16.06.1986

LIBANONSinnloses Abenteuer

Syrien verliert die Kontrolle über den Libanon. Arafats PLO-Streitmacht, die vor vier Jahren von den Israelis vertrieben wurde, ist wieder ein Machtfaktor in Beirut. *
Straßenkämpfe im Westen, Artillerie- und Raketenfeuer aus den Bergen, Zivilisten, die zwischen Trümmern verbluten - Beirut im zwölften Kriegsjahr, alles wie gehabt. Die Gefechte in der libanesischen Hauptstadt forderten in den letzten 20 Tagen über hundert Tote und siebenhundert Verletzte.
In den heftigsten Kämpfen seit dem Einmarsch der Israelis vor vier Jahren machen nun wieder die Kämpfer von PLO-Chef Jassir Arafat mit Macht von sich reden. In den vergangenen Monaten sind rund 2000 der insgesamt 14000 Palästinenser, die im August 1982 von den Israelis ins Exil vertrieben worden waren, wieder nach Beirut eingesickert. Attackiert werden sie jetzt von der Amal-Miliz des schiitischen Justizministers Nabih Birri.
"Sie haben uns jahrelang kolonisiert, dann brachten sie uns die Israelis, sie sollen zum Teufel gehen", sagte Anfang des Jahres der Birri-Satrap Abd el-Madschid Salih in der südlibanesischen Hafenstadt Tyrus. "Niemals wieder werden die Palästinenser hier zu den Waffen greifen." Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich bald herausstellen sollte.
Tatsache ist: Die Palästinenser sind wieder ein Machtfaktor im Libanon. Sie haben in den Lagern Sabra, Schatila und Burdsch el-Baradschineh am südlichen Stadtrand und im Westen von Beirut Hunderte von Wohnungen angemietet und ihre Kämpfer mit Hilfe saudiarabischer Petrodollar-Millionen aufgerüstet. Ein Teil der 1983 von den syrischen Besatzern als Ordnungsmacht installierten Kämpfer des PLO-Rebellen Abu Mussa hat die Camps geräumt, andere liefen zu Jassir Arafats Getreuen über.
So stark wie vor dem israelischen Einmarsch wird die PLO in Beirut kaum wieder werden, auch wenn Arafat-Vize Abu Ijad sich brüstet: "Unsere Leute sind alle wieder da." An eine Rückkehr der politischen Führung der PLO in den Libanon ist ohnehin nicht zu denken.
Aber auch eine relativ bescheidene Präsenz von Anhängern Arafats reicht aus, dessen Todfeind, den syrischen Präsidenten Hafis el-Assad, zu alarmieren. Der Syrer fürchtet, die Kontrolle über die politische Entwicklung im Libanon zu verlieren. Der von Damaskus ausgearbeitete "endgültige Friedensplan für die Neugestaltung des künftigen Libanon in Wohlstand, Frieden und Freiheit" (die syrische Tageszeitung "Tischrin") ist längst Makulatur geworden.
Die Syrer machen die Palästinenser und die libanesischen Christen dafür verantwortlich. "Arafat und Amin Gemayel haben die arabische Nation verraten", klagte der syrische Staatsrundfunk. "Die lächerliche PLO-Clique in Tunis und der Maroniten-Präsident des Libanon wagen es, ausgerechnet die Mutter Syrien, die den Libanon wie ihr Kind vor allem Ungemach beschützt, vor den Kopf zu stoßen", entrüstete sich der Vorsitzende der kleinen, syrisch gelenkten libanesischen Baath-Partei, Assim Kansu.
Um seine regulären Truppen nicht in einen verlustreichen Kleinkrieg verwickeln zu lassen, läßt Assad einstweilen die von Syrien ausgerüsteten Schiiten in West-Beirut gegen die Palästinenser antreten. Weil aber eine schiitische Niederlage ebenso unwahrscheinlich ist wie eine Kapitulation der in den Lagern gut eingegrabenen Palästinenser, wird sich an der gefährlichen Patt-Situation in der immer chaotischer werdenden Stadt wohl so bald nichts ändern - zum Nachteil Syriens.
Die Schlacht um West-Beirut wird von beiden Seiten mit einer selbst für libanesische Verhältnisse beispiellosen Brutalität geführt. Birris Miliz schießt mit Mörsern und Sowjetpanzern, die sie von den Syrern bekommen hat, wahllos ganze Straßenzüge zusammen. Die Palästinenser
feuern mit Artillerie, die sie in den von Drusen bewohnten Bergen postiert haben, in die schiitischen Elendsviertel. Dabei können sich ihre Kanoniere auf stillschweigende Sympathie von Drusenführer Walid Dschumblat stützen, der zwar zum prosyrischen Lager gehört, sich aber vor der Übermacht der Amal fürchtet.
Komplizierte Fronten und paradoxe Allianzen sind typisch für den libanesischen Wirrwarr: Die Amal-Miliz bekämpft die Palästinensische Befreiungsorganisation, um sie daran zu hindern, durch grenzüberschreitende Operationen israelische Vergeltungsschläge zu provozieren und dadurch die schiitische Zivilbevölkerung zu gefährden und den Widerstand gegen Israel unter Amal-Führung zu stören.
Die in West-Beirut lebenden sunnitischen Moslems wiederum haben sich mit den Palästinensern verbündet, um sich gegen die Vorherrschaft der Schiiten-Miliz zu wehren. Die Amal ist seit dem Abzug der westlichen Friedenstruppen die stärkste Macht im moslemischen Teil der Stadt.
Und den christlichen Maroniten ist einstweilen jeder als Verbündeter willkommen, der die syrische Vormachtstellung stört. Aus Ost-Beirut geben sie der PLO mit Artilleriesalven Feuerschutz. Gipfel der levantinischen Absurditäten: Am Donnerstag bot der israelische Erbfeind der Amal an, sich aus dem Südlibanon zurückzuziehen, wenn sie dort Ruhe und Ordnung gewährleisten könne.
Alle Bemühungen um Wiederherstellung des Friedens sind bislang gescheitert. Von den diversen Waffenstillständen, die seit dem Ausbruch der Kämpfe verkündet wurden, hielt keiner länger als eine Viertelstunde.
Feuerpausen brachte nur die Fußball-Weltmeisterschaft. Immer wenn in Mexiko arabische Kicker am Ball waren, schwiegen in Beirut die Waffen. Schwerbewaffnete Kämpfer hockten auf beiden Seiten der Front vor tragbaren Fernsehgeräten und feuerten ihre Favoriten an.
Assad könnte in diesem Dschungel nur mit einem massiven Militäreinsatz Ordnung schaffen. Doch davor schreckt er noch zurück, auch aufgrund der Erfahrung, die Israels Truppen 1982 im Libanon gemacht haben.
"Das Problem der Syrer", kommentiert der frühere libanesische Präsident Camille Schamun, "besteht darin, ihr immer sinnloseres Libanon-Abenteuer abzubrechen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren."
Assad muß sogar fürchten, daß der Brand, den er mitgeschürt hat, auf Syrien übergreift. Die Bomben, die in den vergangenen Monaten in verschiedenen syrischen Städten explodierten, wurden von radikalen Moslem-Fundamentalisten gezündet - Glaubensbrüdern jener Schiiten, die in Absprache mit Assad die Beiruter Palästinenser-Lager zusammenschießen.

DER SPIEGEL 25/1986
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