16.06.1986

Der goldene Apfel der ewigen Sehnsucht

Martin Lüdke über Milan Kunderas „Buch der lächerlichen Liebe“ Lüdke, 43, lebt als freier Publizist in Frankfurt. *
Als vor einigen Jahren der Münchener Hanser Verlag, für sehr viel Geld übrigens, die Rechte des Romans "Der Name der Rose" von Umberto Eco erworben hatte, munkelten die Auguren und prophezeiten, mit guten Gründen, einen riesigen Reinfall. Sie irrten.
Als der gleiche Hanser Verlag vor zwei Jahren die deutsche Übersetzung von Milan Kunderas ebenso schwierig/ vertracktem wie großartigem Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" angekündigt hatte, war man sich in der Branche wiederum einig: das kann nicht gutgehen. Alle Versuche, Kundera, den Tschechen, der seit 1975 in Frankreich lebt, bei uns durchzusetzen, waren bis dahin gescheitert. Selbst das "Buch vom Lachen und vom Vergessen" (Suhrkamp Verlag, 1980), einer der schönsten Romane des letzten Jahrzehnts, leicht lesbar dazu, von der Kritik regelrecht bejubelt, ist im Buchhandel ein Flop geworden. Kundera ist ein Geheimtip geblieben, ein Ladenhüter.
Dann aber hat sich, aus unerklärlichen Gründen, alles geändert. "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", diese höchst komplexe Komposition aus philosophischem Traktat und Liebesroman, politischem Essay und moralischem Diskurs, kurz gesagt: dieses schöne, aber schwierige Buch liegt mittlerweile bereits in der achten Auflage vor. Kundera hat, zum Glück (für uns), seine Leser auch hierzulande gefunden, wie zuvor schon in Frankreich, den USA, und einst, bis der Prager Frühling verblühte, auch in der Tschechoslowakei.
Der Erfolg sei, meinte Flaubert, eine Folgeerscheinung, und entsprechend können wir jetzt die Folgen von Kunderas spätem deutschen Erfolg betrachten, nämlich: seine frühen, zwischen 1960 und 1968 entstandenen Erzählungen, die in dem "Buch der lächerlichen Liebe" zusammengefaßt sind.
Fingerübungen gewissermaßen, doch auf höchstem Niveau. Ein perfekter Erzähler, so virtuos wie souverän, auf der Suche nach seinem Stoff. Wunderbare Kompositionen, sonderbare Mißgriffe. Mir kam es zuweilen vor, als spiele Glenn Gould mal Bach, mal Udo Jürgens, und zwar mit der gleichen (bekannten) Perfektion: Sieben Erzählungen, sieben Variationen eines Motivs: der lächerlichen Liebe. Sieben komische, tragische, im Grunde ganz alltägliche Gestalten, die glauben, daß sie handeln, dabei aber zum Opfer der Handlung werden, die sie ausgelöst haben. Ein Beispiel:
Als Eduard, kein Baron im besten Mannesalter, sondern nur ein junger tschechischer Lehrer am Beginn seiner gleich wieder gefährdeten schulischen Laufbahn, im Wochenendhäuschen seines Bruders und damit am Ziel seiner für lange Wochen aufgeschobenen privaten Wünsche angekommen, das Licht gelöscht und auch noch die Fensterläden verschlossen hatte, Alice, seine Freundin, gottgläubig/prüde, nun endlich und erstmals bereit war, sich auszuziehen - da "hatte er seltsamerweise überhaupt nicht das Gefühl, daß es sich um etwas so Bedeutungsvolles handelte, wie die Zeitspanne des Wartens hatte vermuten lassen".
Jetzt, nachdem er endlich erreicht hatte, worum er sich so lange und so listig wie zielstrebig bemüht hatte, kippt noch "während des Liebesaktes" seine Geschichte um. Nicht etwa, weil er zu lange hatte warten müssen, im Gegenteil: "Es verdroß ihn, wie leicht und sorglos sie jetzt ihren Antibeischlafgott verriet, zu dem sie sich früher so fanatisch bekannt hatte; es verdroß ihn, daß nichts sie aus ihrem Gleichgewicht werfen konnte", und anstatt dankbar zu sein, empfand er "Rachegefühle und Zorn". Er wurde sich bewußt, "daß er überhaupt keine Freude verspürte"; er stellte fest, während sie, angekuschelt, neben ihm schlief, "daß er sie verschwommen sah". Verschwommen?
Hier, wie so oft in diesen Geschichten schaltet sich plötzlich der Erzähler ein: verschwommen? "Verweilen wir etwas bei diesem Wort: Alice, wie Eduard sie bisher gesehen hatte, war bei all ihrer Naivität ein klar umrissenes Wesen: die schöne Einfachheit ihres Äußeren schien ganz der Einfachheit ihres Glaubens zu entsprechen, und ihr bescheidenes Schicksal schien die Begründung für ihre Haltung zu sein. Eduard hatte sie bis jetzt als geschlossenes und kohärentes Wesen gesehen; er mochte über sie lachen, sie verfluchen und zu überlisten versuchen, aber er mußte sie (wider Willen) respektieren. Nun aber hatte die unvorsätzliche Falle einer falschen Nachricht die Geschlossenheit ihres Wesens aufgebrochen, und es schien Eduard, als hätten ihre Ansichten nur an ihrem Schicksal geklebt... er sah sie als zufällige Verbindung von Körper, Gedanken und Biographie."
Er sah sie, noch einmal, bei Licht, am nächsten Morgen, nackt. Ihr Körper gefiel ihm nach wie vor. Aber: es war, wie man hier schlicht zu sagen pflegt, aus. Das spielerische Opfer, das er ihr samt ihrem Antibeischlafgott gebracht hatte, forderte jetzt seinen realen Preis.
Es war nämlich damals in der Tschechoslowakei mutig, wenn nicht tollkühn für einen jungen Lehrer, sich offen zum Glauben zu bekennen, mit Kirchenbesuch und allem Drum und Dran. Zumal in einer Kleinstadt konnte das nicht lange verborgen bleiben. So hatte Eduard nicht nur Alice seinen Glauben vorspielen, sondern, bald darauf, einer Untersuchungskommission Rechenschaft ablegen müssen. In listiger Offenheit hat er sich zu seinem vermeintlichen Fehler bekannt (die Wahrheit hätte ihm ohnehin niemand geglaubt). Er hat sogar die Partei, hier in Gestalt einer wenig attraktiven, dafür brünstigen Schuldirektorin, um Hilfe gebeten, weil ja der Glaube bekanntlich vernünftigen Argumenten unzugänglich bleibt. In einer Zeit, in der das opportunistische Verhalten als allgemein akzeptierte Notwendigkeit galt, mußte sein Bekenntnis als blanker Heroismus erscheinen. Blitzschnell hatte es sich in der ganzen Stadt herumgesprochen, und Alice, stolz auf ihren Helden, war - für Eduard zu schnell - zu jeder Konzession bereit.
"Eduard und Gott", die letzten dieser sieben aufeinander bezogenen und
miteinander korrespondierenden Erzählungen, wohl auch die beste, läßt es verständlich erscheinen, daß Kundera mit diesen Geschichten in der Tschechoslowakei nicht nur bekannt, sondern geradezu berühmt geworden ist. Die List, mit der Eduard agiert, wird von Kundera noch potenziert und zum Konstruktionsprinzip der Erzählungen gemacht.
Sie sind bis ins letzte Detail hinein durchgearbeitet, auch wenn in einigen Teilen die Diskrepanz zwischen dem läppischen Stoff und seiner kunstvollen Präsentation besonders augenfällig wird. Der Erzähler hält alle Fäden in seiner Hand: argumentiert überraschende Wendungen, baut zügig Spannungsbögen auf und ab, meldet sich, nach alter Manier, gelegentlich selbst zu Wort, erklärend oder zusammenfassend, deutend auch, um dem Gang der Dinge die Erfahrungen, die ihm eingeschrieben sind, abzulesen. "Der Mensch", so heißt es dann, "durchschreitet die Gegenwart mit verbundenen Augen. Er darf nur ahnen und raten, was er eigentlich erlebt. Erst später wird ihm die Binde abgenommen, und wenn er dann auf die Vergangenheit zurückschaut, stellt er fest, was er wirklich erlebt und welche Bedeutung das Erlebte gehabt hat."
Kundera versteht es, unauffällig, ganz nebenbei, hinter persönlichsten Empfindungen einen politischen Sprengsatz zu verstecken. Ein Assistent am Kunsthistorischen Institut der Universität Prag begreift plötzlich, daß er sich Illusionen gemacht hat. Und der (tschechische) Leser begreift, daß hier zugleich die Geschichtsauffassung des "Diamat" durch den Kakao gezogen wird.
Banale Anlässe, enorme Folgen. Das Klima vor dem Prager Frühling (das sich nur wenig von dem Klima nach dem Prager Frühling unterscheidet) wird, in Nebensätzen, spürbar. Es sind, gewiß, Liebesgeschichten, Variationen des einen Motivs, das Kundera in allen seinen Büchern verfolgt, anschaulich und heiter, melancholisch und grotesk. Aber es sind - im Ansatz - auch schon philosophische Erzählungen, der Akzent liegt freilich auf der Erzählung, denn die Reflexion ist zur Geschichte geworden, nur in den Brüchen und Wendungen, der Konstruktion sichtbar.
"Das Buch der lächerlichen Liebe" spielt aber ebenso mit der Melancholie der Schönheit. Es läßt jene Wehmut anklingen, in der die Hoffnungen einer Jugend enttäuscht, doch (noch) nicht geschwunden sind. Dieses Buch gleicht, mit Verlaub, einem "Apfel". "Erlauben Sie mir", bittet uns der Erzähler, "diesen Apfel mit einer gewissen Feierlichkeit den goldenen Apfel der ewigen Sehnsucht zu nennen."
Dieser Apfel hat, nüchtern betrachtet, den einzigartigen Vorzug, daß er mehrmals verzehrt werden kann.
Von Martin Lüdke

DER SPIEGEL 25/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der goldene Apfel der ewigen Sehnsucht

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling