16.06.1986

BIO-KOSTMagisches Raunen

Mit dem Verkauf von Getreidemühlen und vegetarischer Körnerkost macht ein schwäbisches Unternehmen Millionen-Geschäfte. Ernährungswissenschaftler warnen vor der Bio-Diät. *
Die Ärzte im Krankenhaus empfahlen dem beinahe 70jährigen, schwer diabeteskranken Mann, das Bein amputieren zu lassen. Da packte der Patient sein Bündel und machte sich, so gut es ging, auf den Weg nach Hause.
Vom selben Tag an stellte er - auf Anraten seines Zahnarztes - die Ernährung um: Er ließ alles weg außer einem abenteuerlichen Cocktail aus "Getreide, angekeimten Leguminosen, Wurzelgemüsen und grünen Salaten". Nach drei Tagen, in denen er sich an Körnerkost und Grünzeug gelabt hatte, waren seine Beine so gut durchblutet, daß eine Amputation nicht mehr nötig schien. Die nässenden Geschwüre trockneten aus und bedeckten sich, nach und nach, mit Haut. Mit dem Kranken ging's bergauf.
Dr. Johann Georg Schnitzer, der Zahnarzt, der ihm den wunderwirkenden Tip gegeben hatte, wertete das als einen neuerlichen Erfolg der von ihm ersonnenen "Intensivkost". Denn dem Zahnheilkundigen aus St. Georgen im Schwarzwald gilt seine Ernährungslehre als Allheilmittel, tauglich gegen die vielfältigsten Gebresten.
Manchen, die sich der Körner- und Gemüsekost des Dr. med. dent. anvertrauten, gelang es nach Jahren, "wieder herzhaft in einen Apfel zu beißen"; andere meldeten, nicht minder überglücklich, "regelmäßigen und guten Stuhlgang". Über 400 verschiedene Leiden, von Hämorrhoiden bis zur Sehschwäche, vom einfachen Infekt bis zum lebensbedrohenden Organleiden, seien - so behauptet Schnitzer - durch seine Kost gelindert oder gar geheilt worden.
Inzwischen haben sich freilich auch Staatsanwälte um den selbsternannten Ernährungs-Propheten gekümmert. Sie witterten eine unerlaubte Allianz aus humanem Gesundheits- und schwäbischem Geschäftssinn, denn der Zahnarzt zog mit Getreidekost, dazugehörigen Körnermühlen und selbstverfaßten Aufklärungsschriften über die "zivilisierte Urnahrung" ein Millionengeschäft auf.
"Unter dem Deckmantel des 'Doktors'", so die Ermittler, habe der gelernte Zahnarzt für eine Reihe von Krankheiten regelrechte Heilversprechen gemacht und Lebensmittel angepriesen, als seien in ihnen sicher wirkende Arzneien verborgen. Dabei sei von der Schnitzerschen "Pseudo-Lehre" auch nicht das geringste "wissenschaftlich gesichert".
Diese Einschätzung bestätigte, in einem Gerichtsgutachten, der Wuppertaler Ernährungswissenschaftler Karl Jahnke: Als reine "Magie" wertet er die Körnerbotschaft aus St. Georgen; die Schnitzer-Fibeln strotzten geradezu vor "irreführenden Aussagen über Stoffwechselvorgänge, Entstehung, Ursachen und Pathophysiologie von Krankheiten", so der Professor - nur wer einem Ernährungswahn aufsitze, lasse sich vormachen, daß in den Körnern etwas anderes sitze als schlichte "chemische Substanzen".
Mehr noch: Professor Jahnke erhob gegen den Schnitzer-Kostplan (Hauptbestandteile: Getreide, Gemüse, Salate) ernste medizinische Bedenken: *___Der Eiweißgehalt der Schnitzer-"In tensivkost" ist, wie ____sich bei Analysen in Jahnkes Institut herausstellte, so ____niedrig, daß Jugendliche im Wachs tumsalter, Frauen ____während der Schwangerschaft und Leistungssport ler ____Schäden davontragen, wenn sie sich ausschließlich damit ____ernähren. *___Wegen des Mangels an Vitamin B-12 im Naturcocktail ____kann, wer sich darauf beschränkt, blutarm werden. *___Gefährdet sind Menschen, die unter der Addisonschen ____Krankheit leiden,
einer Unterfunktion der Nebennierenrinde - die kochsalzarme, vegetarische Schnitzer-Kost ist für sie lebensbedrohend. *___Ungünstig wirkt sich der niedrige Energiegehalt ____(täglich 1500 Kilo kalorien) der Intensivkost bei ____Patien ten aus, die unter Krankheiten wie Tuberkulose ____oder Krebs leiden.
Geradezu abenteuerlich lesen sich demgegenüber die Heilversprechen, die der Schwarzwald-Zahnarzt an die Befolgung seiner Diät-Vorschriften knüpft: *___Bluthochdruck, so behauptet er, sei durch die ____Ernährungsumstellung "in nerhalb von sechs bis acht ____Wochen" zu normalisieren. *___Knoten in der weiblichen Brust wür den durch ____"Eiweißüberschüsse" im Organismus hervorgerufen und ____konnten durch die Schnitzer-Nahrung "aufge löst" ____werden. *___Fehlgeburten würden durch falsche Ernährung ausgelöst - ____durch "lebendi ge Nahrung" seien sie zu verhindern. *___Krebskranke hätten "bes sere Lebenschancen", wenn sie ____ihre Eßgewohn heiten "unverzüglich" um stellten und ____sich zudem in "biomedizinische Behand lung" zum ____Heilpraktiker begäben. *___Nierenkranken bleibe mit der Intensivkost selbst dann ____noch Hoffnung auf Normalisierung, "wenn Nierenversagen ____kurz be vorsteht und bereits der Anschluß an eine ____künstli che Niere als lebensretten de Maßnahme erwogen ____wird".
Nach Angaben Schnitzers haben schon "300000 Familien" seine Ernährungsbotschaft gehört und ihren Speisezettel umgekrempelt. Auch einige tausend Ärzte und Heilpraktiker verwenden die Intensivkost angeblich als "Basistherapie für ihre Patienten" - eine Blüte mehr im Angebot der neuen irrationalen Medizin.
Begonnen hatte der Körner-Guru, der seinen Doktortitel mit einer Arbeit über "Zahnreinigungsmittel" erwarb, den Ausflug in die Welt des grobgemahlenen Getreides mit einer Neudeutung der Evolution.
Dem Dr. med. dent., der nicht nur "in zweiter Generation Löcher bohren" wollte, war beim Gebiß-Studium die Idee gekommen, der Mensch müsse sich über weite Strecken seiner biologischen Entwicklung von Samen, Wurzelknollen und Blattschößlingen ernährt haben. Schnitzer: "Wären wir Allesfresser, müßten wir lange, kräftige Eckzähne haben wie Graf Dracula."
Die ersten Schritte zur überfälligen Ernährungsreform hatte Schnitzer mit einem "Großversuch" im Schwarzwaldort Mönchweiler in den 60er Jahren gemacht. Karies und gleich auch Parodontose, behauptete er, seien mit gesunder Ernährung zu besiegen. Mönchweiler Schulkindern wurden deshalb für die Dauer des Experiments Zucker und Süßigkeiten entzogen. Doch zehn Jahre nach Beginn der Kampagne war es um die Zahnreihen des Mönchweiler Nachwuchses nicht besser bestellt als bei Schulkindern anderswo. Das Experiment nahm, wie die "Zahnärztlichen Mitteilungen" kommentierten, ein "ruhmloses Ende".
Fortan raunte der Schwarzwälder Zahndoktor in seinen Schriften um so vernehmlicher von den "Urkräften", die angeblich in den Getreidekörnern schlummern; er pries die "Wohlausgewogenheit ihrer Inhaltsstoffe" und wies nach, daß alle geschichtlichen Hochkulturen sozusagen aus der Körnerkost hervorgesprossen seien.
Wer dagegen seine Nahrung in "toter, hitzedenaturierter" Form zu sich nehme, der verliere, so Schnitzer, "mehr und mehr an Vitalität" und werde "chronisch krank"; "Erblinden, Nierenversagen, Sensibilitätsverlust, Impotenz, Zahnverlust, Arteriosklerose und Herzinfarkt" drohten dem Unglücklichen - kurzum: wer den Ruf zur Rohkost überhöre, sei bald reif zum Sterben.
Zur Vermarktung seiner Ideen baute der Zahnarzt eine gut funktionierende Verkaufsorganisation auf. Der Umsatz des Ende der 60er Jahre gegründeten Unternehmens erreichte 1982, mit rund 60 Angestellten, annähernd acht Millionen Mark. Einige hundert Ärzte und Heilpraktiker unterstützten die Kundenwerbung, indem sie Werbebroschüren und Bestellzettel für das "Schnitzer-System" in Ihren Wartezimmern auslegten - gegen zehn Prozent Provision.
Über die Hälfte des Umsatzes erzielte der Zahnarzt, weil er seinen Anhängern neben der "Urnahrung" und zahllosen Anleitungsbroschüren auch noch die nötigen Getreidemühlen verkaufte. Das zweitgrößte Modell (Herstellungspreis: knapp 300 Mark) kostet die Körner-Gläubigen 598 Mark. Die zentrale Ernährungsfibel ("Schnitzer-Intensivkost - Schnitzer-Normalkost") können Besteller für 39,50 Mark ankreuzen.
Rund 600 Schnitzer-Vertragsbäcker haben sich auf Verpackungstüten und in ihrer Werbung verpflichtet, bei der Herstellung von Vollkorn-Gebäck "ausschließlich keimfähiges, schonend und mahlfertig gereinigtes Schnitzer-Vollgetreide aus naturgemäßem Anbau" zu verwenden.
Doch beides ist ungewiß: Weder handelt es sich um biologisch angebautes Getreide, noch ist auszuschließen, daß der Teig gelegentlich mit Nicht-Schnitzer-Getreide gestreckt wird. Denn die Schnitzer-Körner sind, wie sich 1984 der Arbeitskreis der Schnitzer-Bäcker bei der Firma in St. Georgen beschwerte, um rund ein Drittel teurer als Getreide von "anerkannten Bio-Anbietern". Eine "hundertprozentige Absicherung" gegen das Einschmuggeln von Fremdgetreide, so ein Schnitzer-Sprecher, gebe es nicht.
Inzwischen steht der Zahnarzt nur noch als "Wissenschaftlicher Direktor" einem zur Firma gehörenden Institut vor. 1984 verkaufte Schnitzer seinen Laden an einen Offenburger Unternehmer. Im Frühjahr wurde - gegen Zahlung einer Geldbuße von 10000 Mark - ein seit 1981 gegen Schnitzer laufendes Verfahren ("unlautere Werbung im Zusammenhang mit Lebensmitteln") eingestellt. Doch der Protest seriöser Wissenschaftler gegen die "Schnitzer-Philosophie" hält an.
Die für den Mühlenabsatz notwendige Behauptung, nur frischgemahlenes Getreide enthalte alle "kostbaren Vitalstoffe", wurde von der Detmolder Bundesforschungsanstalt für Getreide- und Kartoffelverarbeitung widerlegt: "Bis zu vier Wochen", und nicht nur wenige Minuten, wie Schnitzer behauptet, könnten Vollkornschrote "ohne meßbare Vitaminverluste und Beeinträchtigungen in der sensorischen Qualität" gelagert werden, so der Befund.
Zu einem ernüchternden Urteil über die "Gesundkost" war auch der Bundesernährungsbericht 1984 gelangt. Fazit: Die von Schnitzer geforderte Nahrungsumstellung sei "weder erforderlich noch zu empfehlen". Auch Diabetiker könnten durch die Intensivkost nicht "geheilt" werden, allenfalls sei ihre Krankheit in ein "latentes Stadium" zurückzudrängen
- wie durch jede andere Schlankheitsdiät auch.
Schnitzer reagiert auf solche Anwürfe mit vertrauenschaffenden Hinweisen. Er stehe, teilte er der Kundschaft beispielsweise mit, "im Erfahrungsaustausch mit Krebsforschungsinstituten und einzelnen Krebsforschern im In- und Ausland".
Die Quelle für seine Informationen über den amerikanischen Forschungszweig enthüllte er leichtsinnigerweise gleich mit - "Reader's Digest", das Leichtleseblättchen, dem auch US-Präsident Reagan gelegentlich Einsichten verdankt.

DER SPIEGEL 25/1986
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