16.06.1986

NICARAGUAZum Jagen

Bei den Bemühungen um die Freilassung der entführten Deutschen halfen die Amerikaner nur zögernd - und verärgerten damit die Bonner Unterhändler. *
Erregt griff Hans-Dietrich Genscher zum Telephonhörer. So "massiv", berichteten erschrockene Bedienstete des Auswärtigen Amtes, hätten sie ihren Minister noch nie mit seinem Amtskollegen in Washington reden hören.
"George", habe der aschfahle Genscher den amerikanischen Außenminister angeherrscht, "jetzt mußt du endlich helfen!" Der Partner am anderen Ende blieb einsilbig: "Ich werde mich sofort darum kümmern", sagte Shultz und hängte grußlos ein.
Das war am Freitag vorletzter Woche, frühmorgens. Die übernächtigten AA-Diplomaten im Bonner Krisenstab hatten gerade die Schreckensbotschaft erhalten, daß die mühsam ausgehandelte Übergabe der acht von nicaraguanischen Konterrevolutionären verschleppten Deutschen womöglich in einem Blutbad enden werde.
Minuten zuvor hatte sich Genschers persönlicher Referent Michael Jansen aus Honduras gemeldet: Das Contra-Kommando in Tegucigalpa habe einen Funkspruch der Entführer aufgefangen, der das Schlimmste befürchten lasse.
"Die Sandinisten greifen uns an", so hatten die Entführer der deutschen Aufbauhelfer aus Cerro del Tigre, dem geplanten Übergabeort, mitgeteilt, "wir ziehen uns zurück", und dann, was die Bonner besonders alarmierte, das Wort: "Mörder".
"Da haben wir gedacht", erzählte ein Mitglied aus Genschers Krisenstab später, "jetzt ist es zum Clash gekommen, und die sind alle tot." Tatsächlich hatte ein sandinistischer Spähtrupp die Rebellengruppe aufgespürt und sie in ein kurzes Gefecht verwickelt.
Die Krise um die acht jungen Entwicklungshelfer, die am 17. Mai aus dem Dorf Jacinto Baca von der Contra-Einheit "Hermenegildo Gonzalez" verschleppt worden waren, hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die zermürbenden Verhandlungen mit den regierenden Sandinisten in Managua einerseits und den von US-Präsident Ronald Reagan protegierten Rebellen andererseits schienen vergeblich gewesen zu sein. Unterhändler Hans-Jürgen Wischnewski, der auf Bitten der Eltern der entführten Deutschen tätig geworden war, saß irgendwo im Südwesten Nicaraguas fest, weit weg vom Tigerberg. Fast zwei Tage war der Sozialdemokrat für den Bonner Krisenstab nicht erreichbar.
Zugespitzt hatte sich auch die Vertrauenskrise zwischen Bonn und Washington. Alle Telephonate und Schreiben Genschers an Shultz, selbst zwei Bittbriefe von Kanzler Helmut Kohl über die Sonderleitung "Charly" direkt ins Weiße Haus blieben drei Wochen lang ohne Echo. Weder US-Diplomaten noch Kohl-Freund Reagan dachten ernsthaft daran, wegen acht verschleppter Sympathisanten des ungeliebten Linksregimes in Managua ihre Contra-Schützlinge ernstlich unter Druck zu setzen. "Captured" seien die Entwicklungshelfer, Gefangene also, lautete die offizielle US-Sprachregelung, nicht etwa "kidnapped", entführt.
Amerikanische Geheimdienstquellen streuten, die acht Deutschen hätten bei ihrer Gefangennahme Uniformen der Sandinisten-Armee getragen und seien mit AK-47 Sturmgewehren bewaffnet gewesen. Die freiwilligen Helfer, darauf beharrte auch Shultz, hätten die Rolle von "Kombattanten" übernommen.
Waffen hatten die Entwicklungshelfer, darunter vier Frauen, nach eigenen Angaben nicht getragen. Aber sicherlich wurde ihr Bautrupp von einigen Angehörigen der sandinistischen Miliz begleitet. Jedenfalls kam es bei dem Angriff der Rebellen zu einer Schießerei, bei der mehrere Nicaraguaner ums Leben kamen.
Insgesamt 250 Kilometer, so erzählten die Entführten später, hätten sie durch Sümpfe und Wälder marschieren müssen, ständig von ihren Bewachern bedroht, die ihnen "zum Spaß" gelegentlich vor die Füße oder über die Köpfe hinweg geschossen hätten.
Schon am Tag der Geiselnahme hatte die Bundesregierung, die nicht direkt mit den Rebellen verhandeln wollte, die Amerikaner eingeschaltet. Die Bonner US-Botschaft stellte einen Diplomaten als ständigen Kontaktmann zu Genschers Krisenstab ab. Mehrfach wurde Botschafter Richard Burt ins Auswärtige Amt bestellt und von Staatssekretär Andreas Meyer-Landrut um Hilfe gebeten. Doch der sonst so schlaue Burt habe sich absichtlich begriffsstutzig gezeigt, beklagten sich Bonner Gesprächspartner.
Die Amerikaner hielten anfangs nur einen Ratschlag bereit: Die Bonner sollten auf die Bedingungen der Contras eingehen, die seien ohnehin zur Freilassung der Deutschen bereit. Doch was die Entführer forderten, schien der Bundesregierung nicht akzeptabel. Die Rebellen verlangten von Bonn und Managua *___Haftungsausschluß für den Fall, daß den Gefangenen ____etwas zustoße, *___Quittungen nach Übergabe der acht Deutschen und *___Räumung eines 2000 Quadratkilometer großen Gebiets von ____sämtlichen sandinistischen Polizei-, Truppen- und ____Verwaltungseinheiten.
"Unmöglich", schimpfte Wischnewski vor Ort über die Forderungen der Contras, die er zur Genugtuung seiner sandinistischen Freunde beharrlich als "Terroristen" bezeichnete. Den Vorschlag der Contras fand der Sozialdemokrat so provozierend, daß ihm Zweifel an der Ernsthaftigkeit des amerikanischen Einflusses kamen. Schließlich, so erklärte er US-Reportern, habe der "das Sagen, der die Veranstaltung finanziert".
Daß die Schutzherren der Contras in Washington stets auf dem laufenden waren, _(Auf ihrer Pressekonferenz in Managua. )
so ahnungslos und unbeteiligt sie sich auch zu geben suchten, erfuhren die Bonner Krisenmanager indirekt aus Pullach. Von dort meldete der Bundesnachrichtendienst minuziös jene Szenarien für die Übergabe der Verschleppten, die Unterhändler Wischnewski mit den Sandinisten und der Genscher-Vertraute Jansen mit den Rebellen-Chefs in Honduras ausgehandelt hatten. Die BND-Späher wiederum wurden, gewissermaßen von Kollegen zu Kollegen, von den kundigen Herren der CIA informiert.
So wurden die in den tropischen Regenwald Verschleppten zu Bauern in einem raffinierten Spiel: Sandinisten wie Contras suchten mit der Geiselnahme politische und diplomatische Vorteile zu gewinnen; jede Seite gab der anderen die Schuld daran, daß sich die Freilassung so lange hinauszögerte. "Die Entführten", sagt Genscher über die Opfer, "waren Gefangene des Mißtrauens zwischen Sandinisten und Contras."
In Managua bemühte sich Wischnewski, von den Sandinisten mal liebevoll "der Dicke", mal respektvoll "Comandante Hans" genannt, um eine Feuerpause. Da die Bundesregierung zur Zeit mit den Sandinisten nicht gut reden könne, so definierte Wischnewski seine Rolle, "mußte im Interesse der acht Leute jemand her, der auf einer sehr persönlichen Vertrauensbasis reden kann".
Behilflich war ihm dabei Emil Stehle, Weihbischof von Quito in Ecuador und Direktor des deutschen Hilfswerks Adveniat. Die Anwesenheit des Geistlichen habe auf die antisandinistischen Rebellen beruhigend gewirkt, meinte Wischnewski: "Die haben sich gedacht, da ist nicht nur der schlimme Wischnewski, der kennt die Sandinisten gut, sondern da ist auch noch dieser hochanständige Stehle."
Die Bundesregierung hatte mit ihren Gesprächspartnern mehr Schwierigkeiten. Verbittert mußten die Bonner US-Verbündeten mit ansehen, daß die Contra-Finanziers in Washington zunächst nur schöne Worte bereithielten, in Wahrheit aber keinen Finger rührten. "Wir mußten die Amerikaner zum Jagen tragen", beschrieb ein Mitglied des Bonner Krisenstabes hinterher die Lage.
Den Tip, der zum Durchbruch führte, gab Krisenmanager Wischnewski telephonisch aus Managua: Eine Resolution des Bonner Parlaments an die Sprecher von Senat und Repräsentantenhaus, so die Empfehlung des Sozialdemokraten, werde in Washington, nur Tage vor Reagans erneutem Versuch, die 100-Millionen-Dollar-Hilfe für die Contras im Kongreß doch noch durchzubekommen, nicht ohne Eindruck bleiben.
Am Montag voriger Woche übermittelten Bundestagspräsident Philipp Jenninger und die Fraktionschefs von CDU/ CSU, SPD und FDP den Appell, "tief beunruhigt wegen der Erfolglosigkeit der bisherigen Lösungsversuche". Tatsächlich ging plötzlich alles sehr schnell. Die Contra-Führer in Tegucigalpa verzichteten auf alle Forderungen und baten nur noch um einen Vorsprung von 24 Stunden vor der sandinistischen Armee.
Noch während Genschers Ministerialdirektor Jürgen Sudhoff mit Wischnewski ein neues Übergabe-Szenario besprach, kam neue Kunde aus Tegucigalpa: Die verschleppten Deutschen, meldete Jansen in den Morgenstunden zum Mittwoch, "sind bei Presillitas 84 Grad/ 24 Minuten West, zwölf Grad/acht Minuten Nord ausgesetzt worden".
Die Contras hatten ihre Gefangenen noch einmal zwölf Kilometer durch Sumpfgebiet getrieben. Bevor sie ihre Geiseln freiließen, überfielen sie ein nicaraguanisches Dorf, "um auf Nummer Sicher zu gehen", wie sie den Entführten erzählten. In der Dorfkneipe warteten die Deutschen auf die Ankunft Wischnewskis mit einem sandinistischen Konvoi. Bischof Stehle hatte derweil über Funk, von der päpstlichen Nuntiatur in Managua aus, vier Pfarrer in der Nähe des Freilassungsortes alarmiert.
Stunden später gab Kanzler Kohl im Bonner Kabinett die Sprachregelung aus, vor der Presse müsse klargestellt werden, "daß die Amerikaner uns sehr geholfen haben".
Sein Vize Genscher, der das Krisenmanagement persönlich überwacht und sogar auf geplante Auslandstermine verzichtet hatte, mochte der Order nicht folgen. Statt dessen ging er, vorsichtig wie immer, auf Distanz.
Genscher: "Die amerikanische Regierung hat uns, wie wir überzeugt sind, nach besten Kräften geholfen. Auf welche Weise sie ihren Einfluß auf die Contras genutzt hat, wissen wir nicht."
Auf ihrer Pressekonferenz in Managua.

DER SPIEGEL 25/1986
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