21.04.1986

„Die Solidarität der letzten Chance“

Fritz Stemme über Trainer Otto Rehhagel und die Mannschaft von Werder Bremen Fritz Stemme, 61, ist Professor für Psychologie an der Universität Bremen. _____“ „Ei was, du Rotkopf“, sagte der Esel, „zieh lieber „ _____“ mit uns fort. Wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als „ _____“ den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und „ _____“ wenn wir zusammen musizieren, so muß es eine Art haben.“ „ _____“ Die Bremer Stadtmusikanten „ *
Und sie machten Musik in Bremen. Burgsmüller, Sidka, Votava und Okudera, Kutzop und all die anderen ausrangierten Fußballer, die entweder zu alt oder nicht mehr zu gebrauchen waren.
Damit angefangen hatte bei Werder Bremen der Manager Rudi Assauer. Als Bremen nach jahrelangem Kampf um den Klassenerhalt 1980 in die Zweite Liga absteigen mußte, verpflichtete der produktiv planende Manager zwei ausgebuffte Routiniers, die keiner mehr haben wollte: den ehemaligen Nationalspieler Klaus Fichtel für die Werder-Abwehr und den nur noch gemächlich trabenden, aber technisch versierten Erwin Kostedde für den Werder-Angriff.
"Bei uns braucht Kostedde nicht mehr zu laufen", sagte Assauer. "Es genügt, wenn er im gegnerischen Strafraum steht und mit seinem Hintern noch Tore macht." Und Kostedde machte die Tore. Werder marschierte durch die Liga, stieg 1981 wieder auf und hatte auch keine Angst mehr vor großen Namen.
Der neue Trainer Otto Rehhagel hatte selbst oft genug die Schmach erfahren, gefeuert zu werden. Er lebte von kurzfristigen Engagements und hatte bis dahin niemals Gelegenheit, ein langfristiges Konzept in die Fußballpraxis umzusetzen. Zum erstenmal gewährte ihm ein Klub volles Vertrauen und einen Vertrag über mehrere Jahre. Das war Zeit genug, um Werders Strategie umzukrempeln, den Abgehalfterten Sicherheit zu geben.
Die Angst, es könne ihm eines Tages genauso ergehen wie vielen Spielern der Bundesliga, an denen die Glorie der Meisterschaft sang- und klanglos vorbeigeht, motivierte ihn zu einer Koalition mit Leuten, die nichts mehr zu verlieren hatten. Doch mußten sie in sein System passen. Ein zusammengewürfelter Haufen von Ausgedienten würde keine Meisterschaft erringen, wohl aber eine Truppe, in der jeder seine Aufgabe erhält und diese bedingungslos erfüllt.
So verschieden die Charaktere auch sein mögen, die Solidarität der letzten Chance vereint sie. Keiner tanzt aus der Reihe, denn Alter und Erfahrung haben sie gelehrt, daß Einigkeit stark macht.
Ehemals hitzige Temperamente brauchten nicht mehr gezügelt zu werden. Das zeigte sich besonders an Burgsmüller, der oft als Querulant verschrien war. Die seelische Verfassung der Spieler war stabil und durch manche Enttäuschung abgebrüht. Sie rissen sich alle noch einmal zusammen, aber nicht auf Kosten der anderen wie oft bei jungen Spielern, die in der Hitze des Gefechtes den Überblick leicht verlieren und sich dann besonders beweisen wollen.
So ist eine der schwersten Aufgaben eines Bundesliga-Trainers praktisch schon gelöst: Er braucht keine Energie mehr zu vergeuden, 25 verschiedene Charaktere zusammenzuhalten, die sich oft auf die Nerven gehen.
Rehhagel redete gern von Individualisten und Kollektivarbeitern in seiner Mannschaft. Doch die Sympathie gehörte dem Kollektiv. So war ihm niemand so verdächtig wie der inzwischen in Frankreich spielende Uwe Reinders, der oft für Turbulenzen im Team sorgte. Solange er spektakuläre Tore schoß, wurde er geduldet, doch wichtig war dem Trainer schon beizeiten ein Mann, der die Individualisten - und dazu zählt auch der Nationalstürmer-Star Rudi Völler - in Schach halten konnte.
Den fand er in Bruno Pezzey, österreichischer Nationalspieler und eine Fußballer-Persönlichkeit mit starker Ausstrahlung. Pezzeys ruhige, umsichtige und profihafte Einstellung ohne alle Starallüren sollte das Werder-Team stabilisieren. Und keiner erkannte so schnell die Gefahren, die auf Werder lauern, wie Pezzey. Schon 1983 sagte er: "Werder wird noch drei Jahre Zeit haben, um Deutscher Meister zu werden. Dann wird der Erfolg einigen Spielern zu Kopf steigen, und Krisenerscheinungen werden sich breitmachen."
Nichts fürchtet denn auch der Trainer so sehr wie das Gerede um eine Krise. Wenn das Wort die Runde macht, schlägt er zurück, als trachte man ihm nach dem Leben. Der mit einem elefantenhaften Gedächtnis ausgestattete Rehhagel vergißt keine kritische Äußerung, reagiert noch nach Jahren darauf allergisch und prahlt gern mit der eigenen Solidität, um die Unsicherheit und Empfindlichkeit bei sich selbst zu kompensieren.
"Krisen gibt es auf der Intensivstation, aber nicht im Fußball", hat er gesagt und damit um den Beifall gebuhlt, den ihm
sein Präsident in so reichem Maße zuteil werden läßt. Dr. Franz Böhmert ist Chefanästhesist des Bremer Zentralkrankenhauses "Links der Weser" und Rehhagel-Fan, daß es nur so eine Art hat.
Rehhagel hat einen Instinkt für das, was eine Wahlverwandtschaft mit Spielern ausrichten kann. Und er lobt die Allianz, die das Präsidium mit ihm geschlossen hat.
Solche Allianzen mit totaler gegenseitiger Identifikation halten nur selten über einen längeren Zeitraum. Nicht so bei Werder: Hier hat der Präsident schon angekündigt, auch er würde gehen, wenn es seinen Trainer mal träfe. Und das darf man ihm glauben.
Er hält Rehhagel für den besten Trainer der Welt und würde auch Freunde fallenlassen, wenn Rehhagel von denen Gefahr drohte. Die egozentrische Art des Trainers verträgt keine Kränkung.
Werder hat eine große Anzahl von Verletzten in dieser Saison ersetzen müssen. Doch gerade die lange Verletztenliste gab den Ersatzleuten die Gelegenheit, einzuspringen. Letztlich waren sie in Rehhagels Kollektiv alle gleich. Nahtlos konnten sie sich einordnen.
Die Wechselbäder, die ein Trainer in jedem Spiel durchzustehen hat und die auch Rehhagel, wie er sagt, reif machen für die Schwarzwaldklinik, haben sich bei ihm längst in seiner Psyche etabliert. Um sein Selbstbewußtsein durch alle Wirren der Zeit und vor allem gegenüber den fußballunkundigen Fans und sogenannten Experten zu steuern, hat er die psychologische Zwickmühle erfunden. Verliert die Mannschaft, dann etwa Rehhagel vor der Presse: "Ich hoffe nur, daß man nun auch in Bremen einsieht, daß Werder noch keine Klassemannschaft ist". Gewinnt Werder, so braucht er kein Alibi dieser Art.
Seine exquisite Position bei Werder erlaubt ihm jegliche Freiheit im Umgang mit Presse, Spielern und Fans. Doch macht gerade sie ihn anfällig für Kritik. Sie alle, so der Trainer, haben keine Ahnung vom Fußball, wenn sie Werder zum Deutschen Meister machen wollen, bevor es das wirklich ist. Und recht hat er allemal!
"Das schöne ist", so sein Präsident, "daß wir Meister werden können, aber es nicht werden müssen." Doch mit diesem jahrelangen Slogan ist es in dieser Saison nun endgültig vorbei.
Jetzt müssen die Bremer Meister werden, und die Bayern brauchen es nicht. Das ist der Kern der psychologischen Konfliktsituation, in der sich Werder nun plötzlich befindet. Hervorgerufen wurde sie durch die vor einigen Monaten gestartete Beeinflussungskampagne Udo Latteks, des Trainers der Bayern, sie würden das wichtigste Spiel der Saison gegen Werder im Weser-Stadion gewinnen.
Doch anfangs nahm diese psychologische Kriegsführung in Bremen keiner ernst. Zu klar waren die Siege am Fließband und die über 80 Tore, die Werder in dieser Saison schon erzielt hatte. Zu schwach war die Vorstellung, die den FC Bayern unlängst im Europapokal am RSC Anderlecht hatte scheitern lassen.
In Bremen verspürte keiner die psychologische Wirkung, die Latteks Worte in der Öffentlichkeit anrichteten. Aber nach der Niederlage in Uerdingen und dem Unentschieden gegen Mönchengladbach steht die Meisterschaft auf der Kippe. "Nur nicht nervös werden, es hat sich doch nichts geändert", lautet der Kommentar, mit dem die Spieler versuchen, sich und die Bremer zu beruhigen. Doch gibt es ein psychologisches Gesetz, das in den Jahren zuvor in brenzligen Situationen von Werder mißachtet wurde: Mit negativ formulierten Leitsätzen kann man das Unterbewußtsein nicht beruhigen.
So sind die Zweifel reaktiviert worden, die sich im Laufe der Profijahre bei den Spielern festgesetzt hatten und die durch die positiven Erlebnisse der letzten Zeit so erfolgreich ins Unbewußte abgedrängt werden konnten.
"Ei was, du Rotkopf", sagte der Esel, "zieh lieber mit uns fort. Wir
gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du
hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muß es
eine Art haben." Die Bremer Stadtmusikanten
Von Fritz Stemme

DER SPIEGEL 17/1986
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