24.02.1986

LUFTFAHRTPulle raus

Bei einer regionalen Fluggesellschaft häufen sich die Pannen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Transportgefährdung. *
Grund zur Verärgerung gab es schon vor dem Start. Der Flug DW 135 der Deutschen Luftverkehrsgesellschaft (DLT), am 10. Januar ab Frankfurt 17.10 Uhr nach Saarbrücken, verzögerte sich immer wieder. Den Grund erfuhren die Reisenden nicht.
Um 17.53 Uhr startete die zweimotorige Fokker F 27 endlich - das heißt, der Pilot versuchte es. Beim Abheben wurde Passagier Paul Güth von "einem Aufschrei" erschreckt. Die Maschine begann stark zu vibrieren, dann nahm der Kapitän, wie "Vielflieger" Güth später erläuterte, "voll die Pulle raus".
Aus zwölf bis 15 Meter Höhe sackte die Fokker, Baujahr 1956, ab und plumpste am Ende der Startbahn, mit dem Heck zuerst, auf die Piste. Den 14 Passagieren flogen Teile der Toilette um die Ohren. Neben Fluggast Karl-Heinz Böhm ging "ein Teil der Deckenverkleidung" nieder. Fünf Passagiere, darunter Güth und Böhm, wurden verletzt.
Gut eine Woche nach dem freien Fall ging die F 27, geflickt und ausgebeult, schon wieder in die Luft- kein ganz und gar ungewöhnlicher Vorgang bei der DLT, deren Passagiere, wie Luftfahrtprofis spötteln, "das Abenteuer lieben".
Die Lufthansa-Tochter (40 Prozent) hat kein besonders gutes Renommee. Bei einigen Starts und Landungen in Zürich, Hannover und Nürnberg etwa kamen Besatzungen wie Passagiere in den letzten Jahren gerade noch davon; mal waren Türanlagen defekt, mal warf Sturm einen 44sitzer um. DLT-Piloten löschten in der Luft einmal ein Triebwerk, das gar nicht brannte - nur mit Mühe konnten sie landen (SPIEGEL 16/1985).
Die DLT bedient mit zum Teil betagten Maschinen vor allem Regionalflughäfen wie Nürnberg, Münster und Saarbrücken. Neulinge unter den Passagieren, die sich auf Lufthansa-Qualität eingestellt haben (und Lufthansa-Preise zahlen), sind denn auch überrascht, wenn sie eine zweimotorige Fokker oder eine Hawker Siddeley besteigen müssen.
Noch erstaunter wären die Fluggäste, wenn sie wüßten, daß sie, wie vor dem Sturzflug im Januar, zwar von der DLT
abgefertigt, tatsächlich aber von einer ganz anderen Gesellschaft transportiert werden: von der WDL, der Westdeutschen Luftwerbung Flugdienst GmbH. Rund 70mal pro Woche befördert die Privatlinie im Auftrag der DLT Passagiere auf Inlands-Strecken. Sogar die Lufthansa setzt WDL-Flugzeuge ein. Dabei gilt unter Kennern die WDL, mehr noch als die DLT, als Pannenlinie, deren Flugzeuge bisweilen schlecht gewartet und deren Piloten überlastet sind. "Mit einem Minimum an Personal", so die Fachzeitschrift "aerokurier", wolle die WDL "ein Maximum an Leistung produzieren" - auf Kosten der Sicherheit.
Der Unfall in Frankfurt ereignete sich fast auf den Tag genau ein Jahr nach einer schweren Panne in Saarbrücken. Damals rutschte die dienstälteste Fokker der Welt, von der WDL betrieben, bei der Landung 600 Meter weit auf der Nase; das Bugrad war weggeknickt. Das defekte Fahrwerk war vor dem Start nur notdürftig repariert worden. Das Luftfahrt-Bundesamt: "Die Maschine hätte gar nicht erst starten dürfen."
Am 4. November 1984 krachte eine Fokker des Baujahrs 1959 auf dem Flughafen Basel-Mülhausen noch vor dem Start auf den Beton. Bugrad und Fahrwerk hatten sich von selbst eingefahren. Die Maschine stammte aus dem Kongo, eine günstige Anschaffung des WDL-Eigners Theodor Wüllenkemper.
Acht Zwischenfälle mit WDL-Maschinen sind beim Luftfahrt-Bundesamt allein für die Zeit vom Mai 1984 bis Januar 1985 registriert; die Ursachen reichen von ausgefallenen Triebwerken bis zu fehlender Enteisung der Tragflächen. Die Staatsanwaltschaft in Duisburg ermittelt inzwischen gegen Wüllenkemper wegen des Verdachts der Transportgefährdung.
Frankfurter Staatsanwälte, die den Fehlstart auf Rhein-Main untersuchen wollen, vermuten, daß mangelhafte Enteisung auch die Ursache für das jüngste Malheur war. Die Unterlassung ließe sich erklären: Wüllenkemper hatte in einem Rundschreiben an seine Piloten gebeten, "dafür zu sorgen, daß nicht mehr als unbedingt notwendig enteist wird". Enteisen kostet etwa in Frankfurt bis zu 1500 Mark.
Die DLT will trotzdem an der WDL festhalten. Lufttaxi-Geschäftsführer Eberhard Schmidt sieht "keinen Grund, zur Klage". In einem Brief an einen Passagier rühmt die DLT gar die "reibungslose" Zusammenarbeit mit Wüllenkempers Firma.
Wie die aussieht, erfuhren die Fluggäste nach dem Fehlstart in Frankfurt. Als die geschockten Passagiere eine Stunde nach dem Absturz zum DLT-Schalter zurückkamen, wurden sie vom Personal "bestaunt wie Leute vom anderen Stern" (Fluggast Böhm). Der Unfall war der DLT noch gar nicht gemeldet worden. - "Wo kommen Sie denn her", erkundigte sich eine Stewardeß, "Sie sind doch längst abgeflogen."

DER SPIEGEL 9/1986
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