19.05.1986

GESTORBENElisabeth Bergner

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Elisabeth Bergner, 88. Sie war die gefeierte deutsche Bühnenschauspielerin der ersten Jahrhunderthälfte, doch ihr überdauernder Ruhm gründet sich auf die Erfolge eines einzigen Jahrzehnts. Im Jahr 1923 stand sie in Berlin hintereinander in mehreren großen Shakespeare- und Strindberg-Rollen auf der Bühne. Danach war "ganz Berlin in sie verliebt" (Fritz Kortner). 1924 war sie schon so berühmt, daß George Bernard Shaw von London aus den Berliner Theaterkönig Max Reinhardt, der die Bergner nicht mochte, zwang, keine andere die "Heilige Johanna" spielen zu lassen. Es wurde nach Shakespeares Rosalinde, ihr größter Triumph. Elisabeth Bergner, im galizischen Drohobytsch geboren, in Wien aufgewachsen, war ein Schönheitsidol der zwanziger Jahre knabenhaft schmal großäugig, Bubikopf, naiv und kokett mit verführerisch singender Stimme halb Elfe, halb Engel, kaum Frau. Ihr treuester Anbeter, ein junger Wiener namens Paul Czinner, der zuvor nie einen Film gedreht hatte, machte sie 1924 zum Kinostar: Er wurde ihr Vertrauter, ihr Impresario, der Regisseur der wichtigsten Bergner Filme bis Kriegsausbruch, und 1933 wurde er auch ihr Ehemann. Vom Berliner Theaterbetrieb hatte sie sich da schon abgewendet und filmte in England. Auf das Arisierungsangebot, das die Nazis ihr nach London übermittelten, um sie zurückzulocken, reagierte sie nicht. Im London der Vorkriegsjahre ist Elisabeth Bergner bejubelt worden wie keine Ausländerin seit Sarah Bernhardt; Stücke wurden eigens für sie geschrieben, sie spielte Shaw zuliebe noch einmal die "Heilige Johanna". Hollywood lockte, die Bergner ging nach Amerika, doch die neue Garbo wurde sie nicht. Czinner hat sie dafür zum Broadway-Star gemacht, und dort versuchte sie 1946, als Gastgeberin und Hauptdarstellerin, Brecht in Amerika zum Erfolg zu verhelfen. Das Fiasko seiner Bearbeitung der "Herzogin von Malfi" bedeutete auch für Elisabeth Bergner den Abschied von Amerika. Ihr Wohnsitz blieb London, sie kam immer nur als kostbarer Gast, und bei ihren späten Triumphen - in O'Neill-Rollen in dem Shaw-Duett "Geliebter Lügner" mit O.E. Hasse und dem Film "Der Pfingstausflug" mit Martin Held (Photo) - wurde eine Legende gefeiert und geliebt. Elisabeth Bergner starb letzten Montag in London.

DER SPIEGEL 21/1986
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