11.08.1986

FLUCHTHILFEWestwärts gewendet

Mit ihrem Puppenflucht-Schwindel foppten zwei Geschäftemacher die Presse, nicht die DDR. *
In der Küche einer Etagenwohnung zu Berlin-Schöneberg erfuhr der englische Journalist Clive Freeman am Donnerstag vorletzter Woche von einer "absolut sensationellen Flucht durch die Mauer". Hausherr Wolfgang A. Quasner, 45, erzählte freimütig, wie er einem DDR-Bürger half, als Sowjetsoldat getarnt Ost-Berlins Grenzer zu düpieren.
Unter Vermittlung des Mauerkämpfers Rainer Hildebrandt, des Vorsitzenden der "Arbeitsgemeinschaft 13. August", die unmittelbar am Ausländerübergang in der Friedrichstraße ein Fluchtutensilien-Museum ("Haus am Checkpoint Charlie") unterhält, wurden die Herren handelseinig. Für 4000 englische Pfund (rund 12000 Mark) erwarb Freemans "Daily Mail" die Rechte zur exklusiven Vorab-Veröffentlichung.
Der "Daily Mail"-Aufmacher vom "Dummy run", der in Drei-Zentimeter-Lettern überschriebenen "Puppenflucht"-Story, eröffnete am frühen Morgen des vorletzten Freitag ein Medien-Beben rund um die Mauer. Vormittags, mit dem versprochenen Zeitabstand, versammelte Hildebrandt eine Hundertschaft Journalisten im Dokumentationszentrum seines Vereins. Von Hildebrandt als "solide arbeitender Fluchthelfer" ausgewiesen, stellte Quasner seinen Schützling vor, den 48jährigen Ost-Berliner Vulkanisierer Heinz Braun.
Beide schilderten die tollkühne Geschichte vom DDR-Dissidenten, der Ende Juni im Kofferraum eines Diplomatenwagens schon einmal durch die Mauer gekommen war, sich auf dem gleichen Weg zurückschleusen ließ, um seine Freundin zum Mitkommen zu bewegen, und schließlich mit Hilfe des Russentricks den endgültigen Abgang schaffte: Braun erzählte, wie er als uniformierter Fahrer einer vorgeblichen Sowjetstreife - im olivgrün gespritzten Kombi und begleitet von militärisch kostümierten Schaufensterpuppen - bei der Grenzdurchfahrt "die längsten Sekunden des Lebens" verlebte.
So verblüffend die Story sich auch ausnahm: Erste überprüfbare Fakten der Story stimmten. Die Verbindungen Quasners zur Fluchthilfe-Szene und seine einschlägigen Qualitäten als Paßfälscher waren auch der Polizei bekannt.
Mittäter Braun, auch das ließ sich eruieren, war tatsächlich im Juni aus Ost-Berlin gekommen und als Reifenhändler, wie angegeben, in der 103. Straße, Nummer 27, in Pankow gemeldet. Zudem haben Flüchtlinge in Uniform schon wiederholt Ost-Berlins Grenzer übertölpelt. So entschlossen sich Nachrichtenagenturen, Fernsehanstalten und Dutzende Blätter, der SPIEGEL eingeschlossen, die Sache zu publizieren.
Nach dem prompten Dementi der DDR-Nachrichtenagentur ADN entlarvte letzten Mittwoch auch der West-Berliner Staatsschutz die Uniform-Flucht. Braun und Quasner bestätigten, die Geschichte sei "frei erfunden", sie hätten lediglich spektakulär "auf den 25. Jahrestag des Mauerbaus aufmerksam machen" wollen. ADN frohlockte: "Peinlich, peinlich."
War es auch. Am angeblichen Fluchttag stellte sich hinterher heraus, war kein sowjetisches Militärfahrzeug in den Wachbüchern der Grenzer registriert. Und die West-Berliner Boulevard-Zeitung "BZ" präsentierte auch noch den Lackierer ("Ich kann nicht länger
schweigen") samt Werkstatt, der den angeblich in Ost-Berlin umgespritzten Lada im Wedding für 200 Mark olivgrün lackiert hatte.
"Nicht die DDR-Grenzer", meldete die "tageszeitung" korrekt, sondern "die Medien wurden von russischen Uniformen gefoppt". Allen voran der Londoner "Daily Express", der Donnerstagnacht beim Konkurrenten "Daily Mail" abkupferte und sich damit für die Frontseite der Freitagausgabe die Voraus-Ente von der "waghalsigsten Flucht in der 25jährigen, blutigen Mauergeschichte" einhandelte.
Dabei hatte Quasner mit Braun zunächst einen anderen "Türken, der kaum was kostet", ersonnen. Geplant war, einen nachgemachten Rotarmisten-Lada vom Westen her an den "Checkpoint Charlie" fahren zu lassen. Dort sollte sich Braun, nach Stuntman-Manier unterm Wagenboden verkrallt, vor Kameras herausfallen lassen - für das Sensationsphoto "Ostbürger flieht mit nichtsahnender Russenpatrouille". Doch die Puppenflucht schien den Planern letztlich realistischer.
Geschäftstüchtig machten sich die beiden ans Vermarkten. Als erstes Opfer war die BBC ausgeguckt. Für die Engländer sollte eine geschickte Fälschung inszeniert werden: Der puppenbestückte Lada wird auf einem Schleichweg direkt an den Übergang gefahren und erscheint erst im Bild, nachdem er westwärts gewendet hat - als käme er soeben von drüben. Doch der Deal mit der BBC scheiterte.
Der Konkurrenz von "ITN" gefiel zwar auch nicht, daß Quasners Sowjetwagen nur auf West-Berliner Pflaster gezeigt wurde, doch der eloquente Filmer "machte das Spiel" (Clive Freeman) und schloß mit den Fernsehleuten für 3000 Pfund ab.
Mit einschlägigen Filmen hat Quasner Erfahrung. Vor drei Jahren kursierte ein Quasner-Streifen, in dem die Flucht eines schwarzgeschminkten DDR-Menschen mit dem Paß eines Ghana-Diplomaten dokumentiert wird. Vergebens boten Vermittler das Werk US-Fernsehanstalten an. Es landete schließlich unter dem Titel "Flucht in schwarzer Haut" in Hildebrandts Mauer-Museum, wo sich bisher noch keiner daran gestoßen hat, daß auch hier ein entscheidender Moment, der Grenzübergang, nicht im Bild zu sehen ist.
Hildebrandt ist über den Puppen-Trick seiner Gewährsleute "entsetzt" und vermutet nun "hinter allem den Stasi", den Staatssicherheitsdienst der DDR. Die Polizei hat dafür "keinerlei Hinweise". Sie ermittelt gegen Braun und Quasner wegen Urkundenfälschung sowie unbefugter Uniformbenutzung, die nach Strafgesetzbuch ein Jahr, nach alliierten Bestimmungen in Berlin sogar fünf Jahre Freiheitsentzug eintragen kann.
Gegen Betrugsvorwürfe wehrt sich Quasner mit der Beteuerung, die Medienhonorare sollten auf einem Sperrkonto gesammelt und später zurückgezahlt werden: dazu will er sich, wenn auch rechtlich unverbindlich, in einer bei seinem Anwalt hinterlegten Erklärung verpflichtet haben.
Von ehemaligen Maueraktivisten wird Quasner, der "jahrelang mit Dutzenden von Fluchthelfern" gearbeitet haben will, jetzt sogar die Branchenwürde abgesprochen. Alt-Fluchthelfer Albert Schütz, einer der Großen aus dem Milieu, bezweifelt die von Quasner vorgelegte Bilanz. Sein ehemaliger Kompagnon habe keineswegs, wie behauptet, 400 Fälle von Fluchthilfe organisiert, darunter einmal sogar die Flucht zweier Familien in Mönchskutten und Nonnengewändern. Schütz: "Allet Pisse, der war mein Graphiker und machte ordentliche Stempel. Fluchthelfer war der nie." Mauerspezialist Wolfgang Fuchs, der 1964 unter dem DDR-Schutzwall hindurch den "Tunnel 57" für 57 Ost-Berliner buddeln half, will gar von einem Fluchthelfer Quasner "noch überhaupt nichts gehört" haben.
Jedenfalls hatte der Organisator der Puppenflucht zu Uniformen früher eine ganz andere Affinität. In den siebziger Jahren war Quasner Nachtklub-Gastronom. Im "Royal", das er damals im Berliner Rotlicht-Milieu unterhielt, erfreute er "hochgestellte Alliierte" mit "Mädchenbedienung".
Der Windikus hatte wohl auch guten Grund, den Journalisten eine verflossene Quasner-Visitenkarte vorzuenthalten, die Ende letzter Woche in der Szene zirkulierte. Danach machte er schon mal als "Diplom-Parapsychologe" mit dem Alias-Namen "Magnussen" Geld. Die Karte empfahl ihn für "Auskunft über alles, was Sie wundert!"

DER SPIEGEL 33/1986
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