16.06.1986

TSCHERNOBYLVertrauen bei Null

Reaktorexperten erörterten in Karlsruhe westliche Sicherheitsforschung und die Katastrophe von Tschernobyl. Ein Super-GAU, so die erwartbare Analyse, sei in deutschen Reaktoren auszuschließen. *
Was genau um 1.23 Uhr am Morgen des 26. April geschah? Da seien westliche Experten, bekannte Hans-Henning Hennies, "auf Spekulationen angewiesen". Dennoch: Auch ohne präzise Daten aus der Sowjet-Union sei der Super-GAU von Tschernobyl "einigermaßen gut zu beschreiben".
"Erhebliche Teile des Kerns", erläuterte der Wissenschaftler des Kernforschungszentrums Karlsruhe, seien wohl "aufgeschmolzen". Auch seien "wesentliche Anteile von Jod und Cäsium" aus dem brodelnden Uranbrei entwichen. Ein fatales Unglück - doch "Anlaß für neue Untersuchungen und Experimente" zur Reaktorsicherheit, so Hennies, gebe Tschernobyl nicht.
Das war, am Dienstag und Mittwoch letzter Woche, die zentrale Botschaft beim "Abschlußkolloquium des Projektes Nukleare Sicherheit" im Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK). 330 Wissenschaftler und Reaktorexperten aus zwölf Ländern, TÜV-Ingenieure, Vertreter westdeutscher Reaktorbetreiber und Herstellerfirmen hatten sich eingefunden, um über das Ergebnis 15jähriger KfK-Forschung zu diskutieren - die Themen: Kernnotkühlung, Reaktorsicherheitsbehälter, Brennelementverhalten unter Störfallbedingungen, schwere Kernschäden und die Kernschmelze von Tschernobyl.
Am selben Tag, als die amerikanische Reporterin Celestine Bohlen aus der Millionenstadt Kiew, 130 Kilometer südlich von Tschernobyl, von einer "seltsamen Stille" berichtete, weil "nahezu alle Kinder" die Stadt verlassen hätten; als die Stadtreinigung der ukrainischen Metropole die Bürgersteige auch noch sieben Wochen nach dem Reaktor-Unfall dreimal täglich abspülte, Wagenbesitzer ihre Karossen reinigten und Hausmeister Gebäude bis zum zweiten Stockwerk abspritzten, um "unseren Feind, den Staub" zu bekämpfen - am selben Tag erklärte KfK-Vorstandsmitglied Hennies die Tschernobyl-Katastrophe zum Ost-GAU.
Selbst bei einem "vergleichbar schweren Störfall in deutschen Reaktoren", so rühmte Hennies den überlegenen westdeutschen Sicherheitsstandard, würde die "Strahlenbelastung auf das Reaktorgebäude beschränkt bleiben" - allenfalls eine "kaum nennenswerte Strahlenbelastung würde die unmittelbare Umgebung" treffen.
Noch vier Wochen vor der Tschernobyl-Katastrophe hatten westdeutsche Stromerzeuger in ihrer Kundenzeitschrift "miteinander" zu berichten gewußt, daß "östliche Kernkraftwerke inzwischen hinsichtlich der Sicherheit den westlichen nicht nachstehen". Nun, nach Tschernobyl, sieht das plötzlich ganz anders aus. "Grundlegend verschieden", verkündeten KfK-Experten, sei der Unglücksreaktor von deutschen Anlagen: *___"Bremsstäbe", die das atomare Feu er im Atommeiler ____ersticken können, wurden in Tschernobyl nicht von oben, ____wie hierzulande üblich, son dern von unten in den Kern ____gescho ben - wenn Stromversorgung und ____Notstrom-Aggregate versagen, kön nen die Bremsstäbe ____nicht selbsttätig in den Kern fallen; das Atomfeuer ____lodert weiter. *___In westlichen Reaktoren wird die Kettenreaktion mit ____Wasser kontrol liert, in Reaktoren vom Tschernobyl Typ ____dagegen mit Graphit; bei Kühlwasserverlust schaltet ein ____solcher Reaktor nicht sogleich ab, sondern das Graphit ____heizt die atomare Kettenreaktion noch weiter an. *___Schließlich fehlte dem Unglücksreak tor ein ____Sicherheitsbehälter nach deut schem Standard; eine ____solche Kuppel aus druckfestem Stahlbeton hätte den ____tödlichen radioaktiven Auswurf zu rückhalten können.
Entblößt von wesentlichen Sicherheitsbarrieren, so das Unglücks-Szenario des Kernforschungszentrums, mündete eine gleichsam beherrschbare Kettenreaktion in die Katastrophe.
Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als in der Nacht zum 26. April eine "Reaktivitätsexplosion" die Reaktorleistung im Block IV jäh hochpeitschte: In kaum mehr als zehn Sekunden raste der Meiler aus bislang offenbar auch den Sowjets noch unbekannten Gründen von etwa sieben Prozent seiner 1000-Megawatt-Leistung auf weit über 100 Prozent. Die Notkühlung widerstand dem Hitzeschwall vermutlich nur kurz - Wasser in den Kühlkanälen verdampfte. ein Teil der Brennstäbe lag trocken und erhitzte sich bis zur Schmelze.
In einer folgenschweren chemischen Reaktion verband sich das heiße Zirkonium-Metall der Brennelementrohre mit Wasser; dabei wurde Wasserstoff frei; eine gewaltige Luft-Wasserstoff-Explosion fetzte das Dach vom Reaktorgebäude. Wie ein Blasebalg entfachte ein Schwall von Luft Feuer im Graphitblock des Reaktors.
Schwaden radioaktiver Substanzen trieben aus dem gigantischen Kohlenstoff-Meiler in die Atmosphäre. Wieviel
von den 180 Tonnen Reaktor-Uran als brodelnde, blubbernde, 2400 Grad heiße Schmelze in die Betonkaverne unter dem brennenden Reaktorblock stürzte - ob es das gesamte Inventar war oder "zumindest erhebliche Teile" davon (KfK) -, ist unbekannt.
Ungeklärt blieb bislang auch, ob nun ein "Schmelzsee" die etwa 400 Quadratmeter große Betonwanne bis zu einer Höhe von etwa 15 Zentimetern füllte, oder ob der tödliche Brei auf dem Wannenboden Klumpen bildete.
Doch wie sich die Uranschmelze, mutmaßlich, in den Beton fraß, darüber vermag in der Welt kaum eine Institution so sachkundig zu urteilen wie das Kernforschungszentrum. Über Jahre simulierten KfK-Ingenieure Kernschmelzen im Computer. 1984 und 1985 probten die Forscher den "Kernschmelzenunfall" dann im heißen Experiment: Metallschmelzen von über 300 Kilogramm Masse fraßen sich in "typischen Standardbeton" deutscher Atommeiler.
Ergebnis: Kommt es in einem "deutschen Standard-Druckwasserreaktor" zum Schmelz-GAU, dann ergießen sich 187 Tonnen Metall- und Uranbrei in eine Betongrube unter dem Reaktorkern. Innerhalb von knapp 17 Minuten frißt sich der brodelnde Brei durch "mehr als einen Meter Beton".
Danach nagt die Schmelze langsamer, aber wohl doch unaufhaltsam am Fundament. Versuche, die atomare Lava durch einflutendes Wasser zu kühlen, verheißen nach Ansicht der Karlsruher kaum Erfolg. Fehle ein "ausreichender konvektiver Mechanismus" - soll heißen: wird die gewaltige Schmelzwärme nicht durch Grundwasser abgeführt -, "durchdringt die Schmelze die Fundamentplatte und tritt in den Untergrund ein".
Daß sich der Schmelz-GAU nicht zum Super-GAU auswächst - diese KfK-Hoffnung stützt sich auf den Sicherheitsbehälter der Bundes-Reaktoren. Vier bis fünf Tage lang, so die Karlsruher Kalkulationen, steige nach der Kernschmelze der Druck im Reaktor beständig an - solange halte die Stahlbetonkuppel das giftige Dampfgebräu zurück. Berste die Druckhülle dann schließlich doch - nicht wie ein platzender Ballon, sondern wie ein überstrapazierter Dampfkessel -, so hätten sich die übelsten radioaktiven Gifte schon weitgehend im Gebäude niedergeschlagen.
Der Glaube freilich, daß damit das Umfeld deutscher Atommeiler bei einem Schmelz-GAU vor dem Schlimmsten bewahrt bleibe, hat nach der Tschernobyl-Katastrophe selbst bei altgedienten Reaktorexperten gelitten.
"Früher", so umschrieb ein Industrie-Ingenieur und ehemaliger KfK-Forscher die Stimmung der Kollegen, "haben uns wenige gemocht, doch immerhin als Experten getraut." Heute dagegen seien "Ansehen und Vertrauen bei Null".

DER SPIEGEL 25/1986
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