21.07.1986

„Harter Aufschlag! Große Genauigkeit!“

Chaoten-Kampfmittel Präzisionsschleuder: Gefährlich wie Schußwaffen *
Die Wunderwaffe, erklärt ein amerikanischer Hersteller in der Gebrauchsanweisung, eigne sich vorzüglich für die Jagd auf "Kaninchen, Eichhörnchen und Vögel". In Westdeutschland wird damit auf Polizisten geschossen.
Kernkraftgegner haben die "Präzisionsschleuder - aus Metall gefertigt, mit Stahlkugeln, Stabilisator und "Zielstachel" - zwar schon 1977 in Brokdorf und in Grohnde benutzt. Doch noch nie ist diese Waffe so häufig und so rücksichtslos eingesetzt worden wie im letzten Monat.
Ob Pflastersteine, ob Leuchtpistolen - keine andere Waffe in Demonstrantenhänden löst bei Polizeibeamten so viel Panik aus wie die Präzisionszwille, von der Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann kürzlich dem Kabinett ein Ansichtsexemplar präsentierte, um bei den Kollegen Stimmung für seine Pläne zur Polizei-Aufrüstung zu machen.
Die Zwillen seien, weiß der Wuppertaler Polizeipfarrer Joachim Müller-Lange, "viel schlimmer als Steine. Das Sirren und Pfeifen ist furchtbarer als die unmittelbar körperliche Gefahr".
Die ist groß genug: "Knochenbrüche und Augenverletzungen" registrierte die Gewerkschaft der Polizei bei Kollegen, die bei Demo-Einsätzen von Stahlkugeln oder Stahlmuttern getroffen wurden. "Es gibt", sagt ein Beamter des "Sondereinsatzkommandos" der Bremer Polizei, "praktisch keine Möglichkeit, sich gegen diese Dinger zu schützen."
"Das Gemeinste, was es überhaupt gibt", erfuhr Kanzler Kohl letzte Woche bei seinem Grenzschutz-Besuch in Gifhorn von einem Polizeioffizier, "sind die Glaskugeln in den Schleudern. Wenn die auf etwas Hartes auftreffen, zersplittern sie und richten ekelerregende Verletzungen an."
Zwar können die Beamten ihre Schutzschilde den vermummten Schützen entgegenhalten. Doch gewöhnlich sind, aus verschiedenen Richtungen, mehrere Zwillen zugleich im Einsatz. Und wenn ein Schütze seine Schleuder vor dem Schuß eine Zeitlang hin- und herschwenkt, zwingt er damit ganze Polizeieinheiten, ihre Schilde rhythmisch mitzuschwingen. Das johlende Publikum nennt das Spektakel "Wackersdorf-Tango" oder "Bullen-Ballett".
"Wer aus wenigen Metern Entfernung in die gespannte Zwille in der Hand eines Vermummten blickt", weiß der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP, Günter Schröder, den packten "Gefühle vom Zorn bis zur nackten Angst". In solchen Situationen sei "nicht garantiert", daß die Kollegen "einer noch so konflikthemmenden Einsatztaktik folgen".
Mal reizt der Stahlkugel- oder Steinhagel die Beamten, blindlings draufloszuschlagen, mal zwingt er sie dazu, "wie die Hasen" ("FAZ ) die Flucht zu ergreifen. "Wir müssen uns", folgert der hessische Innen-Ministerialdirigent Wolf von Hoerschelmann, "so warm anziehen, daß wir nicht als zweiter Sieger vom Feld gehen.
Doch selbst dicke Lederjacken und Plastikhelme können die Beamten nicht immer vor Verletzungen schützen. Denn Zielvorrichtung und Armauflage geben den Präzisionsschleudern die Treffgenauigkeit einer Schußwaffe - und ebensolche Durchschlagskraft.
Das Bundesinnenministerium, von Berichten über verletzte Polizeibeamte aufgeschreckt. Ließ bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig Schießversuche mit den zerlegbaren Metallschleudern (Slogan: "Hat Platz in jeder Tasche") anstellen. Das Ergebnis war alarmierend.
Die Bewegungsenergie von Kugeln, die über eine Zielvorrichtung abgeschossen werden, liegt bei durchschnittlich 10 Joule, das sind 40 bis 60 Meter Flugtempo je Sekunde. Zum Vergleich: Das 4,5-Millimeter-Geschoß eines Luftgewehrs erreicht knapp 7,5 Joule, und mit diesem Wert hat das Waffengesetz die Gefährdungsgrenze festgeschrieben. Drei vierzehnjährige Schüler schafften mit der Schleuder 5,5 bis 7,8 Joule, einer sogar 8,3.
Auch die Gewerkschaft der Polizei hat die Zwillen getestet. "Aus einer Entfernung von etwa 6 m", so der Ergebnisbericht, "gelang es ohne Schwierigkeiten, ein 7 mm starkes Holzbrett glatt zu durchschießen".
Was das bedeutet, schildert ein Polizeiarzt, der am Rande der Demonstration _(Mit Verteidigungsminister Wörner im ) _(Bonner Kanzleramt. )
in Brokdorf Zwillen-Opfer versorgte: "Das Körpergewebe an der Aufschlagstelle wird regelrecht zermalmt." Die Schleudergeschosse können sogar den Schild oder das Plexiglas-Visier eines Polizisten durchschlagen und, so der Arzt, "durchs Auge bis ins Hirn vordringen".
Da kam bei Brokdorf ein Polizist vom Bremer Sondereinsatzkommando noch glimpflich davon. Einen "plötzlichen heftigen Druck am Kopf" spürte der Uniformierte: Eine Stahlkugel hatte - knapp am Auge vorbei - sein Jochbein zertrümmert. Drei Stunden lang mußte er im Krankenhaus operiert werden.
Durchschlagende Wirkung haben die Demonstranten-Geschosse auch bei Wasserwerfern älterer Bauart. "Wie eine alte Blechdose", berichtet der schleswig-holsteinische Bereitschaftspolizist Jörg Voß, selber Mitglied einer Wasserwerfer-Mannschaft, habe ein WaWe nach der Schlacht ausgesehen.
Noch Mitte der siebziger Jahre konnten die mörderischen Schleudern in Westdeutschland von jedermann gekauft werden. Der Handel warb mit Prädikaten wie "Harter Aufschlag! Große Genauigkeit!" Die "optimale Handlage" ermögliche "große Durchschlagkraft".
Im Jahre 1978 sind die Präzisionsschleudern vom Bundesinnenminister verboten worden, ebenso wie Stahlruten, Schlagringe und Totschläger. Hergestellt werden die Super-Zwillen seither nur noch im Ausland, zum Beispiel in England und in den USA. Doch die Einfuhr der hierzulande verbotenen Schleudern auf schwarzen Kanälen ist nicht allzu schwierig: "In der Schweiz und in Frankreich gibt es für diese Geräte keine Beschränkungen. Da braucht nur einer nach Straßburg oder nach Basel zu fahren und sich einzudecken", sagt ein Branchenkenner.
Legal gelangen nach wie vor die weniger perfekten und daher nicht verbotenen Stahlschleudern ohne Armauflage und Zielvorrichtung in die Bundesrepublik. Importeur ist ein Unternehmer in Solingen. Diese Ware ist in jedem besseren Waffengeschäft erhältlich. Selbst im "Bazar", einem Krimskrams-Laden für scharfe Sachen und Souvenirs auf der Hamburger Reeperbahn, sind solche Stahlkugel-Schleudern zu haben - das einfache Modell kostet 15 Mark, die Version mit Daumenschutz aus grüner Lederimitation ("Erhöht die Griffigkeit") für 18 Mark, dazu eine Dose mit hundert Stahlkugeln für zehn Mark.
"Kein Spielzeug", steht als Warnung auf den Zwillenpackungen. Das erkannten wohl auch die Versandhändler bei Neckermann ("macht"s möglich"): Eine Neckermann-Zwille, im "Kung-Fu-Programm" des Versandhaus-Kataloges feilgeboten, ist mittlerweile aus dem Angebot genommen worden.
Mit Verteidigungsminister Wörner im Bonner Kanzleramt.

DER SPIEGEL 30/1986
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