16.06.1986

JAGDWeiches Eisen

Umweltschützer fordern, das Verfeuern von Bleischroten künftig zu verbieten. Die als Ersatz empfohlenen Eisenschrote, meinen die Jäger, könnten die Umwelt womöglich schlimmer gefährden. *
Jägersmann Joachim Graf Schönburg pulte eine Schrotpatrone auseinander, ließ einen Teil der grauen Bleikügelchen auf einen Kaffeelöffel klötern und verschluckte sie.
"Einen gehäuften Kaffeelöffel voll Bleischrot", so erläuterte der Erzeuger der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis ("Die tolle Gloria"), "kann man jederzeit schadlos essen.".
Mit dem öffentlichen Test-Verzehr suchte der bayrische Edelmann einen Beitrag zu dem seit Jahr und Tag andauernden Disput zu leisten, ob Blei aus Flintenläufen auf den Umwegen über Grundwasser, Pflanzen oder Wildkörper den Menschen wohl vergiften könne. Das hätte er sich sparen können.
Als erstes europäisches Land hat jüngst Dänemark verboten, in bestimmten Gebieten - zunächst 26 ausgedehnten Küstenregionen - bei der Jagd Bleischrot-Munition zu verfeuern. Die Jäger dürfen ihrer Beute, vorwiegend Wasservögeln, dort nur noch mit angeblich umweltverträglichen Weicheisenschroten nachstellen. Nach drei Jahren will der dänische Umweltminister über ein Totalverbot der Bleischrote befinden.
Das Blei-Verbot der umweltsensiblen Dänen bedeutet einen Teilerfolg auch für die deutschen Umweltschützer, die ohnehin ihren jagenden 260000 Landsleuten am liebsten die Flintenläufe zementieren lassen würden. Die Jäger ihrerseits mahnten zur Skepsis ob der Umweltschutz-These, die jedes Jahr auf bundesdeutsche Ländereien und Gewässer herabprasselnden angeblich 9000 Tonnen Bleischrote (nach Angabe des Bundeslandwirtschaftsministeriums allerdings nur 620 Tonnen) bedrohten Grundwasser und Pflanzenwelt.
Immerhin, die Behauptung der Umweltfreunde, Wasservögel - wie etwa gründelnde Enten - könnten sich bei der Nahrungsaufnahme durch das Verschlingen einiger der vorbeigeschossenen Bleischrotkügelchen allmählich vergiften wurde durch Experimente skandinavischer Wildbiologen bestätigt: Stockenten, denen die Wissenschaftler jeweils nur fünf Schrotkugeln unters Futter mengten, verendeten binnen vier Wochen.
Muß aber auch ein menschlicher Entenesser befürchten, den schleichenden Bleitod zu erleiden wie, nach den Mutmaßungen der Historiker, einst das Volk der Römer durch die Benutzung bleierner Trinkgefäße? Das ist offenbar eher eine Frage des Appetits und der Eßdisziplin. "Regelmäßig größere Mengen von Wasservögeln zu verzehren", schrieb die Jagdzeitschrift "Die Pirsch", scheine jedenfalls "nicht nur wegen Blei, sondern auch wegen anderer Rückstände nicht unbedenklich zu sein".
Schrote aus Weicheisen, wie dänische und deutsche Umwelt- und Tierschützer sie nun propagieren, vergiften zwar niemanden, beschwören aber womöglich andere schlimme Gefahren für Mensch und Tier herauf. Die Ingenieure der Munitionshersteller, die seit langem mit Weicheisenschrot-Munition experimentieren und solche Patronen auch schon im Handel anbieten, haben die Tücken von Pulver und Eisen sogleich erkannt, aber wohl noch nicht überwunden.
Entscheidender Nachteil des Eisenschrots ist sein geringeres spezifisches Gewicht gegenüber dem Blei. Das führt einmal dazu, daß Weicheisenschrote eine spürbar geringere Auftreffwucht haben als Bleischrote gleichen Kalibers; sie müßten daher im Durchmesser vergrößert werden, um die gleiche Auftreffwucht zu erzielen.
Zudem aber zeigte es sich als unerläßlich, die Menge der Schrotkörner zu erhöhen, um eine gleich dicht deckende Garbe wie mit kleineren Bleischroten zu bewirken. Um jedoch dabei auf die für den sicheren Totschuß erforderliche Fluggeschwindigkeit der Schrote zu kommen, bedarf es wiederum einer höheren Pulverladung - und das alles bei einem Patronenformat, das sich aus Sicherheitsgründen nicht mehr strecken läßt.
Bei Tests in Nordamerika zeigte sich, daß die Verschlußmechanik herkömmlicher Flinten durch die stärkere Ladung über Gebühr strapaziert, die Schützen durch stärkere Rückstöße beim Schießen ärger malträtiert werden. Während die Tier- und Umweltschützer dieses Übel, das sich nur gegen die Jäger selber richtet, vermutlich mit Schadenfreude begrüßen, können andere Nachteile der Weicheisenschrote auch ihnen nicht gleichgültig sein. So weitet häufiges Schießen mit dem neuen Schrot offenbar die Flintenläufe, kommt es zu über Gebühr streuenden, mithin unpräzisen Schüssen - und damit wächst, so die Fachleute, die Gefahr sogenannter Krankschüsse, an denen das bejagte Tier erst nach Stunden in seinem Schlupfwinkel eingeht.
Schlimmer noch: "Die ernstesten Bedenken gegen die Verwendung von Weicheisenschroten", so Jagdexperte Joachim von Schönburg, gründen auf ihrem "gegenüber Bleischroten noch viel unberechenbareren Abprallverhalten nach dem Auftreffen auf harte Hindernisse". Anders als ein bleiernes Prellschrot, dessen Energie sich durch die Verformung beim Aufprall mindert, verhalte sich ein Weicheisenschrot wie eine Billardkugel an der Bande" - es kommt, kreuz und quer, zu gefährlichen Abprallern.
Sogar dänischen Forstleuten, wenn auch aus anderen Gründen, kamen Bedenken. Der jütländische Oberförster J.E. Handberg jedenfalls hat in dem ihm anvertrauten Forstbezirk Klosterhede das Schießen mit Eisenschrot ausdrücklich untersagt. Der Grund: Bäume, die Eisenschrote eingefangen hatten, rächten sich später just durch sie an ihren Mördern - sie brachen den Baumsägen die Zähne raus.

DER SPIEGEL 25/1986
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