16.06.1986

„Meine Liebesaffäre mit dem Volk geht weiter“

SPIEGEL-Reporter Olaf Ihlau über die Krise des indischen Premiers Radschiw Gandhi *
Jedesmal wenn Radschiw Gandhi die schützende Festung seines Bungalows an Neu-Delhis Race Course Road verläßt, tritt ein Sicherheitsapparat in Aktion, dessen Aufwand ohnegleichen ist. Masse muß da, wie so oft in Indien, mangelnde Effizienz ersetzen. "Unternimmt er auch nur einen Tagesausflug in die Provinz, bewegen sich gut 20000 Polizeibeamte", erklärt einer der Leibwächter des Premierministers.
Denn der ehemalige Berufspilot Radschiw, 41, seit 19 Monaten an der Spitze des Riesenreiches, ist wie seine ermordete Mutter Indira Hauptzielscheibe terroristischer Sikhs - erst recht nach dem erneuten Eindringen von Regierungssoldaten in das Heiligtum dieser Religionsgemeinschaft, den Bezirk um den Goldenen Tempel von Amritsar, vor sechs Wochen.
Im Wagentroß des Premiers rollt seit kurzem ein Klinomobil mit mehreren Litern seiner Blutgruppe (A Rh-negativ) mit. Der fahrbare OP-Raum stammt aus der Bundesrepublik. Dort wurde auch für rund eine Million Mark bei einem schwäbischen Unternehmen eine Karosserie aus Spezialstahl für Radschiws sandfarbene Ambassador-Limousine bestellt. Angeblich ist sie damit bombenfest.
Kein Freund, kein Botschafter, kein Minister kann zu diesem Regierungschef vordringen, ohne unzählige Kontrollschleusen zu durchlaufen. "Gaddafi zu treffen ist dagegen ein Kinderspiel", behauptet ein guter Bekannter des indischen Herrscherhauses, der Publizist Khuschwant Singh.
Zu jedem öffentlichen Auftritt muß der Nehru-Enkel eine Panzerweste anlegen. Meist trägt er sie verborgen unter seinem blütenweißen Kurta-Pyjama, gelegentlich aber auch demonstrativ offen.
Reisen Radschiw und seine scheue italienische Frau Sonia ins Ausland, werden Sohn Rahul, 16, und Tochter Prijanka, 14, nicht in Delhi zurückgelassen. Ein Sonderflugzeug bringt die Kinder zur Vorsicht in den abgelegenen Himalaja-Bergstaat Bhutan, in die Obhut des befreundeten "Drachenkönigs" Wangtschuck.
Im Haushalt und in der Nähe des indischen Premierministers sind heute keine Sikhs mehr beschäftigt - anders als bei Indira, welche die "virilen Tugenden" der Sikhs schätzte und dann von zwei bärtigen Turbanträgern ihrer Leibwache erschossen wurde.
Ohne Sikhs kommen auch die 2000 Kommandos des neu aufgestellten Korps der National Security Guard aus, die für Radschiws Schutz zuständig ist und Terroristen bekämpfen soll. In den schwarzen Uniformen dieser Elitetruppe, die von einem westeuropäischen Spezialisten trainiert wird, stecken vornehmlich Gurkha-Krieger.
Wer so lebt und regiert, der muß wohl einsam und mißtrauisch werden. Bestimmt hat dieser psychische Druck, der sicherheitsbedingte Zwang zur Isolation auch mit zum Entstehen einer Bunkermentalität beigetragen, die Radschiw Gandhi zu Fehleinschätzungen der indischen Realitäten verleitet.
Jedenfalls scheinen sich Pannen und Fehler nunmehr zu häufen. Plötzlich jubeln die Zeitungen in Delhi und Bombay nicht mehr über den Ende 1984 durch einen überzeugenden Wahlsieg bestätigten Heilsbringer. Sie geißeln vielmehr seine "Unreife" und "Unnahbarkeit".
Und inzwischen hat Radschiw nicht nur die Glaubensfanatiker der Sikhs gegen sich, sondern eine unheilige Allianz unterschiedlichster Interessen- und Bevölkerungsgruppen: durch Steuerrazzien verprellte Industrielle, vom Reformelan bedrohte Staatsbürokraten, abgehalfterte Parteifunktionäre, orthodoxe Moslems, ignorierte Intellektuelle sowie eine durch Radschiws Drang nach Westen höchst irritierte Sowjet-Lobby.
Der betagte Chefredakteur der "Times of India", Girilal Dschain, früher von Indira als Berater gepflegt, von Radschiw aber rüde vernachlässigt, konstatiert hämisch: "Das Bild des Wunderknaben zeigt Sprünge, der Glanz ist weg." Und der einflußreiche "Indian Express" urteilt: "Radschiw hat nicht
die gleichen empfindlichen politischen Antennen wie seine Mutter."
Das mag stimmen. Doch offenbar besitzt er andererseits auch nicht jene schroffe Arroganz, notfalls Ruchlosigkeit, mit der Nehrus Tochter 16 Jahre lang herrschte - dabei oft furchterregend wie die Rachegöttin Kali auftretend.
Indira war in ihrer Selbstherrlichkeit nicht einmal dazu bereit, einen Schreibfehler ihres Sekretariats zu korrigieren, das bei einer Kabinettsumbildung versehentlich den Abgang des falschen Ministers gemeldet hatte. Das richtigzustellen würde ihr als Wankelmut ausgelegt, wähnte sie. Der Mann mußte mit dem Versprechen einer späteren Wiederverwendung gehen.
Radschiw dagegen nahm unlängst seine Entscheidung, die Preise für Erdölprodukte drastisch zu erhöhen, innerhalb von 24 Stunden zurück, als er sah, daß er falsch beraten worden war und ein Aufruhr drohte. Doch Irrtümer einzugestehen gilt als Zeichen von Schwäche in der indischen Gesellschaft, in der sich nur Politiker mit wölfischem Durchsetzungsvermögen zu behaupten wissen.
Nein, ein Instinktpolitiker ist Radschiw, der 14 Jahre lang glücklich seine Jets für Indian Airlines steuerte, bis er sich nach dem Tode seines Bruders Sandschaj widerstrebend in die dynastische Pflicht nehmen ließ, ganz gewiß nicht. Und wohl auch kaum einer jener "charismatischen Führer", die innenpolitische Krisen schaffen und schüren, um dann selber als Retter auftreten zu können.
Aus seinem Abscheu vor der "Brut der Berufspolitiker, die sonst nichts gelernt haben", machte der Nehru-Enkel nie ein Hehl. Da hat er wohl zuviel mitbekommen von den im Hause seiner Mutter üblichen Intrigen und Schachereien.
Deren Kumpane, darunter einige der korruptesten Figuren und sinistren "powerbrokers", sind unterdessen von Radschiw weitgehend ausmanövriert worden. Kein Wunder, daß es in seiner Kongreßpartei gärt: Die Veteranen fühlen sich von dem politischen Novizen zur Seite geschoben und drohen mit einer "Revolte der Indira-Loyalisten". Bestärkt werden sie in ihrer Aufruhrstimmung durch anhaltende Rückschläge für die Regierungspartei bei Nachwahlen zum Unterhaus und einigen Länderparlamenten.
"Radschiw steht für den Generationswechsel in Indien. Jeder über 55 haßt ihn, zumal er auch keinerlei Respekt vor väterlichen Autoritäten zeigt", glaubt Delhis führender Sozialpsychologe Sudhir Kakar.
Als der Rechtsanwalt Jawaharlal Nehru im August 1947 als erster Premier an die Spitze des neuen, aus der britischen Kolonialbevormundung entlassenen Indiens trat, wurde Radschiw gerade drei Jahre alt. "Zwei Drittel der heute Lebenden haben, wie ich, keinerlei Erinnerung mehr an den Unabhängigkeitskampf", beschreibt der Nehru-Enkel den anders geprägten Erfahrungshintergrund seiner Generation. Für die sind auch die Blutbäder bei der Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan nicht erlebtes Trauma, sondern bloße Daten der Geschichtsbücher.
"Wir gehören zur Beatles-Generation", offenbart Arun Singh, einer der engsten Vertrauten Radschiws, die völlig anderen Stränge eines Lebensgefühls, das mit dem Indien Mahatma Gandhis und dem politischen Ethos der Kongreßpartei-Senioren schwerlich noch etwas gemein hat. Arun, 41, Sproß einer Fürstenfamilie, und Radschiw (Lieblingslied: Yellow Submarine) sind "buddies" seit den gemeinsamen Schultagen auf dem Elite-Internat in Dehra Dun und dem Studium in Cambridge.
Heute ist der Schulgefährte als Staatsminister im Verteidigungsministerium
oberster Waffeneinkäufer für den dritten Herrscher des Nehru-Clans, Indiens modernen Moguln. Aus Leuten wie diesem geschliffenen Arun Singh, der noch vor kurzem in Kalkutta mit Lackfarben handelte, besteht Radschiws kleiner Beraterstab: junge Unternehmer. Technokraten, alerte Macher; allesamt junger als 45, den oberen Kasten und reichen Häusern entstammend, westlich-marktwirtschaftlich orientiert, betont nationalistisch und säkular eingestellt, im Grunde apolitisch.
"Uns vereint, daß wir uns keiner Ideologie verpflichtet fühlen und mal was Neues ausprobieren wollen", formuliert Indiens beliebtester Filmstar, Amitabh Batschtschan, das Glaubensbrevier dieser Berater-Truppe. Der 43jährige, vom draufgängerischen Typ her mit Robert Redford vergleichbar, hat es unter Radschiw zum Parlamentsabgeordneten gebracht, ist ein Favorit Sonias und deren italienischer Großfamilie, die im Sicherheitskomplex am Race Course einen eigenen Bungalow bewohnt.
Verbannt vom Hof dieses Premiers sind jene sonderbaren Swamis und Heiligen in safranfarbenen Gewändern, die Indira Gandhi in den letzten Jahren ihrer Regentschaft zu umschwirren pflegten. Denn Nehrus Tochter, die sich der Welt gern als rationale, moderne Staatenlenkerin präsentierte, hatte auch eine dunkle, geheimnisvolle Seite: Sie glaubte zunehmend an Schicksalswinke aus der Konstellation der Gestirne, an spiritistische Einflüsterungen und hinduistische Opferrituale.
Zu besonderem Einfluß gelangte dabei ein dämonisch wirkender Guru mit bärtigem Löwenhaupt, Swami Dhirendra Brahmatschari, für viele "Delhis Rasputin".
"Am Ende war Indira auf einer Art Voodoo-Trip und tanzte um Totenköpfe", behauptet mit girrendem Schaudern Maneka Gandhi, die von Indira wegen eigener politischer Ambitionen seinerzeit aus dem Haus geworfene Schwiegertochter und Sandschaj-Witwe.
Von dem nüchternen Agnostiker Radschiw sind mystische Eskapaden kaum zu erwarten. Er hält sich keine Gurus und Swamis, hat den Brahmatschari davongejagt und wiederholt erklärt: "Es gibt in unserem Vielvölker- und Vielkulturenland alle Religionen, keine ist besser als die andere." Dabei verhehlt der mit einer Christin verheiratete Sohn einer Kaschmir-Brahmanin und eines Parsen auch keineswegs, daß er selber nicht betet. Ein kühnes Eingeständnis in einem Land wie Indien, das von religiöser Inbrunst vibriert.
Weltanschauliches interessiert diesen neuen Führer wenig. Statt Glaubenssätzen sind bei ihm Sachkenntnisse gefragt. Nichts Wolkiges, nichts Pompöses wabert in seinem Arbeitsstil, den rein funkionale Intelligenz und eine kalvinistisch anmutende Arbeitsethik anzutreiben scheinen.
Radschiw ist kein Kraftsprecher. Das Moderato seiner Reden spiegelt einen ausgeglichenen Gemütszustand wider, dem anarchische Aufwühlungen fremd sind. Die Zugehörigkeit zur Nehru-Dynastie gibt ihm aristokratisches Selbstbewußtsein, Beherrschung, eine ans Phlegmatische grenzende Ruhe.
Noch immer wirkt Radschiw gelegentlich wie ein in die Politik verirrter Parzival. Für einen "charmanten politischen Tölpel", für ein "Produkt der Medien" hält ihn die boshafte Schwägerin Maneka, 29, die sich in ihrem eigenen Konjunkturtief derzeit mit dem Aufbau eines Heimes für verlassene Tiere beschäftigt.
Natürlich kann dieser junge Premier noch nicht mit dem staatsmännischen Format und der philosophischen Eloquenz seines Großvaters Jawaharlal Nehru glänzen. Als Radschiw unlängst bei einer Pressekonferenz in London, unter dem Bildnis Mahatma Gandhis sitzend, um einen historischen Exkurs zur Südafrika-Problematik gebeten wurde, mißriet die Antwort zu peinlichem Gestammel. Aber Nehru war auch nicht 40, sondern bereits 58 Jahre alt gewesen, als er Regierungschef der zweitgrößten Nation der Erde wurde.
Radschiws musische Wißbegierde ist begrenzt. Statt Büchern liest er lieber Illustrierte und technische Gebrauchsanweisungen. Das Klicken von Kameraverschlüssen, das Einlegen von Videobändern, das Hantieren mit Sprechfunkgeräten - das ist, so ein Freund, "für ihn der Kick".
Bei seinem Amtsantritt wußte er nicht, daß ihm als politischem Erben seiner Mutter automatisch auch die Rolle des Sprechers der Blockfreien-Bewegung zugefallen war. Deren Vokabular, auch ein paar progressive Slogans, hat er sich unterdessen lustlos angeeignet.
Ähnlich unengagiert sind seine verschwommenen Bekenntnisse zum Sozialismus. Dieser Begriff taucht zwar bisweilen in Wirtschaftsresolutionen der Kongreßpartei noch auf. Aber anders als sein Großvater, den die sowjetischen Aufbauerfolge faszinierten, hat der dritte Nehru-Herrscher nie die marxistischen Klassiker und ihre Epigonen studiert.
Sein Sozialismus reduziert sich schlicht auf die Allerweltserkenntnis, "daß die Regierung etwas für die Armen tun muß". Dem Kreml-Chef Michail Gorbatschow hielt er flapsig vor, auch in der Sowjet-Union würden ja für gleiche Arbeitsleistungen unterschiedliche Löhne gezahlt.
Der Traum dieses schnörkellosen Premiers ist es, sein rückständiges Land mit einer "technologischen Revolution" in das 21. Jahrhundert zu katapultieren. Der Sozialpsychologe Sudhir Kakar glaubt, daß Radschiw durchaus "zum Inbegriff eines vorwärtsdrängenden, modernen Indien" werden kann, das jetzt schon eigene Satelliten ins Weltall
schießt und sich wohl bald als Nuklearmacht etablieren dürfte.
Für das Hindustan von heute indes sind nicht Atommeiler und Supercomputer, sondern noch immer Ochsenkarren und Holzpflug typisch. Knapp drei Viertel der 750 Millionen Inder leben auf dem Land, 37 Prozent vegetieren nach offiziellen Angaben unterhalb der Armutsgrenze - oft noch in mittelalterlichen Feudalverhältnissen und Schuldknechtschaft.
Hier, in den Dörfern zwischen den Schneegipfeln des Himalaja und den Palmenstränden von Kap Comorin, sei Indiens Seele zu Hause, hatte Mahatma Gandhi behauptet, der spirituelle Vater der Nation.
Indira suchte die Psyche dieses ländlichen Indien noch anzusprechen mit populistischen Wahlkampfparolen wie "Garibi hatao", bekämpft die Armut. Radschiw dagegen verkörpert ein anderes Lebensgefühl: das der urbanen Mittelschichten mit ihrer wirtschaftlichen Dynamik, Konsumlust und Vulgarität.
Vielleicht 90 Millionen, etwa zwölf Prozent der Bevölkerung, dürfen sich dieser neuen Elite zurechnen. Sie, die ökonomisch Starken der indischen Kasten- und Ausbeuter-Gesellschaft, gehören zu den Profiteuren einer liberalisierten Wirtschaftspolitik, der Kritiker immer häufiger soziale Gefühllosigkeit vorwerfen. Ein Einwand, den Radschiws Planungschef Manmohan Singh kühl zurückweist: "Unsere Priorität heißt Produktivitätssteigerung; dafür müssen wir denen, die dynamischer sind, Anreize geben."
"Hauptsorge dieser neuen Elite scheint es zu sein, ihr eigenes Leben komfortabler und effektiver zu gestalten", grollt dagegen Romesch Thapar, Herausgeber des Intellektuellenblatts "Seminar". Und "India Today", Delhis wichtigstes Nachrichtenmagazin, gelangt zu dem Schluß: "Erstmals in Indien baut ein Premier allein auf die Mittelklasse und setzt sich damit selber dem Risiko aus, als Gegner der Armen dazustehen."
Der Vorwurf, das Idol der Yuppies zu sein und den Aufstieg einer konsumsüchtigen Schicht zu fördern, "die sich einen Dreck um die Traditionen und Nöte Indiens schert" ("Times of India"), veranlaßte Radschiw jetzt zu Umschichtungen in seinem zweiten Staatshaushalt: Die Ausgaben für die Armenprogramme wurden um 65 Prozent erhöht.
Doch das sind kosmetische, keine programmatischen Veränderungen. Das Interesse der Radschiw-Berater an der Beseitigung der Armut wirkt gekünstelt, weil Armut für sie vornehmlich etwas Unästhetisches ist, etwas, das die Modernisierung behindert.
Überdies erreichen die staatlichen Armenprogramme selten die wahren Bedürftigen. Deswegen werden sich die sozialen Gegensätze weiter verschärfen und Indien, wie Sudhir Kakar befürchtet,
"zu einem sehr gewalttätigen Land machen".
Einen Staat mit solchen Problemen - noch dazu verschärft durch eine unkontrollierbare Bevölkerungsexplosion - lenken zu müssen kann kaum Vergnügen bereiten. Die Droge der Macht, die Radschiw Gandhi anfangs berauschte, scheint in ihrer Wirkung nachzulassen. Die frische Unbekümmertheit, mit der er seine Rolle als smarter Jungstar im politischen Weltkonzert zunächst genoß, hat sich verbraucht. Sein Haar ist schütter, der Bauch fülliger geworden.
Spuren der deprimierenden Erkenntnis, daß der Koloß Indien, an langsamen Wandel gewöhnt, zum "Quantensprung ins 21. Jahrhundert" (Radschiw) doch nicht zu bewegen sein wird? Haben die Staatsbürokraten, die Quertreiber in der Kongreßpartei es geschafft, seinen Reformeifer zu lähmen? Oder mangelt es ihm letztlich doch an Konzeptionskraft, an "der großartigen Vision eines Jawaharlal Nehru" ("India Today")?
Radschiw hat sich nie als Wunderdoktor für Indiens alten Leib begriffen, nicht nach dem Amt des Regierungschefs gegiert. Seine Freunde glauben zu wissen, daß ihn der Gedanke, irgendwann einmal das politische Cockpit wieder verlassen zu müssen, durchaus nicht beunruhige, eher wie eine Befreiung vorkomme.
Radschiws Hauptfehler war es wohl, zuviel zu schnell bewegen zu wollen, sich zu viele Herausforderungen gleichzeitig aufzubürden. Besonders augenfällig wird Radschiws Mangel an Erfahrung in seiner unsteten Politik gegenüber Pakistan, vor allem aber bei seinem konfusen Kurs bei der Sikh- und Pandschab-Frage, dem "schwarzen Loch" der indischen Innenpolitik.
Vorerst besteht wegen der satten Mandatsmehrheit der Regierungspartei und einer anämischen Opposition keine akute Gefahr für den Premier. Ohne eine Galionsfigur mit dem Namen Gandhi, das wissen seine Widersacher aus den Lehren früherer Parteispaltungen, werden Rebellen es nicht weit bringen bei Wahlen. Doch die Erosion seiner Autorität könnte sich beschleunigen, sollten ihm weitere Fehlgriffe unterlaufen.
Ermattung ist Radschiw anzumerken, Resignation indes noch keineswegs. Im harschen Stile seiner Mutter feuerte er jetzt einige prominente Nörgler aus der Partei, damit "eine Stahlhand zeigend", wie der englische "Economist" anerkennend befand.
Gut denkbar, daß der von der alten Parteigarde bedrängte Sohn auch verwirklichen wird, was Indira vergeblich erstrebt hatte: mit einer Verfassungsänderung ein starkes Präsidialsystem zu schaffen, das dem Amtsinhaber dann an Parlament, Parteien und mißgünstigen Medien vorbei mit plebiszitärer Massenunterstützung die Regentschaft ermöglicht.
Denn bei den Wählern wähnt Radschiw, der das populistische Talent Ronald Reagans bewundert, seine Zugkraft ungebrochen: "Meine Liebesaffäre mit der indischen Bevölkerung geht weiter."
Wer will, mag aus dem Wort "Affäre" auf ein betont unterkühltes Sendungsbewußtsein schließen. Indira Gandhi wäre solch ein Satz kaum über die Lippen gekommen. So redet einer, den der Gedanke nicht stört, aus der Politik auch wieder auszusteigen.
Von Olaf Ihlau

DER SPIEGEL 25/1986
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