16.06.1986

SOWJET-UNIONSpur von Blut

Zum erstenmal steht ein ehemaliger amerikanischer Staatsbürger wegen Kriegsverbrechen vor einem sowjetischen Gericht. *
Das Stadtgericht von Simferopol in der Ukraine zog in eine Werkhalle um: Die normalen Justizräume hätten den Andrang nicht bewältigt.
An den Wänden des neuen Verhandlungssaals hängen Photos von Opfern der Nazigreuel. Den Angeklagten bewachen ständig zwei Militärpolizisten. Richter Michail Tjutjunik hat einen ganz besonderen Prozeß zu leiten.
Vor ihm und seinen zwei Beisitzern steht seit voriger Woche ein Angeklagter, dessen Schuld für die Sowjets bereits feststeht und den die amtliche Nachrichtenagentur Tass als "faschistischen Schlächter" brandmarkte: der Ukrainer Fjodor Fedorenko, 78, der im Zweiten Weltkrieg mit den Nazi-Okkupanten gemeinsame Sache gemacht hatte.
Der ehemalige Rotarmist hatte sich wenige Tage nach seiner Gefangennahme von der SS als KZ-Wächter anwerben lassen. In Treblinka, Stutthoff und Peletsk soll er an der Ermordung von 800000 Juden beteiligt gewesen sein - eine Tat, die in der Sowjet-Union nicht verjährt und mit dem Tode bestraft werden kann. Fedorenko, so Tass, "ließ eine Spur von Blut hinter sich".
Reue schien der Angeklagte bisher nicht zu zeigen: Vor 200 entsetzten Zuschauern erklärte er, ihm sei es damals vor allem darum gegangen, seine eigene Haut zu retten: "Die Opfer dachten an sich, ich dachte an mich."
Brisant ist der Prozeß nicht nur, weil die Ukrainer nach mehr als 40 Jahren einen Landsmann wegen Kollaboration aburteilen und damit auch ein Stück eigener dunkler Vergangenheit bewältigen sollen. Der Fall hat auch internationale Dimensionen. Denn KZ-Wächter Fedorenko ist der erste Kriegsverbrecher, den Washington an die Sowjets ausgeliefert hat.
Dem Überläufer, wegen seiner Disziplin von der SS zweimal befördert, war es nach 1945 gelungen, in den USA unterzutauchen. In seinem Heimatort auf der Krim Dschankoi, ließ er seine Familie zurück, zwei Söhne und Frau Praskowja, 75, die jetzt als Zeugin im Prozeß auftritt: "Ich habe für ihn all die Jahre gebetet, und nun stellt sich heraus, was für ein schlechter Mensch er ist." In Philadelphia heiratete der Auswanderer erneut und erhielt 1970 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach sowjetischem Willen soll das Verfahren gegen Fedorenko kein Einzelfall bleiben. Rund 150 weitere Auslieferungsanträge, so der Journalist Wladimir Moltschanow, Autor mehrerer Bücher über sowjetische Nazi-Kollaborateure, seien an Washington gestellt worden.
Auf der Liste Moskaus stehen unter anderen: der Este Karl Linnas, angeblich beteiligt an einem Massaker im KZ von Tartu; der Litauer Boleslaw Maikowskis, SS-Offizier und wahrscheinlich verantwortlich für die Vernichtung des Dorfes Aldrin; und der Ukrainer Sergej Kowaltschuk, der als stellvertretender Polizeikommandant den Mord an 50000 Juden im Getto von Ljubomil angeordnet haben soll.
Die USA, so der Vorwurf Moskaus, seien nach dem Krieg ein "sicherer Hafen" (Tass) für Kriegsverbrecher geworden. Dabei habe Washington, so argumentiert der sowjetische Generalstaatsanwalt Alexander Rekunkow, gegen Verträge der Alliierten verstoßen. Nach diesen Abkommen seien Kriegsverbrecher nämlich unverzüglich an ihre Heimatländer auszuliefern.
Zudem empört die Sowjets, daß die Amerikaner zu spät und zu träge damit begannen, Kriegsverbrecher unter den Einwanderern aufzuspüren. So hätten viele sich rechtzeitig nach Südamerika absetzen können.
Wenig Verständnis haben die Sowjets auch dafür, daß die US-Justiz so langsam
arbeitet. Bevor ein Kriegsverbrecher aus den USA ausgewiesen werden kann, müssen ihm die Behörden die Staatsbürgerschaft entziehen. Der Beschuldigte hat das Recht, sowohl die Auslieferung wie auch den Verlust der Nationalität bis zum Obersten Gerichtshof anzufechten. In allen Verfahren müssen die US-Ankläger den Einwanderern direkte Beteiligung an Greueltaten nachweisen - nach 40 Jahren oft ein schwieriges Unterfangen.
Trotz ihrer Kritik unterstützten die Moskauer Behörden in den letzten Jahren die US-Juristen bei der Suche nach Beweisen im Sowjetstaat. In rund zehn Fällen erlaubten sie amerikanischen Delegationen die Einreise. Richter und Anwälte konnten nach amerikanischen Prozeßregeln, etwa in Wilujus, Tartu und Tscherkesk, Zeugen vernehmen. Die amerikanischen Verteidiger durften Sowjetbürger sogar ins Kreuzverhör nehmen - diskret von Videokameras gefilmt, wie die Amerikaner bemerkten.
Unter dem Druck vor allem jüdischer US-Bürger haben die Amerikaner ihre Auslieferungspraxis in letzter Zeit ohnehin etwas gelockert: Der Ukrainer Iwan Demjanjuk, 66, wie Fedorenko Scherge in Treblinka, wurde an Israel überstellt. Und der aus Amerika abgeschobene Andrija Artukovic, 86, ehemaliger Innenminister im faschistischen Ustascha-Staat "Unabhängiges Kroatien", ist Mitte Mai von einem Zagreber Gericht als verantwortlicher Schreibtischtäter für die Ermordung von 900000 Juden, Serben und Roma in kroatischen KZs zum Tode verurteilt worden.
Fedorenko, der den Prozeß wegen seiner Schwerhörigkeit mit Kopfhörern verfolgt, bleibt denn auch möglicherweise nicht der einzige Ex-Amerikaner, der sich vor einem Gericht in der UdSSR wegen Kriegsverbrechen verantworten muß. Doch die Sache bleibt politisch heikel:
Zum einen dürften sich die Amerikaner auch weiterhin weigern, Balten wie Linnas und Maikowskis zu überstellen, da sie die Annexion Litauens, Lettlands und Estlands durch Moskau nie anerkannt haben. Erst jüngst empfing US-Präsident Ronald Reagan Vertreter der baltischen Exilregierungen im Weißen Haus.
Zum anderen gibt es keinen Auslieferungsvertrag zwischen Washington und Moskau. Die US-Behörden schoben Fedorenko deshalb im Dezember 1984 nach Prag ab - nachdem sie die Sowjets diskret über den Passagier informiert hatten.
Der hatte die Prozedur freilich selbst erleichtert. Offenbar durch die siebenjährigen Voruntersuchungen zermürbt, erklärte er sich schließlich bereit, freiwillig in die Sowjet-Union heimzukehren.
Was erst die US-Ermittler herausfanden: Er war zuvor schon dreimal als Tourist in seiner Heimat gewesen. Doch die Sowjets hatten ihn nicht erkannt.

DER SPIEGEL 25/1986
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