16.06.1986

FILMJapanische Stadtindianer

„Der Sommer des Samurai“, Spielfilm von Hans-Christoph Blumenberg. Deutschland 1986. Farbe; 104 Minuten. *
Künstler, so sagt man, sind Menschen, die (unter anderem) Kinder geblieben sind. Hochgestochener, mit Schiller: die sich die Träume ihrer Jugend bewahrt haben. Sie sind kindlich, wenn nicht kindisch. Sie spielen Indianer, Räuber und Gendarm, Lokomotivführer, mal auch Dokter, retten die Prinzessin, töten die bösen Drachen.
Hans-Christoph Blumenbergs zweiter Film, er heißt "Der Sommer des Samurai", ist so ein schöner Kindertraum, nur daß die Indianer, die das Gute tun und Böses sühnen, Japaner sind.
Blumenbergs Traum kommt aus den fünfziger Jahren. Offenkundig hat er da im dunklen Schoß des Kinos gesessen und geträumt. So sind auch seine Traumhelden aus den fünfziger Jahren übergekommen: Cornelia Froboess, die damals die Badehose einpackte und heute bei Blumenberg eine Reporterin spielt.
Oder Peter Kraus, der immer noch träumend Blumenbergs erstem Film nachhängt und ein verständnisvoller Freund namens Schirmer ist. Freund von wem? Freunde in Kinderträumen sind Freunde von jedermann, sie legen begütigend ihre Hand auf die Hand desjenigen, der Kummer hat, und offerieren einen Drink. Schirmer ist Barmixer.
Oder auch Nadja Tiller, die ihre Femme-fatale-Allüre geradewegs aus dem deutschen Problemfilm der wilden Fuffziger mitgebracht hat: Damals genügte es, ein nylonbestrumpftes Bein über das andere zu schlagen, und schon kam französische Verruchtheit auf. Prompt raucht die Tiller durch die Zigarettenspitze und hat einen französischen Akzent.
Der Film erzählt die Geschichte, wie (Rückblende) eine Handvoll Geschäftsleute auf einer Japanreise in Sufflaune, Habgier und Übermut ein Samurai-Schwert gestohlen haben.
Jahre später in Hamburg geschehen geheimnisvolle Verbrechen. Geld verbrennt in Tresoren. Papiere werden geraubt, schmutzige Geschäftstricks der Polizei verraten. Alle Betroffenen waren in Japan. Bei allen erscheinen japanische Schriftzeichen als Menetekel an der Wand, ja die Stadt wird von einem japanischen Schriftsymbol überzogen.
Ein Edgar-Wallace-Reißer-Traum? Blumenberg bringt in seinem Film das Kunststück fertig, daß die kindliche, märchenhafte Geschichte (natürlich hat der rächende Samurai überirdische Kräfte, wir sind ja im Kino) erst einmal einen wunderschönen Hamburg-Film ergibt, mit einer Fahrt über die Stadt, wie sie schöner und dramaturgisch sinnvoller nicht zu denken ist. Mit Pressehäusern, Spielplätzen am Hafen, nächtlichen Gassen in Blankenese, feinen Villen an der Alster und Kanälen im grünen Luxus.
Daneben ist das dann auch, Märchen hin oder her, ein Film, der mit staunenden Augen auf das nadelstreifige Geschäfts- und Gesellschaftsgebaren schaut und dabei allerhand Gravitätisch-Komisches sieht: Eine vielsprachige Sekretärin (Hannelore Hoger spielt dieses polyglotte Kabinettstück), die mühelos aus dem Arabischen (oder war es doch Japanisch?) ins Portugiesische und dann ins Platt wechselt: "Hallo Mudder, ick hev di doch seggt..." Einen Zeitungs-Boß, der Herbst heißt (weder Sommer noch Winter ade also), und vor allem einen Häusermakler namens Krall, der inzwischen so menschenscheu, ängstlich und mißtrauisch und hautallergisch geworden ist, daß er zwischen einem Wust von zerknüllten Kleenex-Tüchern auf einer Wasserburg haust, sich aus einem Kaffeeautomaten versorgt, grimassiert und an sich herumkratzt (eine glänzende Charge: Wojtek Pszoniak). Wem das übertrieben vorkommt, der hat noch nie etwas von Kaußen gehört.
Daß im Knabenmärchen Ritter und Prinzessin, also Samurai und Reporterin einander nicht in schnöder körperlicher Liebe begehren, gibt dem Film eine zusätzliche märchenhafte Traurigkeit. Nicht nur der kleenexbesessene Krall meidet Hautkontakt, auch Blumenbergs übrige Menschen begegnen einander wie hinter Glas. Manchmal denkt man, der Film habe sich seine japanischen Rituale nur einfallen lassen, weil er weiß, daß Rituale vor Gefühlen schützen.
Der Feierabend-Samurai, der tagsüber als Banker das Geld verleiht, das er nachts verbrennt (nennt man das Recycling?), wird von Hans Peter Hallwachs gespielt: Er gibt ihn mit leicht verknitterter Traurigkeit. Schon das halbe Lächeln, das er sich ab und zu ins Gesicht quält, wirkt so, als empfände er es schon als allzu übertriebene Gemütswallung.
Blumenbergs Helden haben die Gefühle, so tun sie jedenfalls, gerade hinter sich. Sie sind enttäuscht worden. Geblieben sind die Blessuren, mit denen sie tapfer fertig zu werden suchen. Man zeigt sie, indem man nicht über sie spricht. Man ist schließlich Samurai. Und Indianer weinen bekanntlich nicht. Hellmuth Karasek
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 25/1986
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