16.06.1986

„Zu ertragen ist das fast nicht“

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Mathias Herget *
Nach einhundertdreiundachtzig Minuten Zuschauen erhält er endlich zum erstenmal bei der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko den Ball zugespielt. Aber Mathias Herget, 30, der Mann, den die meisten Fachleute für den ballgewandtesten und leichtfüßigsten Fußballspieler im deutschen Aufgebot halten, klotzt in den Rasen, stolpert und verschafft den Dänen ihre erste halbwegs gefährliche Torgelegenheit.
Wie der Uerdinger in der dritten Minute des kläglichen Länderspiels gegen Dänemark (0:2) beginnt, endet er auch: Er köpft den Ball lustlos einem Gegner vor die Füße. Dazwischen liegen Dutzende hasenherziger Kurz- und Querpässe, lahme Tänzeleien im Mittelfeld und unkonzentrierte Steilvorlagen. Mathias Herget, ein Mann ohne Mumm und ohne Anschluß in der Mannschaft. Hat Franz Beckenbauer ihn zu Recht in den zwei ersten Spielen nicht nominiert?
Eher hat er ihn wohl erst zu dem nervenflatternden Irrgänger gemacht, der am Freitag in Queretaro über den Platz trottet. Denn Herget hat die Bank am Rande des Spielfeldes als Strafbank erlebt. Er fühlt sich gedemütigt, niedergeschlagen von der "Riesenenttäuschung", die ihn "wie ein Hammer" getroffen hat.
Denn er selbst hätte eine Bank auf seinen Einsatz in Mexiko getippt: "Alles klipp und klar." Hatte er nicht 16 seiner 21 Länderspiele unter Franz Beckenbauer absolviert, sieben der acht Qualifikationsspiele zur WM, zum Teil mit äußerst schmeichelhaften Kritiken? Da er sowohl als Libero wie im Mittelfeld spielen kann, hielt er seine Voraussetzungen für "optimal". War er überdies nicht genau der Typ des eleganten Technikers, den Beckenbauer sich für seine spielende Elf gewünscht hatte?
Bei der WM werde Herget, der immerhin schon 27 Jahre alt war, als er zum erstenmal im Nationaltrikot spielte, "das Glück der späten Tage" genießen, schnulzt die DFB-Broschüre, in der die Spieler vorgestellt werden: "In vollen Zügen sicherlich. Aber ungewöhnlich leise."
Ungewöhnlich leise ist er in der Tat gewesen bis zum vergangenen Freitag: Er schluckt seine Wut mit beängstigender Tonlosigkeit. Man meint, die Magengeschwüre wachsen zu hören, wenn man ihm gegenübersitzt. Sein blasses sensibles Gesicht, das ohnehin in der Öffentlichkeit zu einer skeptischen, leicht arrogant wirkenden Maske zu erstarren pflegt, ist jetzt fahl und eingefallen. Die Haut spannt, als sei sie zu knapp bemessen. Mathias Herget muß den rechten Mundwinkel nicht mehr zur zweifelnden Grimasse hoch und die Brauen über verhängten Augen runterziehen, wenn er sich gegen Fremde wappnet. Seit drei Wochen sitzen die herben Züge wie festgefroren. Allenfalls die Grundattitüde wechselt zwischen Resignation und Bitterkeit.
Attitüde? Jeder sieht, daß der Mann, den es ruhelos durch die Luxuswelt des weiträumigen Hotels Galindo bei Queretaro treibt, leidet wie ein Hund. Er sagt es ja auch unumwunden: "Zu ertragen ist das fast nicht." Er sagt es freilich so, als verlese er über sich ein Protokoll. Er beschreibt mit gewandten Worten seine Gedanken, seinen Zustand und selbst seine Gefühle, ohne die mindeste Gemütsbewegung mitschwingen zu lassen. "Fußball ist ja ein Mannschaftsspiel", sagt er, "aber in dieser Situation bist du ganz allein."
Vielleicht sackt die Stimme am Ende etwas, aber sie zittert nicht. In der pubertären Männerwelt der Berufskicker kennt der Indianer keinen Schmerz. Als Junge sei er einmal mit gebrochen herabbaumelnder Hand vom Fußballspielen heimgekommen, hat seine Mutter der "Bunten" erzählt. Da hat er bestimmt nicht geweint. Jetzt baumelt seine gebrochene Seele, kein Grund zum Jammern: "Tröstereien, da kann ich drauf verzichten."
Als Franz Beckenbauer, der sich sichtlich unbehaglich fühlt, wenn er auf Herget angesprochen wird, ihn einmal gefragt hat, ob er nicht okay sei, weil er "so'n Gesicht" mache, sagt Herget: "So'n Gesicht mach' ich immer." Soll er sich etwa beklagen? Den Teamchef beschimpfen? Einen Pressewirbel inszenieren wie Rummenigge? Oder gar frühzeitig heimreisen aus Trotz? Da würde er bloß seine Frau stören, die sich sicher freut, daß sie ihn mal los ist, witzelt er.
Nein, ihm ist Unrecht geschehen, das ist alles. Warum er auf der Bank sitzt, obwohl er ein besserer Fußballer ist als die meisten, das hat der zu erklären, der es verantworten muß. Herget versteht es nicht, Punkt. Ein Blatt habe er nie vor den Mund genommen, sagt er.
Stolz und Verletztheit, Wut auf Torwart Harald Schumacher, der ihn mit einer bösen Attacke für die entscheidenden Trainingstage vor dem ersten Spiel außer Gefecht gesetzt hat, und Enttäuschung über den "Kaiser", den er als Fußballer verehrt hat und den er als Teamchef gern achten möchte - wenn Mathias Herget nicht von dem wilden Wirbel seiner Gefühle überschwemmt werden will, braucht er als Ventil eine angemessene Ausdrucksform der Verdrängung.
Daheim in Gelsenkirchen-Bismarck hätte er damit keine Schwierigkeiten. Da geht er in Krisensituationen stundenlang spazieren, trinkt mal einen mit den Kumpels an der Theke, und wenn es was zu reden gibt, ist seine Frau da.
"Ein Arbeiterjunge flippt nicht aus", heißt die Formel, die der Junge "Mattes" gefunden hat, als sein Vater, ein Bergmann, mit 49 Jahren an Staublunge starb. "So etwas prägt", sagt Herget, der noch heute oft von diesem Verlust redet.
Eine depressive Grundstimmung umweht ihn wie ein Schutzspray, hält die meisten auf Distanz.
Zwischen den Fördertürmen und Kohlenhalden des sterbenden Reviers glaubt er sich mit dieser Haltung in reichlicher Gesellschaft, da seien alle so: "Offene, ehrliche Menschen die aber nicht immer alles gleich raussprudeln." Längst hat er sich eingeredet, er sei "vom Typ her" so, wie er seine Landsleute sieht. Nie scheint ihm - der sein Maschinenbaustudium abbricht, um Fußballprofi zu werden - aufgegangen zu sein, wieviel Bremsen er angezogen, wieviel Verzicht er auf sich genommen hat, um sein Leben über seine Kinderwelt nicht hinauswachsen zu lassen.
In Gelsenkirchen ist er Kind gewesen, dort hat er eine Schulfreundin geheiratet, dort baut er jetzt ein Haus für den Lebensabend. Vor allem hat er auch Fußballspielen gelernt im Kohlenpott, auf der Straße und auf der Wiese, wie es kaum noch üblich ist. Dort ist er auch sein Fußballerleben lang geblieben - über sein Talent hinaus lange bei mittelmäßigen Vereinen wie Rot-Weiß Essen und VfL Bochum, endlich, 60 Kilometer entfernt, bei Bayer Uerdingen in Krefeld. Zum Training und zu den Spielen pendelt er von Gelsenkirchen, wo er nebenher einen Amateurverein trainiert.
"Ich bin ein bodenständiger Typ", sagt Herget, der es dennoch nicht vermeiden konnte, daß seine Kickerbegabung ihn hinausgeführt hat in die Welt. In Mexiko nun haben ihn geballt jene schmerzhaften Risiken eingeholt, vor denen er sich im Revier verstecken wollte - und das unter den Augen von 150 Journalisten und in einem Ambiente von Luxus und flotter Weltläufigkeit, das er vorwiegend aus Kino und Fernsehen kennt.
Wie soll er hier seine Qual verstecken, von der alle wissen? Daß der Arbeiterjunge von der Zeche Unser Fritz als Gefühlverdrängungsmodell hier fehl am Platze ist, hat der intelligente und aufmerksam seine Umwelt wahrnehmende Herget sofort begriffen. Instinktiv zieht er sich auf andere Muster zurück.
Von den Leiden des jungen M. bis zu Mattes gegen den Rest der Welt: Die Formen, die Herget findet, um seine Schwäche zu überspielen, sind befremdlich vertraut. Mal setzt er sein James-Dean-Gesicht auf, mal hat er den Robert-Redford-Blick drauf. Wenn die Band in der Bar des Galindo Frank Sinatras "I did it my way" spielt, wirkt das wie die passende Filmuntermalung für den traurig trotzigen jungen Mann, der mit schlenkernden Armen und hochmütiger Lässigkeit durch die Plüsch-und-Mahagoni-Welt des 400 Jahre alten Hauses bummelt. Was ist das schon? Gehört längst untergegangen.
Rotzender Schimanski auf dem Fußballplatz, bleicher Udo vor der Presse. Hinter der schweren Holztür zum Speisesaal der Mannschaft verschwindet er, als wolle er sich jetzt aufs Motorrad schwingen und in Las Vegas die Sonne putzen. Im einsamen Kampf gegen Billardkugeln pflegt er bis weit nach Mitternacht seine Außenseiterrolle.
Alles Kintop, alles Attitüde? Unbeeindruckt verspottet ihn Schalkes neuer Trainer Rolf Schafstall in krudem Kohlenpottstil, als der unglückliche Ersatzspieler als weitere Variante seiner mannhaft-einsamen Schmerzbewältigung stundenlang über den Golfplatz trottet: "Musse denn noch wat lernen, wasse nich kannst?"
Herget überhört diese Bemerkung. Nur allzu direkt entlarvt sie beide Haltungen, den schlichten Arbeiterjungen aus Gelsenkirchen und den Lonely Cowboy von Queretaro, als hilflose und kindliche Versuche, sich vor außersportlichen Verletzungen zu schützen. Denn allenfalls auf dem Platz ist einer wie Mathias Herget dem emotionalen Druck dieser Rolle gewachsen, und auch da nur bedingt. Denn ein Malocher wie der Vater unter Tage ist der Sohn auf dem Rasen nicht. Reicht es nicht auch, wenn sich einer totgequält hat in der Familie?
"Kindergarten" ist ein Wort, das Franz Beckenbauer in Queretaro nicht zufällig immer wieder kopfschüttelnd ausspricht. Und dabei gehört Mathias Herget, wie der Knatsch zwischen Rummenigge und Schumacher zeigt, noch nicht einmal zu den allerkindlichsten. Wahr ist aber auch, daß der Teamchef munter mitspielt, Häuptling zwar, aber eben auch Indianer. Und der kennt erst recht keinen Schmerz: "Elf können nun mal nur spielen. Wer das nicht aushält, gehört sowieso nicht hierher."
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 25/1986
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