16.06.1986

KAPITALFLUCHTBrutaler Aderlaß

Kapitalflüchtlinge schaffen Milliarden aus den Entwicklungsländern ins Ausland. Die Schuldenkrise wird verschärft. *
Für Amerikas Banker war die Stadt Miami am Südzipfel des US-Staates Florida immer nur tiefe Provinz. Wirklich große Geldgeschäfte waren in dem entlegenen Sonnen-Refugium greiser Pensionäre kaum zu machen.
Noch vor zehn Jahren hatten es gerade zehn Banken als lohnend empfunden, sich in Miami niederzulassen. Doch dann plötzlich begann ein Wettlauf nach Miami, neue Glaspaläste prägten die Skyline der Stadt.
Heute machen mehr als 100 Banken Miami zu einer florierenden Finanz-Metropole. Selbst deutsche Geldinstitute wie die Deutsch-Südamerikanische Bank und die Vereins- und Westbank aus Hamburg drängte es ins südliche Florida.
Das große Geld, das alle nach Miami lockt, kommt aus Lateinamerika. Die Reichen in den armen Staaten, von Mexiko bis Argentinien, fürchten um ihr Vermögen. Je rascher in den Staaten Lateinamerikas die Auslandsschulden wuchsen, je tiefer die Länder in die Krise rutschten, um so schneller füllten sich Konten und Tresore im sicheren Nordamerika.
"Der Geldstrom fließt und fließt", sagt Wilbert Bascom, Chef der Bankenaufsichtsbehörde von Florida. Und er fließt nicht nur nach Miami und nicht allein aus Lateinamerika.
Aus allen hochverschuldeten Ländern der Dritten Welt schiebt eine kleine Oberschicht Milliarden-Dollar-Beträge auf meist dubiosen Wegen über die Grenzen. Wären diese Gelder in der heimischen Wirtschaft geblieben, sähe die Verschuldung vieler Entwicklungsländer weit weniger dramatisch aus.
Die Kapitalflucht, urteilt Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl, sei ein wichtiger, "wenn nicht sogar der wichtigste Grund" für die Schuldenkrise der letzten Jahre. Sie "beschleunigt, vergrößert und verschlimmert die bestehenden Probleme", meint auch Chefökonom Rimmer de Vries vom New Yorker Finanzhaus Morgan Guaranty Trust.
Morgan Guaranty schätzt die Kapitalflucht aus 18 Entwicklungsländern von 1976 bis Ende 1985 auf fast 200 Milliarden Dollar. Das sind über zwei Fünftel aller Auslandsschulden, die in diesen Ländern angehäuft wurden.
Allein aus Lateinamerika flossen in zehn Jahren zwischen 120 und 130 Milliarden Dollar illegal über die Grenzen. Sie entsprechen gut einem Drittel der Auslandsschulden Lateinamerikas.
Ohne Kapitalflucht, so errechneten Experten in den großen Banken, bräuchten sich beispielsweise weder Argentinien noch Mexiko oder Venezuela wegen ihrer Auslandsschulden Sorgen zu machen (siehe Graphik).
Allein auf Bankkonten außerhalb der Region halten die Latinos rund 80 Milliarden Dollar. Das ist annähernd zweieinhalbmal soviel, wie die Länder insgesamt an Devisenreserven besitzen. Hinzu kommen die riesigen Fluchtbeträge, die in Wertpapieren und Immobilien angelegt wurden oder schlicht privat gehortet werden.
Eine "endemische Seuche" nennen die Ökonomen von Morgan Guaranty die Sucht der Wohlhabenden, ihr Geld ins Ausland zu schieben, statt es im eigenen Lande zu investieren. Die Krankheit hat grotesk anmutende Folgen. Weil ein Großteil der Fluchtgelder in die USA floß, sind die Vereinigten Staaten wahrscheinlich gegenüber Lateinamerika ein Schuldnerland.
Das meiste schwarze Vermögen kommt aus Mexiko in die USA. Selbst im luxuriösen kalifornischen Küstenort La Jolla fallen die Mexikaner durch ihren zur Schau gestellten Reichtum noch auf. Vor sechs Jahren hatten dort rund 1200 wohlhabende Mexikaner ihren zweiten Wohnsitz. Heute sind es doppelt so viele. Teure Gemäldesammlungen schmücken ihre Villen, griechische Marmorstatuen, römische Bäder und japanische Gärten zieren die Anwesen.
Die Investitionen für die Entwicklung des Südens der kalifornischen Isla der Padre wurden zu vier Fünfteln mit mexikanischem Kapital finanziert, schätzen Banker. Unter 650 ausländischen Anlegern in der kalifornischen Küstenregion - La Jolla, Bel Air, New Port - ist jeder dritte Mexikaner. _(An der französischen Riviera, März 1986. )
Auch Texas scheint reiche Mexikaner zu locken. Seit 1975 flossen mindestens 22 Milliarden Dollar in die Geldzentren von Dallas und Houston.
Insgesamt schafften die Mexikaner in dieser Zeit etwa genauso viele Dollar außer Landes, wie die Regierungen unter Jose Lopez Portillo und Miguel de la Madrid im Ausland borgten: etwa 55 Milliarden Dollar.
Es sind immer die gleichen Methoden, mit denen hohe Beamte und Politiker, Unternehmer, Bankiers sowie die Aufsteiger der neuen Bourgeoisie ihren Wohlstand im Ausland mehren - ob in Mexiko oder anderswo. Kuriere mit Koffern voller Banknoten gehören zum Alltag an den Grenzen. "Wir schicken regelmäßig", bekannte ein europäischer Banken-Manager, "einen Burschen mit zwei leeren Koffern nach Mexico City."
Unternehmer und Händler bedienen sich einer noch einfacheren und überall praktizierten Methode: Sie verschieben ihr Geld über falsche Rechnungen.
Exportiert eine Firma beispielsweise Hemden, Hosen und Kleider im Wert von 15 Millionen Dollar, so stellt sie hierüber eine Rechnung über nur zehn Millionen aus, die ordnungsgemäß vom Käufer transferiert werden. Die restlichen fünf Millionen läßt sich der Verkäufer im Ausland gutschreiben.
Umgekehrt geht es genausogut. Importiert ein Unternehmer etwa Maschinen und Fahrzeuge im Wert von zehn Millionen Dollar, so läßt er sich eine offizielle Rechnung über 15 Millionen Dollar ausstellen. Die über den tatsächlichen Warenwert hinausgehenden Dollar läßt sich der Importeur vom Exporteur auf ein Auslandskonto überweisen.
Die fiktiven Rechnungen entziehen beispielsweise Mexikos Wirtschaft nach Schätzungen der Zentralbank jährlich vier Milliarden Dollar. Besonders beliebt ist dieses Spiel auch in Argentinien, Malaysia und Nigeria.
Nur so erklären sich die verblüffenden Differenzen, die ein Vergleich von Statistiken der betreffenden Handelspartner zutage bringt. In den Jahren 1976 bis 1984 hatten beispielsweise Malaysias Kunden für zehn Milliarden Dollar mehr Waren und Dienstleistungen nachgefragt, als von Malaysia selbst offiziell in der Statistik verbucht wurden.
Ganz ähnlich versickerten auch die Exporterlöse Nigerias. Ein einfacher Vergleich der amtlichen Ölausfuhrmengen mit den angegebenen Preisen ergab, daß Nigerias Öl-Exporte allein in einem Jahr (1979) um rund vier Milliarden Dollar zu niedrig angegeben wurden. Die Differenz verschwand auf ausländischen Konten.
Seit Beginn der siebziger Jahre importiert Nigeria nach den Statistiken auch immer wieder mehr, als die Handelspartner des afrikanischen Staates tatsächlich liefern. Den Reibach in Milliardenhöhe machen Devisenschieber.
Häufig verdienen Händler Devisen durch Schmuggel und legen das Geld gleich im Ausland an. Aus Zaire beispielsweise, einem Land in Afrika, das früher als alle anderen mit seinen Auslandsschulden dem Bankrott zutrieb, bringen Schmuggler große Mengen Diamanten in das nordwestliche Nachbarland. Auf diese Weise entwickelte sich die Volksrepublik Kongo, die selbst keine Diamantenminen hat, zu einem bedeutenden Diamanten-Exporteur.
Mehr als alle anderen taten sich korrupte Staatsführer bei der Kapitalflucht hervor. Zaires Präsident Mobutu raffte Vermögenswerte in Höhe von vier bis sechs Milliarden Dollar im Ausland zusammen.
Auf einem einzigen Schweizer Konto orteten Fahnder 367 Millionen Dollar, die Haitis gestürzter Diktator Jean-Claude Duvalier dort geparkt hatte. Der Ex-Präsident der Philippinen, Ferdinand Marcos, lenkte unter anderem große Summen aus der japanischen Entwicklungshilfe auf eigene Konten im Ausland. Insgesamt brachte Marcos es auf ein Auslandsvermögen von mindestens drei Milliarden Dollar.
Eine verfehlte Wirtschaftspolitik verstärkt den Strom der Gelder, der aus der Raffgier der Reichen entspringt. Von 1976 bis 1982, dem Beginn der weltweiten Schuldenkrise, lagen in fast allen Entwicklungsländern die Zinssätze weit unter der Inflationsrate. Eine Finanzanlage im Inland lohnte nicht.
Zur Kapitalflucht ermunterte auch die Wechselkurspolitik der meisten Entwicklungsländer. Viel zu lange hielten die Regierungen an einem viel zu hoch bemessenen Wert der eigenen Währung gegenüber dem Dollar fest.
Schon die bloße Erwartung nämlich, die eigene Währung werde bald abgewertet, veranlaßt die Anleger, ihr Geld im Ausland zu investieren, um Abwertungsgewinne mitzunehmen.
Beim illegalen Geldtransfer helfen die internationalen Banken kräftig mit. "Es sind die Banker, die das Fluchtauto steuern", urteilte Karin Lissakers, bis vor kurzem stellvertretende Leiterin des politischen Planungsstabes im State Department in Washington.
Erst verdienten die Banken an den Milliarden-Krediten für die Dritte Welt, dann noch einmal am Rückfluß der Gelder. "Wir alle wissen, es handelt sich um Fluchtkapital", sagt ein New Yorker Bankier, "aber es ist nicht unsere Aufgabe, nach dem Woher zu fragen."
Wozu auch? Dank der Fluchtgelder können vor allem die US-Großbanken gelassener in die Zukunft sehen. Denn den faulen Krediten in manchen Ländern stehen viele Schwarzgeld-Milliarden gegenüber.
Just ihr größter Fluchtgeld-Lieferant Mexiko kann - abermals - nicht mehr zahlen. Zwei Milliarden Dollar fehlen für in diesem Monat fällige Zinsen; die Devisenreserven sind so stark zusammengeschrumpft, daß sie nicht einmal für die lebensnotwendigen Importe zweier Monate reichen. Doch sechs Milliarden Dollar werden dieses Jahr wieder illegal das Land verlassen.
Die Kapitalflucht, sagt Mexikos Finanzminister Jesus Silva Herzog, "ist ein brutaler Aderlaß, der das Bild unseres Landes in der Welt beschmutzt". Die Reichen in La Jolla wird es kaum stören, und die Armen in den Slums von Mexico City werden es nicht merken. _(Nach der Flucht, in Honolulu. )
[Grafiktext]
Schulden Schulden oder Überschüsse ohne Kapitalflucht Brasilien Mexiko Argentinien Venezuela Malaysia Nigeria Philippinen Nigeria Überschuß Schulden KAPITALFLUCHT TREIBT DIE SCHULDEN Verschuldung ausgewählter Länder gegenüber dem Ausland in Milliarden Dollar Quelle: Morgan Guaranty Trust Company
[GrafiktextEnde]
An der französischen Riviera, März 1986. Nach der Flucht, in Honolulu.

DER SPIEGEL 25/1986
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