16.06.1986

SRI LANKAGespaltenes Land

Bombenattentate in Colombo, Luftangriffe gegen tamilische Rebellen: Der Bürgerkrieg auf der tropischen Ferieninsel wird immer gnadenloser. *
Tschandrasiri, 14, ließ sich blitzschnell zu Boden fallen, als die Angreifer in Siripura nahe der Ostküste das Feuer auf zehn seiner Freunde und Verwandten eröffneten. Die Getroffenen sanken auf ihn herab und begruben ihn unter sich. Die Attentäter, tamilische Guerrilleros, töteten die verwundeten Singhalesen mit Kopfschüssen, den Jungen übersahen sie.
Sri Lankas Militärs schlugen in brutaler Vergeltung zurück: Wochen später machten singhalesische Sicherheitskräfte ganz in der Nähe von Siripura zehn Tamilen nieder, darunter auch ein fünfjähriges Mädchen.
Singhalesen trauern um Singhalesen, Tamilen trauern um Tamilen, Rache schwören beide Seiten. Ein Ende des Alptraums auf der Tropeninsel an der Südspitze Indiens ist nicht in Sicht.
Mit einer Militäroffensive gegen den tamilischen Norden des Landes, mit Kampfflugzeugen und Hubschraubern versuchten Regierungstruppen in den letzten Wochen, "die Terroristen zu verjagen", so ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.
Doch die singhalesischen Piloten trafen vorwiegend zivile Ziele: das Krankenhaus der tamilischen Provinzhauptstadt Dschaffna, den Busbahnhof und ein paar Läden. "Glücklicherweise wurden nur ein Patient und zwei Besucher verletzt", so ein Arzt nach dem Angriff auf das Hospital, "denn wir haben alle Patienten schnell unter die Betten in Deckung gebracht."
Mit Luftangriffen ist den Aufständischen kaum beizukommen. Sri Lankas Bodentruppen aber trauen sich nur selten aus ihren Garnisonen im Rebellengebiet heraus.
Rund 4000 Tote hat der Bürgerkrieg zwischen den überwiegend hinduistischen Tamilen und den buddhistischen Singhalesen in den letzten drei Jahren gefordert. Aus dem früheren Ceylon, einer Paradiesinsel auch für bundesdeutsche Touristen, ist ein gewalttätiges, gespaltenes Land geworden.
Schuld daran, behaupten die Singhalesen, seien die "Liberation Tiger of Tamil Eelam" (LTTE) und andere Rebellengruppen, die einen unabhängigen Tamilenstaat herbeibomben möchten. Die Spannungen zwischen den 2,8 Millionen Tamilen und den 11 Millionen Singhalesen reichen bis weit in die Kolonialzeit zurück, als England 1833 beide Völker, die 2000 Jahre lang in getrennten Reichen gelebt hatten, zwangsweise zur Kronkolonie Ceylon vereinte.
Nach der Unabhängigkeit Ceylons 1948 verloren die Tamilen Stück für Stück ihre Privilegien von Englands Gnaden. Die Singhalesen, in der Überzahl und nun an der Macht, hielten die besser ausgebildeten Tamilen weitgehend von Ämtern und Universitäten fern. Singhalesisch wurde Landessprache, die Tamilen fühlten sich als Analphabeten im eigenen Land.
Anfangs zeigte sich der alternde Präsident Junius Dschajawardene, 79, vor neun Jahren demokratisch gewählt, den Tamilen gegenüber noch versöhnlich. Doch Mitte 1983 eskalierte der Konflikt. "Tamil maro, tamil maro" (Tötet die Tamilen), schrie der singhalesische Mob in den Straßen von Colombo. Organisierte Menschenjagden kosteten Hunderte von Tamilen das Leben und machten Tausende obdachlos.
Seither hatte sich der Bürgerkrieg in den militärisch abgeriegelten Norden und Osten der Insel, die Hauptsiedlungsgebiete der Tamilen, verlagert. Die Bürger von Colombo, überwiegend singhalesischer Mittelstand, fühlten sich sicher. Die Front war weit weg.
Doch nun ist der Krieg in die Hauptstadt zurückgekehrt: *___Am 3. Mai explodierte eine Bombe an Bord einer ____vollbesetzten Air-Lan ka-Maschine aus London, die in Co ____lombo Zwischenstation auf dem Flug nach den Malediven ____machte. 22 Pas sagiere starben. *___Vier Tage später erschütterte eine Bombenexplosion das ____ehrwürdige Kolonialgebäude der Hauptpost in der ____Innenstadt. 14 Menschen starben, über 100 wurden ____verletzt. *___Vergangenen Mittwoch explodierten Zeitbomben in zwei ____überfüllten Bus sen bei Trincomali, mindestens 50 ____Personen starben.
Mehr als 1000 Stangen Plastiksprengstoff indischer Herkunft, so gab Polizeigeneralinspektor Cyral Herath bekannt, seien von den Tamilenrebellen nach Colombo geschmuggelt worden.
Vorletzte Woche gerieten die Hauptstädter vollends in Panik, als alle Schulen im Verwaltungsbezirk Colombo anonyme Bombendrohungen erhielten. Rund 200000 Schüler stürzten verängstigt nach Hause. Die Polizei nahm eine 13jährige Tamilenkämpferin und einen 46jährigen singhalesischen Ingenieur fest, die beide angeblich für die Telephondrohungen verantwortlich waren.
Die Tiger-Rebellen setzen zunehmend auch auf Wirtschaftssabotage. Seit sie androhten, den Tee, Sri Lankas Hauptexportartikel, zu vergiften, ist der Preis um ein Drittel zurückgegangen. Italien hat seine Teeimporte von der Insel gestoppt, die USA prüfen jede Ladung sorgfältig.
Auch der Tourismus ist seit 1983 um 40 Prozent zurückgegangen. Der Rassenkrieg hat die Europäer, die Sonne, Sand, tropische Früchte und allenfalls ein paar buddhistische Heiligtümer suchen, gründlich verschreckt.
Ein Bombenanschlag gegen eine japanisch-ceylonesische Zementfabrik Ende Mai machte die multinationalen Firmen, die viele Betriebe in der Freihandelszone von Colombo besitzen, nervös; von Finanzminister Ronald de Mel ließen sich die ausländischen Investoren besonderen Schutz zusagen.
Während die Wirtschaft kränkelt, wachsen die Militärausgaben. Das Verteidigungsbudget ist seit Dschajawardenes Amtsantritt um das Fünfzehnfache gestiegen und verschlingt mit 800 Millionen Mark ein Sechstel des Etats. Der Präsident kaufte 150 Panzerwagen in Südafrika, 21 amerikanische Kampfhubschrauber in Singapur, sechs Flugzeuge in Italien und bestellte 50 Patrouillenboote sowie 40000 Landminen. Zu Tausenden läßt die Regierung Soldaten in Pakistan ausbilden. Britische und israelische Geheimdienstexperten sollen die notorisch unzuverlässigen singhalesischen Kämpfer trainieren.
Daß die auf 40000 Mann verstärkte Armee so wenig gegen die rund 5000 Tamilenrebellen ausrichten konnte, liegt vor allem daran, daß die Separatisten "den riesigen Kontinent Indien im Rücken haben", wie Dschajawardene klagt. Über die Palk-Straße sind es nur 28 Kilometer bis zur Küste des südindischen Bundesstaats Tamil Nadu mit einer Bevölkerung, die den Sri-Lanka-Tamilen familiär und kulturell eng verbunden ist.
So pendeln Nacht für Nacht die Fischerboote der Tamilen-Tiger mit Waffennachschub zwischen Festland und Insel. Die Rebellen unterhalten Informationsbüros und Trainingscamps in Südindien. Doch dem armen indischen Bundesstaat fallen auch 125000 Tamilenflüchtlinge zur Last die hier eine oft noch erbärmlichere Existenz als auf Sri Lanka fristen. Deshalb ist das mächtige
Indien an einer friedlichen Lösung auf der Nachbarinsel, etwa einer Teilautonomie für die Tamilen, interessiert.
Fast sah es schon so aus, als ob Indiens Regierungschef Radschiw Gandhi das Kunststück fenigbringen könnte, Singhalesen und alle fünf tamilischen Rebellengruppen bei Friedensgesprächen im weit entfernten Bhutan auf einen Kompromiß einzuschwören.
Doch dann verschärften beide Seiten den Krieg. "Die Dinge fallen rasch auseinander", schreibt ein singhalesischer Journalist. Sri Lanka werde bald eine geteilte Insel, wie Dschajawardene voraussagt, "ein neues Zypern".
[Grafiktext]
INDIEN Sri-Lanka-Tamilen Tamilen indischer Herkunft Singhalesen SRI LANKA
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DER SPIEGEL 25/1986
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