16.06.1986

„Nicht brutaler als sonst“

SPIEGEL-Interview mit Brasiliens Ex-Weltmeister Pele *
SPIEGEL: Pele, mit 45 Jahren haben Sie sich als Spieler für Brasilien zur Fußball-Weltmeisterschaft zurückgemeldet. War das ein Witz?
PELE: Wieso denn? Ich habe durchaus im Ernst gefragt, ob ich gebraucht werde.
SPIEGEL: Glauben Sie tatsächlich, unter Zwanzigjährigen mithalten zu können?
PELE: Ich hätte einen Moment gebraucht, um mich körperlich fit zu machen. So sehr hat sich der Fußball seit meiner Zeit auch nicht verändert. Jetzt ist es natürlich zu spät. Außerdem sind die Brasilianer Erster in ihrer Gruppe geworden, auch wenn sie bisher nicht besonders gut gespielt haben.
SPIEGEL: Welche Mannschaften haben Ihnen denn besser gefallen?
PELE: Die Dänen. Ich hatte sie vor einigen Monaten in Europa gesehen. Schon da hat mich ihre Art, Fußball zu spielen, sehr beeindruckt. Sie ähneln in ihrem Stil den Holländern vor acht Jahren während der Weltmeisterschaft in Argentinien. Und die Russen haben mich wirklich überrascht. Noch vor acht Monaten haben sie ziemlich dürftig gespielt. Jetzt sieht es so aus, als hätten sie die größten Fortschritte gemacht und gehörten zu den engen Favoriten.
SPIEGEL: Viele Stars haben bisher enttäuscht. Haben Sie wenigstens neue Sternchen entdeckt?
PELE: Von den großen Stars war bisher, mit Ausnahme von Maradona vielleicht, nicht viel zu sehen. Aber es gibt ein paar Leute, aus denen etwas werden kann. Die Dänen haben zwei erstklassige Spieler, Laudrup und Elkjaer-Larsen. Doch Larsen ist auch schon 28 Jahre alt und damit nicht gerade ein Senkrechtstarter.
SPIEGEL: Haben vielleicht die vielen groben Fouls die großen Spieler gebremst?
PELE: Hier wird nicht brutaler gespielt als bei jeder voraufgegangenen Weltmeisterschaft. Es gibt immer Spieler und Mannschaften, die ihre Gegner durch Härte einzuschüchtern versuchen. 1966 in England bin ich durch zahllose Tritte außer Gefecht gesetzt worden. 1982 in Spanien ging es Maradona ebenso.
SPIEGEL: Liegt es an überforderten Schiedsrichtern, die zu viele Fouls übersehen?
PELE: Für die Schiedsrichter gilt das gleiche wie für die Fouls: Es hat sich nichts geändert. Lediglich eine Fehlentscheidung war wirklich gravierend: das Tor der Spanier gegen Brasilien, das nicht anerkannt wurde. Aber das ging so schnell, daß es schwer war für den Schiedsrichter, in dieser Sekunde richtig zu entscheiden.
SPIEGEL: Sind 24 Mannschaften bei einer WM nicht zuviel? In 36 Vorrundenspielen scheiden nur acht Mannschaften aus. Neben dem Gruppensieg Marokkos passierte keine Überraschung.
PELE: Der Fußball-Weltverband Fifa will damit die Länder der Dritten Welt stärker am Weltfußball beteiligen. Das finde ich richtig.
SPIEGEL: Als Kolumbien die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 1986 aus Geldmangel zurückgeben mußte, übernahm Mexiko das Turnier zum zweitenmal innerhalb von 16 Jahren. Warum erhielt nicht das Fußball-Entwicklungsland USA, das sich ebenso beworben hatte, diese Chance?
PELE: Wer versteht das schon? Franz Beckenbauer und ich haben uns damals bei Fifa-Präsident Joao Havelange für die Vereinigten Staaten stark gemacht. Aus einem guten Grund: Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles war Fußball die Publikums-Attraktion. Diese Begeisterung hätte man aufnehmen können und müssen. Aber die Herren von der Fifa waren offenbar anderer Meinung.
SPIEGEL: Sie kommen nicht davon, ohne Ihre Meinung über die deutsche Mannschaft zu sagen.
PELE: Ich will ganz ehrlich sein: Ich habe die Deutschen vor vier oder fünf Monaten gesehen und fand sie miserabel. Sie hatten keine Stürmer, ein schwaches Mittelfeld, und dazu fehlte jeglicher Spielwitz. Hier in Mexiko haben die Deutschen mich überrascht. Auch ohne Rummenigge spielen sie ganz ordentlich. Irgendwie haben sie es wieder hingekriegt, diese Deutschen.

DER SPIEGEL 25/1986
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DER SPIEGEL 25/1986
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