16.06.1986

ENGLANDGoldene Horde

Die Polizei löst einen Hippie-Konvoi auf, die Regierung erwägt Gesetze gegen Vagabunden - eine wachsende Gruppe von umherziehenden Aussteigern beunruhigt das Land. *
Die "Operation Tagesanbruch" begann um 4.40 Uhr. Auf ein Signal stürmten 450 Polizisten das Lager auf dem ehemaligen Weltkrieg-II-Flughafen Stoney Cross in Südengland, in dem über 300 Hippies nächtigten. "Das Camp ist illegal", tönte es aus Lautsprechern, "räumen Sie sofort das Feld."
Schlaftrunken protestierten die Bewohner gegen den "Hausfriedensbruch", als die Beamten Zelte und Wohnwagen nach Drogen und Waffen durchsuchten. Da und dort kam es zu einem Handgemenge. Die Bobbies nahmen 38 Personen fest, Frauen kreischten, Kinder krähten: "Schweine raus".
Die Ordnungsübermacht beschlagnahmte 124 von 129 Hippie-Fahrzeugen - nur fünf Autos hatten gültige Zulassungspapiere oder hielten einer Vor-Ort-Prüfung auf Verkehrssicherheit stand. "Mit den Fahrzeugen nehmt ihr uns unsere Wohnungen", klagten die Hippies.
Das war ein Ziel der Razzia. Wenige Stunden nach ihrem Beginn meldete Polizei-Einsatzleiter John Duke Vollzug: "Der Hippie-Konvoi ist aufgelöst."
Das fahrende Volk war auf dem Weg nach Stonehenge. Dort, am mythenumwobenen Monument aus der Stein- und Bronzezeit, sollte wie jedes Jahr seit 1974 am 21. Juni die Sommersonnenwende mit einem Freiluft-Festival gefeiert werden.
Doch in diesem Jahr wurde die Fete verboten, die Polizei zog einen Sicherheitsring um Stonehenge, um die aus dem ganzen Land anreisenden Hippies rechtzeitig abzufangen.
Denn Premierministerin Margaret Thatcher, die gerade eine Sauberkeitskampagne für England proklamiert hat, nimmt Anstoß daran, daß durch Großbritannien eine wachsende Zahl von Menschen zieht, die ohne festen Wohnsitz sind und sich selbst "Travellers" (Reisende) nennen.
Diese Aussteiger kampieren in Gruppen auf Waldstücken, überwintern auf Campingplätzen und behindern den Verkehr mit ihren klapprigen, meist knallig bunt gestrichenen Fahrzeugen, darunter Doppeldeckerbusse und ausrangierte Bestattungsautos.
Die Travellers gibt es schon lange. Im Sonderlingen gegenüber traditionell aufgeschlossenen Britannien störten sich zunächst nur wenige Bürger an übriggebliebenen Blumenkindern aus den 60er Jahren. Doch seit die Arbeitslosigkeit steigt, Wohnungen teurer und die Städte unsicherer werden, erhalten die Vagabunden immer mehr Zulauf.
Ein altes Wohnmobil ist für wenige 100 Pfund zu bekommen, eine Gruppe von Gleichgesinnten gibt menschliche Wärme, ein kleiner Fahrzeugkonvoi gewährt eine gewisse Sicherheit. "Im Reihenhaus in der dreckigen Vorstadt", sagt der arbeitslose Werkzeugmacher Smed, 31, aus dem mittelenglischen Industriegebiet, "hätte ich mich längst aufgehängt."
Auf der Walz mit seiner Frau und vier kleinen Kindern in einem Uralt-Lieferwagen der Elektrizitätswerke (Anschaffungspreis bei einer Versteigerung: 50 Pfund) kassiert Smed das ihm zustehende Arbeitslosen- und Kindergeld, wo immer er sich gerade aufhält. Das ist unter dem umherziehenden Volk so üblich - und mit ein Hauptgrund für den wachsenden Unmut über die Hippies.
Politiker schimpfen sie "Schnorrer" und "Schmarotzer". Als Traveller einem kranken Farmer das Weideland zertrampelten, warnte das Massenblatt "The Sun" vor "Dschingis Khans Goldener Horde". Bauern in Südengland setzten Späher ein und verbarrikadierten Zufahrten zu ihren Höfen und Feldern "wie im Krieg, als die Leute eine deutsche Invasion erwarteten" (so der Bauernverbands-Funktionär Donald Wilkinson aus Dorset).
"Wenn die Regierung nicht sofort etwas unternimmt", warnte die konservative "Daily Mail" vor der wachsenden Hippie-Armee, "wird es einen Krieg geben." Da mußte sich dann auch London mit den Hippies beschäftigen, die Margaret Thatchers Innenminister Douglas Hurd mit "mittelalterlichen Briganten" vergleicht.
"Sie lehnen einerseits unsere Gesellschaft ab", ärgert sich Hurd, "andererseits leben sie auf Kosten eben dieser Gesellschaft." Seine Chefin übernahm den Vorsitz eines eigens gebildeten Kabinettskomitees. Im Parlament versprach Margaret Thatcher, die Hippie-Plage zu beseitigen: "Wenn wir dazu neue Gesetze benötigen, werden wir sie schaffen."
Die Regierung erwägt, das amerikanische "Workfare"-Modell zu kopieren - in einigen US-Bundesstaaten müssen Bürger ohne Job Arbeiten für die Gemeinschaft verrichten, etwa Bäume in Parks pflanzen, bevor sie Arbeitslosenunterstützung erhalten.
Zudem soll geprüft werden, ob die Gesetze über das Betreten von privatem Land verschärft werden können. Das freilich alarmierte die konservative Herrenreiter-Lobby, die fürchtet, daß neue Bestimmungen ihre Fuchsjagden behindern könnten.
Die Hippies ihrerseits bemühen sich, niemandem Schaden zuzufügen. "Der neuen Brut aus den Städten", sagt eine Veteranin, "bringen wir etwa bei, nur verdorrte Zweige und keine Zaunlatten fürs Feuer zu holen."
Ende letzter Woche strömten Hippie-Gruppen aus allen Landesteilen nach Glastonbury in Somerset. Dort hatte der Landbesitzer und Anhänger der Friedensbewegung, Michael Eavis, 50, seinen Grund und Boden für ein Ersatz-Festival zur Verfügung gestellt. Exzentriker und Philanthropen sind eben auch in Englands vermögender Klasse nicht ausgestorben.

DER SPIEGEL 25/1986
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