16.06.1986

TRÖDELAltert runter

Wer einen gebrauchten Elektrogrill, ein betagtes Hirschgeweih oder ein abgelegtes Cocktailkleid braucht, kann das nun auch im Kaufhaus erwerben. *
Auf einer Couch im Schaufenster wurden die blonde Frau und der Schnauzbärtige handelseinig. Die Kundin war's zufrieden, die Bedienung erwies sich als "locker und freundlich", und schließlich: "Bei welchem Geschäft dieser Art kann man normalerweise anschreiben lassen?"
Das ist auch bei "happy shopping" in Bremen, dem ersten westdeutschen Kaufhaus für gebrauchte Waren, nicht die Regel. Aber wer, wie die Stammkundin Cordula Lochau, 38, den "halben Hausstand" hier zusammengetrödelt hat, bekommt Kredit und wird von Mitinhaber Udo Tiedemann, 32, schon mal "auf ein Verkaufsobjekt" zum Kaffee eingeladen, "und wenn's im Schaufenster ist".
Die "einmalige Mischung aus gutsortiertem Kaufhaus-Angebot und Flohmarktflair" zieht Cordula Lochau in das Secondhand-Center. Auf 1500 Quadratmeter Verkaufsfläche gibt es alltägliche Gebrauchsgüter, die dem Müll oder den Mottenkugeln noch einmal entkommen sind: vom Elektrogrill, reparaturbedürftig, acht Mark, bis zum kapitalen Hirschgeweih am Bilderhaken, 145 Mark; vom Cocktailkleid, reines Nylon, 35 Mark, bis zur kompletten Teakholzsitzgarnitur, "Neupreis 7400 Mark, bei uns für 845 Mark" (Tiedemann).
Ein ganzes Kaufhaus mit abgelegten oder überflüssig gewordenen Sachen - das ist der vorerst konsequenteste Versuch, aus der Trödelwelle, die seit Anfang
der siebziger Jahre rollt, Kapital zu schlagen.
Längst ist aus den verspielten Märkten mit Opahemden und Schnörkelstühlen eine umsatzstarke Konsumbranche geworden. Seit der Humphrey-Bogart-Trenchcoat in Freak-Kreisen den Natooliven Parka abgelöst hat und der altenglische Klapptisch in Wohngemeinschaften höher im Kurs steht als der Ausziehbare, Marke Schwedenkiefer, reichen verstaubte Stöberlädchen nicht mehr aus, um die Nachfrage nach Nostalgischem zu befriedigen. Speicher und Böden sind meist geplündert, die Branche deckt sich international ein.
Die Lieblingsobjekte berufsjugendlicher Achtundsechziger und postmodischer Teenies werden in Klamottensupermärkten wie dem Düsseldorfer "Kaufhaus Kilo" und in Antik-Einrichtung-Centers, etwa in der Hamburger Markthalle, verramscht. Ein Kilo Trenchcoat Marke Bogart, made in Amsterdam, gibt es ab 20 Mark, original englische Beistelltische um 1890, Größe auf Bestellung, laufen im Sonderangebot.
Seit kurzem entdecken auch preisbewußte Bürger, daß gebraucht nicht unbedingt verbraucht bedeuten muß. Diese Kunden suchen Praktisches zu Niedrigpreisen. Den Secondhand-Pragmatikern widmet sich eine neue Generation von Kaufleuten, denen weniger die Verhuschtheit alternativer Trödler als die Geschäftstüchtigkeit traditioneller Altwarenhändler zu eigen ist. So einer ist auch der Antiquar Lothar Lange, 30. Der Flohmarktverkäufer schloß sich vor zwei Jahren mit sieben Jungunternehmern in Hannover zu einem alternativen Einkaufszentrum "GUM" zusammen, das wesentlich besser sortiert ist, als der absichtsvoll gewählte Name des Moskauer Kaufhauses vermuten läßt. Slogan: "GUM ist Konkurrenz."
Lothar Lange sorgt in seinem Buchladen "mit einer gesunden Preiskalkulation" dafür, daß "die Sache für mich keine Hungerleidergeschichte" wird. Einem Dauerkunden bot der Nachwuchsantiquar für zehn Krimis, einen Monat alt, Neuwert 100 Mark, noch ganze zehn Mark. Das GUM ist zwar nicht billiger als andere Trödelläden in der Stadt, aber dort ist alles schön zusammen. Die Bequemlichkeit des Kunden ist gesichert, darauf setzt auch das Team des Bremer "happy shopping"-Gebrauchtwarenhauses.
Den Modetrends der Müllmarkt-Veteranen soll sich das Sortiment in den von zehn selbständigen Unternehmern geleiteten Abteilungen nicht unterwerfen. "Zu uns", berichtet Heidrun Peters, 43, Pächterin der Bremer Räume, "kommen sparsame Familien, konsumfreudige, aber wenig begüterte Leute und Krims-Krams-Kramer."
Bei den "Damen- und Männermoden" etwa hat Aktualität Vorrang vor Nostalgie. Junge Frauen sollen hier "die Farben der laufenden Saison" finden, sagt Abteilungschef Klaus Herbst, 29. Am Anfang habe er "zuviel ostzonales Zeug" angenommen, "Nylon-Rollis und so", weil modische Sachen meist erst in Zahlung gegeben werden, wenn sie schon wieder unmodern sind.
Allerdings gibt es für gebrauchte Kleider auch nur sehr wenig Geld. Das italienische Top-Design einer Lederjacke, vor fünf Jahren 1500 Mark wert, altert runter auf 50 Mark für den vormals stolzen Besitzer. Für 150 Mark hängt sie seit Monaten bei Klaus Herbst. Die Jeans-Jacken dagegen, die der ehemalige Stuntman über Annoncen fand und für 20 Mark anbietet, könnte er "sogar noch aus fünfter Hand wie irre verkaufen".
Die Preiskalkulation geht im Gebrauchtkaufhaus nach Gefühl. Ein Suppenteller bei "happy shopping" darf nicht mehr als 80 Pfennig kosten, sagt Heidrun Peters. Ein englisches Harmonium, sechs Register, Baujahr 1896, das bei einer Beerdigungs-Auflösung abfiel, brächte bei einem Verkaufspreis von 1850 Mark eine "nette Rendite".
Handeln kann der Kunde im Gebrauchtwarenhaus bei jedem Artikel. Besonders gewitzt ist, wie Klaus Herbst weiß, "unser türkisches Publikum". Für drei Anzüge, jeder mit 70 Mark ausgezeichnet, legte ihm ein Familienvater aus Istanbul hundert Mark neben die Kasse und lamentierte so herzzerreißend, daß der Mode-Chef ihn ziehen ließ.
Kapitulieren mußten die Bremer Händler, als ein wohlhabender Hanseat ihnen "sein Planschbecken" zum Weiterverkauf in den Laden mitbringen wollte. Das abgelegte Spielzeug entpuppte sich als Stahlwand-Swimmingpool mit einem Fassungsvermögen von 30000 Litern.

DER SPIEGEL 25/1986
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