16.06.1986

FUSSBALL-WMEin Blinder

Mit ihrem Beckenbauer haben es die deutschen Spieler oft schwerer als mit dem Gegner. Dem Teamchef ist nichts recht zu machen - obwohl er selbst seine Fehlpässe schlägt. *
Bevor die deutschen Fußballer gen Mexiko zogen, hatte Franz Beckenbauer sie eingestimmt wie auf ein Überlebenstraining im Dschungel. Noch, so bedeutete der Teamchef der verdutzten Truppe unmittelbar vor dem Abflug, sei es für jeden Zeit, abzuhauen. Wochenlang werde es Krach, Ärger und Frust geben, untereinander, mit ihm und überhaupt: So eine Weltmeisterschaft sei "ein echter Scheiß", sie verkläre sich allenfalls in der Erinnerung.
Dafür, daß den Spielern diese finsteren Prophezeiungen vor Ort nicht etwa als übertrieben vorkommen, sorgt Beckenbauer nun selber.
"Kindergartengeschichten" nannte der Teamchef in der vergangenen Woche verächtlich den Konflikt zwischen Harald Schumacher und Karl-Heinz Rummenigge, nachdem der von seiner Verletzung genesene Star aus Mailand behauptet hatte, Schumacher hintertreibe seine Rückkehr in die Mannschaft. Und das klang wirklich kaum anders als die Klage aus Kindermund: Tante, der Toni will nicht mehr mit mir spielen.
Daß Beckenbauer beim Knatsch im Kinderhort keineswegs nur Zuschauer war, blendete er ganz selbstverständlich aus. Der Teamchef hätte ja seinem aufgeregten Kapitän den Einsatz im nächsten Spiel entweder zusagen oder, falls er es anders plante, Loyalität von ihm verlangen können - ehe Rummenigge sich mit unhaltbaren Vorwürfen in die Enge trieb und die Mannschaft in drei Gruppen zerteilte: Rummenigge-Freunde, Schumacher-Freunde, Blockfreie.
Doch Beckenbauer zeigt weder Sinn für die Nöte des einzelnen noch für die Entwicklung gruppendynamischer Prozesse. Und das vor allem macht den Spielern, trotz sportlicher Anfangserfolge, das Zusammenleben in Mexiko so schwer.
Noch wagte niemand die offene Konfrontation mit dem Coach, der nicht nur nach den Beobachtungen seines langjährigen Weggefährten Berti Vogts "völlig die Beherrschung verliert", wenn er einmal in Rage geraten ist. Auseinandersetzungen mit ihm bergen für die Spieler allemal die Gefahr eines Rüffels, und den will sich keiner einfangen.
Ob er denn bei der WM noch mit einem Auftritt rechnen könne, hatte zum Beispiel der kleine Olaf Thon behutsam angefragt. Worauf Beckenbauer barsch entgegnete: "Du bist hier, um zu lernen."
"Ich habe nichts Negatives gesagt und mich auch gar nicht beschwert", versicherte Uwe Rahn schnell, nachdem sein Gespräch mit einem Reporter über das triste Dasein der Reservisten vom Teamchef bemerkt worden war. Dabei lächelte der 24jährige Profi aus Mönchengladbach so verlegen wie ein Schuljunge, den der Lehrer beim Schwätzen ertappt hat.
Kaum besser sind die dran, denen er, wie etwa Klaus Augenthaler, nach dem Schottland-Spiel bescheinigt, "für ihre Verhältnisse" gut gespielt zu haben. Denn so eine Bewertung heißt immer auch: Sie können es halt nicht besser, und ich kann es ihnen auch nicht mehr beibringen.
Beckenbauer mache sie "nicht stark", ist von Spielern zu hören. Und es verblüfft schon, wie schnell der Chef bei seinen Männern Kredit verloren hat. Anstatt Probleme, wie im Fall Rummenigge, beizeiten zu lösen, sitzt er sie aus in der Art seines Vorgängers Jupp Derwall, und sein Gerede von gestern kümmert ihn grundsätzlich nicht.
Immerhin wurden im Spielerkreis nun Zweifel an der "fachlichen Qualifikation" des Teamführers laut; seine Mannschaftsbesprechungen seien oft "zu sehr improvisiert" oder sogar "zu wenig fundiert" - und dies noch vor der klaren Niederlage gegen Dänemark am Freitag letzter Woche, für die Beckenbauer unter anderem "den da oben" verantwortlich machte.
Auch fühlt sich kein Spieler ins Vertrauen gezogen, wenn der Bayer unter vier Augen poltert, dieser oder jener der 22 Mexiko-Fahrer sei "ein Blinder". Sie spüren, so unsensibel ist keiner, die fast alle einschließende Ablehnung, und sie
leiden darunter, daß ihnen ausgerechnet einer der ehedem weltbesten Fußballer die Anerkennung versagt.
Und selbst als sie gegen Schottland getan hatten, was sie allenfalls können, nämlich siegen, war es dem Meister nicht recht. Er kritisierte Raumaufteilung, Einstellung, Abwehrverhalten, und dann verschwand er bis zum nächsten Morgen.
Da erst bemerkte der Teamchef die verheerende moralische Wirkung seiner Worte und schwenkte mal eben wieder um. Das Spiel, hieß es jetzt, sei doch eines der stärksten in den beiden letzten Jahren gewesen. Dankbar hingen die Spieler an seinen Lippen und verdrängten jeden Gedanken daran, der Boß könne ihnen womöglich nur um des lieben Friedens willen ein paar Zuckerchen hingeworfen haben.
Der Coach Beckenbauer bewegt sich ständig auf zwei Ebenen, und die Signale, die er aussendet, müssen seine Leute irritieren. Er ist bereits als Enttäuschter nach Mexiko gekommen, weil er meint, in knapp zweijähriger Amtszeit nicht die passenden Fußballer gefunden zu haben. Denen, die er nun hat, traut der "Kaiser" nicht zu, auch nur annähernd so gut zu spielen, wie er es einst konnte, und deshalb probiert er so etwas erst gar nicht aus. Zwar schätzt er ausschließlich Techniker, doch er formiert ein Team, in dem die Kämpfertypen dominieren.
Franz Beckenbauer hat es offenbar schwer, in Mannschafts-Kategorien zu denken, er sieht nur Individualisten. Wenn er nach einer Begegnung die spielerischen Qualitäten Mann gegen Mann aufrechnet, sind die Deutschen meist die Verlierer. Das führt dann ebenso zur grotesken Überschätzung einiger Ballkünstler aus Uruguay wie zum reaktiven Verhalten nach der Devise "safety first", die er seiner Truppe einzubleuen versucht.
Sie könnten "hier nicht brillieren", hat Beckenbauer dem Co-Trainer Vogts vor Turnierbeginn erklärt, sondern nur mit Kampf und Kraft bestehen. Und gemäß dieser Erkenntnis betreibt der Chef seine Personalpolitik. Dabei kommt dann ein Fußball heraus, der ihm im Innersten zuwider ist - sogar wenn gesiegt wird.
Die Spieler spüren das, und es baut sie gewiß nicht auf. Sie ahnen ohnehin, daß ihr Malocher-Fußball überholt ist, und zwar auch im eigenen Lande. Anders als 1954, als der Triumph von Bern ein bundesweites Wir-Gefühl auslöste, wird die Nationalmannschaft nicht nur nach Sieg oder Niederlage, sondern auch nach ihrem Unterhaltungswert beurteilt. Wie in der Schwarzwaldklinik soll es möglichst auch bei der Weltmeisterschaft zugehen: Schön sollen sie spielen, natürlich sympathisch sein und deswegen Erfolg haben.
Ein Transparent im Stadion von Queretaro begrüßte "die deutschen Spieler unter 30", und diese Zuwendung von Altersgenossen ist für die Bundesliga-Profis gar nicht mehr selbstverständlich. Zum neuen Ästhetizismus der Computer-Generation, die gern Tennis spielt oder Golf, die Cashmere trägt und die lieber in hellen Bistros Cocktails als in schummrigen Kneipen Bier trinkt sowie auf nette Art möglichst schnell Kohle machen will, passen Fußballer nur schwer, wie sie keuchend und schwitzend über den Acker traben.
Von Beckenbauer, dem weltläufigen Strahlemann mit Eleganz und Erfolg, hatten sich die Fans eine Rückkehr zum furiosen Angriffsspiel der siebziger Jahre erhofft. Statt dessen wird ihnen ein Aufguß des biederen Kicks reserviert, den Jupp Derwall vor vier Jahren in Spanien anbot.
Erfolglos muß das keineswegs sein. Derwall wurde immerhin Europa- und Vizeweltmeister, und Beckenbauer hat die erste Klippe, die Vorrunde, geschafft. Doch ob die Leistungen ausreichen, der Bundesliga neue Kundschaft zuzuführen, fragt sich nicht nur der künftige HSV-Manager Felix Magath. Zu kraß waren die spielerischen Defizite gegenüber dem Fußball aus dem Märchenbuch, wie ihn bisweilen Franzosen, Russen oder Brasilianer boten, als daß, so der selbstkritische Hamburger, "die Heimat vor Begeisterung über uns kopfstehen könnte".
Das weiß auch der "erfolgsbesessene Franz", der nach Einschätzung seines Freundes und Managers Robert Schwan vor allem fürchtet, "in Mexiko seinen guten Ruf zu verlieren". Die Kluft zwischen seinem Anspruch an schönen Fußball und der nüchternen Wirklichkeit versetzt ihn in eine Spannung, unter der seine Umgebung ständig zu leiden hat.
Sogar während des Spiels: Wenn er mit düsterer Miene neben der Bank steht oder wütend Drohungen ausstößt, fühlen sich selbst die Ersatzspieler für die Versäumnisse ihrer Kollegen auf dem Platz verantwortlich.
Er schaue, berichtete der Stuttgarter Karl Allgöwer, 90 Minuten lang niemals in Richtung des Teamchefs. Nur so sei er sicher, "keinen Fehler zu machen".

DER SPIEGEL 25/1986
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