16.06.1986

BÜCHERKeineswegs koscher

Mit seinem ersten Roman, „Nächstes Jahr in Jerusalem“, errang der 63jährige Andre Kaminski einen überraschenden Bestseller-Erfolg. *
Wo immer er in der Bundesrepublik auftritt, sieht der Schriftsteller sich "von gütigen Menschen umringt". Wie sie ihm zuhören, wenn er aus seinem Buch vorliest, und wie sie mit ihm darüber diskutieren, findet er "beispiellos". Noch ist seine Lese-Tournee durch das Land, das ihm bisher "exotisch" fremd war, nicht zu Ende, aber schon jetzt nennt er sie "eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens".
Der glückliche Autor ist Andre Kaminski, Jude und Schweizer. Das Werk, mit dem er so viel Glück hat, heißt "Nächstes Jahr in Jerusalem". Es ist der erste Roman des 63jährigen und ein wenn nicht beispielloser, so doch erstaunlicher Erfolg: Nachdem es in der Schweiz rasch reüssierte, strebt das Buch nun auch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste nach oben. _(Andre Kaminski: "Nächstes Jahr in ) _(Jerusalem". Insel Verlag, Frankfurt am ) _(Main; 392 Seiten; 38 Mark. )
Kaminski erzählt darin die Geschichte seiner jüdisch-polnischen Vorfahren. Daß er sie, allen Diskriminierungs- und Unterdrückungsnöten zum Trotz, als Schelmenroman und Boulevardkomödie erzählt, ist wohl einer der Gründe für ihren Bestseller-Erfolg. Was zum Lachen lesen die Deutschen notorisch gern, und mit Juden über Juden lachen zu können ist ihnen ein spezielles Vergnügen.
"Augenzwinkernd" nennt der Insel-Verlag Kaminskis Buch. Und so geht es auch gleich los. Der Autor zitiert (erfindet) den Grabstein-Sinnspruch eines seiner Ahnen, des Rabbi Schloime Rosenbach: "Wahrheit ist das wertvollste aller Güter und soll gehandhabt werden mit Sparsamkeit und Zurückhaltung." Nach dieser Maxime zwinkert, flunkert und fabuliert er die Lebenswege der Kaminskis aus Warschau und der Rosenbachs aus Stanislau zusammen - eine kurzweilige Schnurren- und Pointen-Revue vor historischem Hintergrund von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs.
Jankl Kaminski, der Textilfabrikant, der sich beinahe für eine Theater-Diva ruiniert; Leo Rosenbach, kleinwüchsiger Ex-Hofphotograph des Bayernkönigs Ludwig II.; die schöne Jana, die ihren Leo mit dessen Bruder Henner betrügt, der Schlemihl Henner, der immerzu die Farbphotographie zu erfinden versucht; Jankls elf Söhne, die unterm Zaren als rote Revoluzzer nach Sibirien verbannt werden, nach Amerika entkommen und dort als erste jüdisch-sozialistische Fußballmannschaft Triumphe feiern - sie alle sind eine unentwegt komische "meschuggene Mischpoche".
Die beiden jüdischen Sippen, beide nicht streng religiös ("Zum auserwählten Volk gehören wir rein zufällig"), vermischen sich schließlich, als der gewitzte Jankl-Sohn Henryk die feurige Leo-Tochter Malwa nimmt - Andre Kaminskis Eltern. Der Roman endet mit der (um vier Jahre auf 1919 vorverlegten) Geburt seines Autors im Schweizer Exil.
Andre Kaminski, dem sein Vater angeblich die Vornamen Wladimir Iljitsch geben wollte, kam 1923 in Genf zur Welt. Schweizer Staatsbürger ist er erst seit einem Jahrzehnt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte er, damals überzeugter Kommunist, ins Land seiner Vorfahren, nach Polen. Der Schriftsteller und Journalist arbeitete beim polnischen
Rundfunk und Fernsehen. 1968 wurde er als Dissident ausgebürgert und ging für ein Jahr nach Israel, danach zurück in die Schweiz, wo er als Fernsehdramaturg lebte.
Zwei Bände mit Kaminski-Erzählungen, die 1984 und 1985 bei Suhrkamp erschienen, fanden nur wenig Beachtung. Die "FAZ" kritisierte, Kaminski schreibe "mitunter allzu oberflächlich journalistisch und auf den vordergründigen Effekt hin". Mit der effektvoll humoristischen Aufbereitung seiner Familiengeschichte kam spät zumindest der Publikumserfolg.
Bei der Literaturkritik kam "Nächstes Jahr in Jerusalem" nicht durchweg gut an. Der "Rheinische Merkur" sah den Roman "in der besten Tradition jüdischer Erzählkunst, auch in der Mischung von Tragik und Komik, in der vorbehaltlosen Selbstironie". Die "Süddeutsche Zeitung" dagegen fand, der Autor hüpfe mit allzu routinierter "Nonchalance über die Bitternis, die notwendige Kehrseite jeden Humors, eilfertig hinweg".
Andre Kaminskis Bestseller, der sich wie ein Verschnitt aus "Anatevka", Isaac Bashevis Singer und Ephraim Kishon liest, nähert sich derweil einer Auflage von 50000. Der durch die Bundesrepublik reisende Autor erlebt seine Begegnungen mit deutschen Lesern als "wundervolle Fraternisierung". Und da kann ihm auch eine besonders kompetente Kritik nicht die Unterhalter-Laune verderben:
"Es ist unglaubwürdig", schrieb der jüdische Autor Schalom Ben-Chorin in der "Welt" über Kaminskis Roman, "daß der Oberrabbiner von Stanislau in Galizien zu einem Empfang kommt (und verweilt), bei dem es Hummermayonnaise gibt, denn diese ist keineswegs koscher."
Andre Kaminski: "Nächstes Jahr in Jerusalem". Insel Verlag, Frankfurt am Main; 392 Seiten; 38 Mark.

DER SPIEGEL 25/1986
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