenbar noch immer nicht. Die Millionäre verweisen auf Multimillionäre: Tennis-As Boris Becker oder der Fußballer Karl-Heinz Rummenigge bekämen viel mehr als jeder Manager. Auch Amerikas Chef-Manager seien besser entlohnt.
Das liegt wohl am Klima. "In der Bundesrepublik", sagt Unternehmensberater Berger, "herrscht häufig Angst, herausragende Einzelleistungen auch herausragend zu honorieren." _(1984 ) _(1984 ) _(1984 ) _(1984 ) _(1984 )
[Grafiktext]
LOHN DER MANAGER Durchschnittliche Vorstandsbezüge je Mitglied in Millionen Mark; jeweils letztes Geschäftsjahr Altana 1,855 BMW 1,263 Volkswagen 1,187 Gruner + Jahr 1,175 Daimler-Benz 1,097 Asko 1,064 Rheinmetall 1,007 Thyssen 0,988 Veba 0,898 Siemens 0,883 Hoechst 0,868 Mannesmann 0,830 2,209 Boss 1,812 Bertelsmann 1,432 Krones 1,256 Springer 1,190 Deutsche Bank 1,139 Lemförder Metallwaren 1,049 BHF-Bank 1,004 Bayer 0,936 Dresdner Bank 0,891 BASF 0,880 Hoesch 0,868 VDO 0,742 Kaufhof
[GrafiktextEnde]
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DER SPIEGEL 25/1986
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