16.06.1986

ZUSCHAUERTanz auf dem Vulkan

Mexikos Fußball-Kulisse verdeckt die wirtschaftlichen Probleme des Landes, und dem Finale droht ein Chaos. Die Wohlhabenden treibt diese Ansicht in krampfhaften Frohsinn. *
Wenn er wieder zu Hause ist, wird Elias Alvarez Ärger mit seinem Chef bekommen. Der 46jährige Buchhalter aus dem Bundesstaat Tamaulipas am Golf von Mexiko hat Bleistifte und Kontokarten in die Schublade gepackt und ist in die Hauptstadt gefahren. Er will die heimischen Fußballer sehen, auch wenn das sein Boß nicht erlaubt: "Jetzt ist Weltmeisterschaft", schreit er in dem Irrenhaus namens Azteken-Stadion, "einen anderen Job finde ich immer."
Hoffentlich täuscht er sich nicht. Denn während das offizielle Mexiko geradezu verbissen die Parole ausgibt, die große Fußball-Fiesta werde den Ruhm der Nation mehren, sind die Katastrophensignale im Lande unübersehbar geworden. Und Ende Juni, wenn die Ballsaison vorüber ist, könnte der Ruhm jäh verblassen.
Dann nämlich müssen die Mexikaner 1,8 Milliarden Dollar Zinsen auf ihre gigantischen Auslandsschulden bezahlen. Aber da die Halbierung des Ölpreises in den vergangenen sechs Monaten schon in diesem Jahr ein Loch von wenigstens sechs Milliarden Dollar in die Staatskasse reißt, ist klar, daß die mexikanischen Schuldner das Geld beim besten Willen nicht haben werden.
Nach den Regeln des Buchhalters Alvarez ist das Fußball-Land pleite. Und das beste Indiz für diesen Zustand bietet die Geschwindigkeit, mit der das Geld an Wert verliert.
Touristen bekamen noch zu Beginn der Weltmeisterschaft für einen amerikanischen Dollar gut 500 Pesos. Inzwischen sind auf dem schwarzen Markt leicht 800 Pesos möglich; zum Abpfiff des Fußballspektakels rechnen Experten mit 1000. Die Preise in Läden und Kneipen rennen schneller als die meisten Kicker auf dem Rasen.
"Wir brauchen eine neue Strategie", sagt ein ratloses Regierungsmitglied und meint damit die Finanzen. Aber sie ist nicht in Sicht. Sparen, wie es Weltökonomen in solchen Situationen empfehlen, können die Mexikaner kaum noch. Daß bereits die Subventionen für das wichtigste Volksnahrungsmittel, die Mais-Tortilla, erstmals seit 60 Jahren gekürzt worden sind, haben viele Mexikaner
in einer Art fassungsloser Starre ertragen.
Bleiben noch die amerikanischen Nachbarn, die schon im winzigen Nicaragua den Kommunismus auf dem Vormarsch sehen und die erst recht Angst haben vor einem ökonomischen Chaos im nahen Mexiko. US-Geldinstitute werden womöglich fürs erste helfen - "mit der Pistole aus dem Weißen Haus im Rücken", wie ein amerikanischer Banker in Mexiko sagt.
Aber dann? Der Wirtschaftsberater Rogelio Ramirez, der "bis vor kurzem noch die Möglichkeit sah", durch Einsparungen und Verstärkung der nicht an das Öl gebundenen Exporte die Lage zu bessern, "weiß jetzt ehrlich nicht mehr, wie alles enden soll". Doch erst einmal ist Weltmeisterschaft.
Und es ist wie so oft in Zeiten heraufziehenden Unheils: Es wird feste gefeiert. Auch wenn es nur noch für Tage ist, tanzen die Mexikaner mit einem seltsam verkrampft anmutenden Frohsinn auf ihrem Vulkan.
Niemanden kümmert es, daß die Darbietungen der eigenen Fußballtruppe bislang recht karg ausgefallen sind. Wenigstens kurzfristig noch muß Mexiko einfach groß sein, und vor allem die, die noch etwas zu verlieren haben, nutzen die Gelegenheit, bevor es keine mehr gibt.
Fahnenschwingend und trompetenblasend rast ein gutes Dutzend Mexikaner, festgeklammert auf einem Mittelklasse-Auto, vom Stadion in die Stadt. Die Armen, die weder Eintrittskarten noch Auto kaufen können, haben wenigstens an der Todesgefahr ihren Spaß und jubeln den jugendlichen Helden zu.
Nachts auf dem Zocalo, dem größten Platz in Mexiko-Stadt, geht die Jagd weiter. Mit quietschenden Reifen umkreist eine Autokavalkade die Menschenmasse, die Mexiko unter Aufbietung aller Stimmkraft bereits zum Weltmeister befördert. Nach dem ersten Spiel ihrer Mannschaft versammeln sich die Fans in der Prachtstraße "Reforma" um die Statue "El Angel", die der Unabhängigkeit von den Spaniern gewidmet ist.
Befeuert von Tequila und reichlich Bier, demontiert die Menge ihr Nationaldenkmal. 200 Menschen werden in dieser wüsten Nacht ins Krankenhaus eingeliefert. Die Polizei, die Order hat, den nationalen Gefühlen keine unnötigen Fesseln anzulegen, zieht am nächsten Tag einen zwei Meter hohen Bretterzaun um den Engel.
Auffällig an den ausschweifenden Feierlichkeiten ist die führende Rolle von wohlgekleideten Bürgerkindern, die in jede Benetton-Reklame passen würden, und die Besserverdienenden geben auch in den Stadien die lauten Töne an. Daß dort fast ausnahmslos begüterte Mexikaner oder doch wenigstens welche aus der Mittelschicht zu finden sind, hat die WM-Organisation zu verantworten. Sie betreibt den Kartenverkauf gewinnmaximierend,
und so kostet in der Spitze ein Platz mit 25000 Pesos fast den halben Mindestmonatslohn eines Arbeiters.
Mexikos höchste Stände geben sich dem Fußball in der gediegenen Atmosphäre ihrer "palcos" hin. Für diese weiträumigen Logen kommt die Jahresmiete auf rund 150000 Mark. Dafür gibt es dann bequeme Stühle, Drinks aus der Bar sowie die Möglichkeit, die Flüssigkeit in der eigenen Toilette wieder loszuwerden. Inzwischen hat der nationale Überdruck auch jene Oberschichtkinder erfaßt, die gemeinhin vom schweißtreibenden Kicken wenig und von sanften Partys viel halten. "Los Popis", wie die Popper in Mexiko heißen, bringen in privaten Clubs neue und alte Leidenschaften in Einklang: für 7000 Pesos gibt es einen großen Bildschirm und Saufen satt.
Den Vorwurf, daß die Copa Mundial eine Fiesta der dünnen mexikanischen Oberklasse ist, versuchte Televisa in letzter Minute mit Massen-Veranstaltungen abzuwehren. In drei Sportparks stellten die Fernseh-Manager gigantische Leinwände auf, um die Besitzlosen an dem Fest teilhaben zu lassen. Doch es wurde, trotz Kirmes rundherum, ein Flop: Ein miserables Bild und die jahreszeitgemäßen Wolkenbrüche am Nachmittag schreckten die Besucher ab - wenn sie nicht ohnehin Wichtigeres zu tun hatten, als Fußball anzusehen.
Je länger die Fußball-Fete dauert, desto deutlicher tritt Mexikos Wirklichkeit hervor. Vor das Pressezentrum wagte sich Mitte vergangener Woche ein Demonstrant mit Schild: "Die Fußball-WM ist Opium fürs Volk". Auf dem Zocalo protestieren die Erdbebenopfer des Stadtteils Tepito gegen ihre Hausbesitzer. Nach deren Willen sollen mindestens 25000 Menschen irgendwo am Stadtrand verschwinden; statt die Häuser zu sanieren, möchten die Hausherren die staatliche Erdbeben-Hilfe dazu benutzen, in Tepito ertragreiche Bürohäuser zu errichten.
Zerschlagen hat sich längst die Hoffnung, Touristenströme zur WM könnten Mexikos maroder Wirtschaft ein wenig Entlastung bringen. Anfangs sollten 80000 Fremde kommen, jetzt glauben Tourismus-Experten gerade noch an etwa 25000 Gäste. Im zentral gelegenen "Restaurante der Circulo Vasco-Espanol" stolpern fünf Kellner fast vor Eifer übereinander, um den einzigen Fremdling zu bedienen.
Täglich muß Televisa in den hauseigenen Fernseh-Sendungen die überzähligen Eintrittskarten feilbieten. Die Zeitungen sind voll von den Offerten enttäuschter Schwarzmarkthändler. "Es ist nicht der World Cup der mexikanischen Bevölkerung", erklärt die "Mexico City News" das Desinteresse an den teuren Tickets. Zum Spiel zwischen Dänemark und Uruguay im Slum-Vorort Nezahualcoyotl wurden die öffentlich Bediensteten von ihren Arbeitgebern aufgefordert, zwecks schönerer Optik das Stadion zu füllen.
Mexikos Volk nimmt die Fußball-Weltmeisterschaft am Fernseher wahr und sorgt sich im übrigen, wo der nächste Peso herkommt. Dabei allerdings sind die Fremden eine Hilfe: Es wird beeindruckend viel geklaut, wohl mehr noch als sonst schon üblich.
Bei einer deutschen Journalistin stiegen geräuschlos Diebe gleich zwei Nächte nacheinander ins Hotelzimmer und bedienten sich. Ein britischer Kollege meldete aus Irapuato, daß ihm die Rückkehr nach Mexiko-Stadt mangels Geld verwehrt sei. Sogar vor den landeseigenen Fußball-Helden machen die Räuber nicht halt: Manuel Negrete, einem der Stars, nahmen sie Geld und Schmuck für zwei Millionen Pesos ab.
Während Mexikos Oberschicht noch verzweifelt den Frohsinn auslebt, sorgen die da unten schon vor - für die schwere Zeit danach.

DER SPIEGEL 25/1986
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